Des kleinen Mädchens Bußgang

Der Vater des kleinen Mädchens war vor einigen Wochen von ihr gegangen und ihre Mutter war ihm heute gefolgt. Genau genommen gestern, denn die Nacht war bereits weit fortgeschritten.

Er war ein Geldsack gewesen, ein Geizhals wie er im Buche steht. Verflucht von vielen, auch nach seinem Tod. Die Mutter eine fromme Frau, doch krank von den Pfennigfuchsereien und grausamen Herzlosigkeiten des Mannes. Daher hatte sie auch ihren Schwur nicht erfüllen können, zur Buße der Taten ihres Mannes, nachts betend, barfüßig im Büßerhemd, den alten Kreuzweg zu gehen, so dass sein Geist zur Ruhe kommen kann. Es hieß, das der Kreuzweg besondere Kraft verlieh. Doch jetzt stand auch das Seelenheil der Mutter auf dem Spiel. Weinend hatte das Mädchen an ihrem Bett gestanden, als diese sich gebrochen Herzens auf ihre letzte Reise machte.

Jetzt hatte sich auch das Mädchen auf eine Reise gemacht. Auf den Kreuzweg, den Schwur der Mutter zu erfüllen. In nichts als das zu große Büßerhemd der Mutter gehüllt, schleppte sie sich durch die kalte Novembernacht in den Wald. Der düstere, wolkenverhangene Himmel ließ nur selten das Licht des Mondes durchschimmern. Frierend stolperte sie durch das Dunkel. Begleitet von Furcht, getrieben von Angst. Unbekannte Geräusche ließen sie aufschrecken. Bewegte sich etwas zwischen den Bäumen? Sie mochte stocken, doch es trieb sie weiter. Leise murmelte sie die Worte, die sie von der Mutter gelernt hatte. Ihr einziger Halt.

Etwas schimmerte am Wegesrand. Ein schwaches, weißes Leuchten. Es begleitete das kleine Mädchen. Vertrieb ihre Angst. Gab ihr Halt. Noch ein Schimmern. Ein tief dunkles, rötliches Leuchten. Panik machte sich in ihr breit. Es umkreiste sie, brachte sie zum straucheln. Fast wäre sie gestürzt. Sie lief schneller. Kam außer Atem. Lief langsamer. Nicht stehen bleiben. Sie vergaß die Worte. Schluchzte. Betete weiter. Versuchte das weiße Leuchten im Auge zu behalten, das dunkle zu vergessen, doch es drängte sich ihr immer wieder auf. Durchleuchtete ihren Leib, das es sie schauderte. Sie strauchelte und stürzte in den Dreck. Das Knie an einem Stein aufgeschürft. Stand auf. Taumelte weiter. Weinte. Aber immer weiter beten und den Weg nicht aus den Augen verlieren. Ein höhnisches Lachen? Sie bibberte vor Kälte. Konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Fiel wieder. Kroch weiter. Durchflutet vom dunklen Leuchten, dann wieder erhellt vom weißen Leuchten. Erhob sich halb, stolperte nach vorne.

Die Lichter der Stadt. Der Kirchturm. Das Leuchten verschwand. Sie stürzte weiter. Bis vor die Kirchtore. Dort blieb sie liegen.

So fand sie der Pfarrer einige Zeit später. Trug sie zu einem Arzt. Am nächsten Tag ging es ihr nur wenig besser. Lange krankte sie in ihrem Bett, von fiebrigen Träumen verfolgt, bevor sie einige Zeit später an einer Lungenentzündung starb.

© Jo Wolf

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2 Kommentare zu „Des kleinen Mädchens Bußgang

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