Verkannte Sucht

Süchte und Suchtmittel werden oftmals falsch eingeschätzt, genauso wie der Weg, der in die Sucht führt. Viele Menschen verbinden nur die üblichen Verdächtigen mit dem Wort „Droge“, das wären z.B. Haschisch oder Kokain. Die vielen Alltagsdrogen, die sich schon lange in unserer Kultur verankert haben, hat kaum jemand auf dem Programm, sei es Zucker, Koffein oder fernsehen. Der Schaden, den diese Suchtmittel anrichten, lässt sich kaum überblicken. Ich selbst bin auch schon in eine solche Falle getappt. Das kam so:

Ich war noch sehr jung und naiv, als es mir passiert ist. Eigentlich darf man das garnicht erzählen, denn wie es ablief, war ein Klassiker. Als ob meine Mutter mich nicht gewarnt hätte. Doch das hat sie, viele Male.

Es war ein geselliger Abend in der überfüllten Discothek. Ich war war in Partylaune und nicht achtsam, als mich ein gutgelaunter junger Mann an der Theke ansprach. Ich war schnell in ein angeregtes Gespräch verwickelt, während jemand anders hinter meinem Rücken ein Mettbrötchen in die Cola getan hat. Nichts ahnend nahm ich den unheilvollen Cocktail zu mir. Von Alkohol, zu lauter Musik, Tanzen und Flirten die Sinne benebelt. Mir ist zunächst nichts aufgefallen. Aber das Gefühl, als die Wirkung einsetzte, war unbeschreiblich schön. Vor allem am Gaumen und auf der Zunge. Nichts ahnend genoß ich es, in Unkenntnis, was zu den wonnigen Gefühlen geführt hatte.

Ich wusste nur, dass ich mehr wollte. Und so geriet ich in die Fänge der beiden Dealer, die mir die Falle am Tresen gestellt hatten, Achmed und Mohammed. Sie versorgten mich mit den feinsten Genüssen. Immer mehr und immer erlesener musste es sein, Rind, Schwein, Geflügel, mit Zwiebeln oder ohne… und jede Menge frisch gemahlener Pfeffer. Die Kosten für meine delikate Sucht stiegen in schwindelnde Höhen, ich geriet auf die schiefe Bahn, Beschaffungskriminalität, ich lief von zu Haus weg. Setzte mich dahin ab, wo sich die Mettbrötchenszene damals traf, nach Mettmann. Später dann auch nach Frankreich, das Zentrum der europäischen Szene, Metz.

Das Leben war eine einzige Party. Wir hörten Heavy Metal, schütteten Met in Strömen am Hals vorbei und schlachteten Mettigel, das waren die reinsten Gemetzel. Und natürlich Kaffee, ohne Kaffee ging nichts mehr, die erste Trittbrettfahrersucht. Ich schwebte im siebten Himmel, als der Absturz begann. Ich wurde immer öfter erwischt, verbrachte zunehmend Zeit in Gefängnissen. Traf dort mehr falsche Freunde. Immer nur geleitet von der Gier nach der nächsten Mettsemmel. Ich hätte damals alles dafür getan, mich selbst wie Frischfleisch zur Benutzung auf dem Strich feil geboten.

Doch ich hatte Glück. Nach einer Überdosis landete ich im Krankenhaus, wo mir der Magen ausgepumpt wurde. Von dort wurden meine Eltern kontaktiert und ich kam heim nach Deutschland. Es wurde sich um mich gekümmert. Mir ging es so schlecht und trotzdem hätte ich den Absprung ohne Methadon niemals geschafft, da bin ich mir heute sicher.

Heute kann ich ein weitgehend normales Leben führen. Naja, nicht normal, aber zumindest frei von der Sucht. Dennoch, die Verlockung lauert überall, in Bäckereien, auf Sektempfängen und Frühstücksbrunchs mit Freunden. Oftmals treffe ich auf Unverständnis, wenn ich dann nichts von dem fleischlichen Genuß nehmen will. „Na komm schon, heißt es dann, sei doch nicht so!“. In diesen Momenten komme ich mir allein und unverstanden vor, ekle mich aber auch vor dieser Gesellschaft, die sich so blindlings in ihre Gier nach dem Mett ergibt. Dann denke ich wieder daran zurück, wie alles begonnen hat, mit einem Discobesuch und einer unschuldigen Cola. Denke voller Wut an Achmed, diesem schmierigen Ganoven aus der Mettmafia.

Doch letzten Endes überwiegt das Glück in dem Wissen, es geschafft zu haben. Dem Mettbrötchendrang jetzt widerstehen zu können. Und das wünsche ich jedem von euch aus tiefster Seele.

© Jo Wolf

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