Was ist das Klapperhorn?

Das weiß niemand genau. Das macht es zum geheimnisvollsten aller gewöhnlichen Instrumente. Einem sogenannten Paradoxalklinger.

Es wird nur mit gesprochenen und geschriebenen Worten intoniert. Mal scheppernd, mal klagend, fröhlich fidelnd oder zu Tode betrübt. Seine Klänge sind ausnehmend schön, vielstimmig und kratzig schmerzend, leise einflüsternd oder von tösendem Lärm. Es ist unmöglich vorauszusehen, was dem Klapperhorn als nächstes für Töne entlockt werden. Was sage ich, geradezu entringen muss man diesem widerborstigen Ding jeden einzelnen Ton.

Spielen gelernt habe ich es während meiner Zeit in den deutschen Senkgassenmooren. Eine heruntergekommene Gegend im Nordwesten der Mittelgebirgslandschaften, die ich niemandem empfehlen kann, zu betreten. Nichtmal in Begleitung. Und schon gar nicht bei Tageslicht. Man will das einfach nicht sehen. Schon ein vorsichtiger, unschuldiger Blick kann einen gesunden Menschen in den Wahnsinn treiben. Selbst eine vage Beschreibung dieser düsteren Ecke unseres sonst so fröhlichen Landes ist für das unbedarfte Gemüt zu viel.

Ihr fragt euch, wie ich meinen Aufenthalt dort unbeschadet überstehen konnte? Nun, das konnte ich nicht. Ein einmal den perfide wabernden Dünsten der Senkgassenmoore ausgesetzter Geist wird niemals mehr der gleiche wie zuvor. Das ich nicht dem Wahnsinn anheim gefallen bin, als ich eines Nachts (Dem Schicksal sei dank, es war Nacht!) im Zustand der geistigen Umnachtung infolge übermäßigen Malzbiergenusses einige unvorsichtige Schritte tat und irgendwie so in die düstergraudeutschen Gefilde geriet, ohne es zu merken. Der zunehmende Gestank, der meine Nase beleidigte, hätte mir ein alarmierendes Zeichen sollen, das etwas nicht stimmt.

Ich weiß, eigentlich wollte ich erklären, was das Klapperhorn ist. Doch das ist nicht möglich, ohne zu berichten, wie ich daran geriet. Daher möge man mir die mythenmetzsche Abschweifung* verzeihen. Und um ehrlich zu sein: Die eine Geschichte ist besser als die andere, welche ohne erstere nicht funktioniert. So ist das nun mal. Also Geduld und nur die Ruhe, lieber Leser!

Ich wandelte also in Unkenntnis dessen, wo herein ich gerade geriet, durch die laue Sommernachtsluft, von der Feuchtigkeit der naheliegenden Ruhr geschwängert. Dachte an dieses, an jenes, wie es mir so gegeben ist, als sich die ersten Vorboten des aufkeimenden Wahnsinns durch meine fadenscheinig blass schillernde Aura bohrten. Krude Gedanken zuckten durch meine Hirnwindungen. Angst, kalter Schweiß und bohrende Fragen drängten sich mir auf. Doch aus irgendeinem Grund passierte mir nicht das, was jedem anderen widerfuhr, der in diese gefilde geriet. Ich fiel nicht um. Ich rannte nicht wahnsinnig schreiend und mit den Armen fuchtelnd in eine beliebige Richtung davon. Und ich implodierte nicht. Die wohl häufigste Reaktion auf Senkmoorgasseneinflüsterungen, wie ich aus zwielichtigen Kreisen erfuhr.

Mir schwindelte, aber anscheinend war ich gefeit. Ängstlich tapsend suchte ich meinen Weg durch die grauschwarzgrauen Verwirrungen schreckensverzerrter Anblicke. Fragte mich, wo ich bin, und wie ich wieder dort wegkomme. Ich wollte die Augen schließen, um das Elend nicht mehr zu sehen, doch befürchtete ich, über die überall wuchernden Ranken von schwarzeitrigfarbenen Gerüchten zu stolpern. Oder noch schlimmer, mich darin zu verheddern und zu stürzen. Tapfer zwang ich mich sehenden Auges weiter zu gehen, auf der Suche nach einem Weg, der mich wieder heraus führte, aus diesem abscheulichen Tal der Tränen.

Ich mochte die Hoffnung schon aufgeben, da stand ich plötzlich vor einem besonders häßlich stinkendem Hügel. Während ich ihn voller Abscheu musterte, drang eine tiefe, sumpfige Stimme aus seinem Innern an mein Ohr. Der Stinkende Klang brachte mich fast zum Würgen. Mir war noch niemals etwas angsteinflößenderes als dieser Hügel untergekommen.

„Wer spricht da?“, fragte ich pauschal in Richtung des Hügels. „Der Scheiterhaufen der Geschichte“, bekam ich in übelriechendem Moll zur Antwort. Nicht jemand in dem Hügel, sondern der Hügel selbst sprach mit mir.

„Was willst Du?“ fragte der Scheiterhaufenhügel. Ich meinte sogar so etwas wie schwarzverkohlte Lippen zu erkennen, die sich etwas auf und ab bewegten, während er das Wort an mich richtete.

„Was ich will? Du hast doch mich angesprochen!“ entgegnete ich trotzig. Ich wollte mir trotz der einschüchternden Umgebung den Schneid nicht abnehmen lassen. (Warum sagt eigentlich jeder „den Schneid abkaufen“, da wird doch nichts verkauft? Mir jedenfalls hat noch niemand Geld für meinen Schneid geboten. Eher noch wollte man ihn mir ganz für umsonst ausprügeln. Aber das tut jetzt wohl nichts zur Sache. Dennoch merkwürdig. Ich werde dem beizeiten nachgehen.)

„Sei nicht albern! Du musst etwas wollen. Zum Beispiel von hier wegkommen. Oder wissen, wo Du Dich hier befindest. Also?“ Der Scheiterhaufen zog eine Augenbraue aus verkohlten Balken und unentdeckten Talenten hoch. Es sah fast aus, als grinse er verschmitzt.

Verunsichert ob dieses grotesken Anblicks entschied ich mich für den direkten Weg. „Also gut, du hast mich ertappt. Wo bin ich hier? Und vor allem: Wie komme ich hier wieder weg?“

„Du befindest dich in den Senkgassenmooren. Ein Ort, der sich von Seelen nährt. Um zu erkennen, wie Du hier wieder heraus findest, musst Du verstehen, wieso Du hier sein kannst, ohne verrückt zu werden. Frage dich, wieso die hier überall schwebenden diabolisch düsteren Einflüsterungen dich nicht dräuen.“

Ich überlegte. Es stimmte, wenn ich es recht bedachte, waren die an mein Hirn vordringenden Gedanken von zerstörerischer Beschaffenheit. Wieso konnte ich sie verkraften? Ich ging in mich.

Nach einer Weile fiel mir auf, dass die Gedanken nicht an mir abprallten. Ich ließ sie zu, und sie schwirrten dann wieder raus. Allerdings hatte ich sie dann gefiltert. Hörte ich da einen leisen Klang? Die wieder ausströmenden Gedanken waren weniger düster und schwangen als Töne nach. Ich berichtete sofort dem Scheiterhaufen der Geschichte von meinen Beobachtungen.

„Das hast Du richtig erkannt. Aber was machst Du mit dieser Erkenntnis?“ fragte der Haufen.

Ich nahm weiter wahr. Nicht alle Gedanken fanden Einlass in meinen Kopf. Manche schienen abgewehrt zu werden. Sie wechselten im letzten Moment die Richtung. Drehten ab und schossen dann hin und her, bevor sie ganz verschwanden oder vor meinem geistigen Auge vergingen. Auch diese Beobachtung berichtete ich dem Scheiterhaufen.

„Du lernst schnell.“, antwortete er. „Du verwirrst die Gedanken. Du beherrscht die Kunst der Verwirrungsablenkung!“.

„Verwirrungsablenkung?“ Scheel schaute ich ihn an. „Was soll das heißen? Und wie hilft mir das?“, der einzige, der mir verwirrt vorkam, war ich selber.

„Spiel damit, probier es aus, lerne das Klapperhorn zu spielen.“, seine rätselhafte Antwort brachte mich in Wallung.

„Was zur Hölle ist ein Klapperhorn?“ warf ich ihm in patzigem Ton an den Kopf, oder wie auch immer man das bei einem Scheiterhaufen der Geschichte nennen mag.

„Du wirst es wissen, wenn Du es spielst. Was Du im Grunde schon tust. Du musst nur lernen, es wahrzunehmen und zu kontrollieren. Das ist Dein Weg nach draußen.“

Das klang logisch. Dennoch stutzte ich. „Wieso solltest Du mir helfen wollen?“ fragte ich den Scheiterhaufen der Geschichte misstrauisch.

„Na, wieso nicht. Immerhin wirst Du irgendwann ein Teil von mir. Ich helfe mir also selbst!“, antwortete er mit lässigen, aber irgendwie auch gehässigem Tonfall.

Entrüstet begehrte ich auf. „Ich? Auf dem Scheiterhaufen der Geschichte?“ Ha! Das wollen wir doch erst noch sehen!“ Ich war ernsthaft erzürnt. Was nicht schlecht war, denn meine von den düsteren Gedankenangeriffen doch etwas vernebelten und verlangsamten Sinne wurden wieder belebt. In meinen Gedankengängen wurden wieder alle Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgehoben und Gedanken zuckten wie Blitze durch die Hirnwindungen. Immer schneller filterte ich Düsternis oder wehrte sie kraft der Verwirrung ab.

Ein kleiner Zynismus hier, eine Paradoxalabschweifung da, oder eine Logikfinte dazwischen und die gefilterte Düsternis begann immer vielstimmiger zu klingen, in Millionen Farben der Fantasterei. Wie ein Abgesang auf die Schrecken trister, nüchterner Formulierungspraktik. Ich spielte tatsächlich das Klapperhorn, in all seinen Facetten! Glückshormonelle Seeligkeit breitete sich in meinem Gemüt aus. Und ich zeigte dem Scheiterhaufen grinsend noch den verbalen Stinkefinger, als ich mich wieder mit nur wenigen gedanklichen Schritten in der Gewöhnlichkeit westdeutscher Großstädtigkeit manifestierte.

Mit klappernden Knien und klapperndem Horn suchte ich schnellstmöglich den Heimweg zum wärmenden Kamin meiner Wohnung. Trotz allen Adrenalins hatte die eingeströmte Düsternis mir das Innere verkühlt. Und trotzdem frohlockte ich. Ich war dem Scheiterhaufen der Geschichte entkommen und hatte das Klapperhorn spielen gelernt.

Ich war seither noch einige Male in den Senkgassenmooren. Mal habe ich mich dorthin verirrt, als ich ich nicht aufgepasst habe. Manchmal aber auch aus purer Abenteuerlust. Und um die Meisterschaft im Klapperhornspielen zu erlangen. Die kann man nämlich nur mit ein wenig Düsterdruck im Nacken erringen. Ich vermute es liegt an Angst und Adrenalinzufuhr.

Was das Klapperhorn ist? Genauer als durch die Geschichte, wie ich es errungen und zu spielen erlernt habe, kann ich diese Frage nicht beantworten. Nur soviel noch: Es ist die immaterielle Manifestierung von Feder und Tinte. Von Wortklauberei und Formulierungsklang. Und es ist in jedem Menschen, der es spielt. Häufig auch, ohne es zu wissen.

© Jo Wolf

* Die mythenmytzsche Abschweifung ist eine von Walter Moers, in seinen Romanen rund um die Welt Zamonien, geschaffene Wortschöpfung. Ich erlaube mir, sie hier zu benutzen, weil ich diese Romane großartig finde und viele der darin enthaltenen Wortschöpfungen Einzug in die Alltagssprache meines sozialen Umfeldes erhalten haben. Solltest Du, Walter Moers, dies nicht wollen, gib mir einen Hinweis und ich lösche den Ausdruck aus meinem Text.

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