Gedanken zu meinen Masken

 

Ich trage keine Masken,

habe viele Gesichter.

Jedes davon bin ich

und doch keines davon.

 

Eine Maske kann ich absetzen,

ohne mir die Haut in Fetzen abzuziehen.

Das, was darunter liegt, bleibt erhalten

und ist mein Gesicht.

 

Unter meinen Gesichtern liegt mein Innerstes,

unter jedem davon.

Es heißt, ich sei ein soziales Chamäleon,

weil ich mein Gesicht, meine Erscheinung,

beliebig anpassen kann.

 

Und doch ist nichts gespielt,

oder nur wenig davon.

Bin ich ein Schattenwesen,

eine geisterhafte Erscheinungsform?

 

Oder bin ich nichts,

solange ich das selber nicht weiß?

© Jo Wolf

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16 Kommentare zu „Gedanken zu meinen Masken

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  1. Sehr spannende Gedanken, die mich auch oft sehr beschäftigt haben. Manchmal habe ich mich selbst auch als Chamäleon gesehen und manchmal war ich mir gar nicht so sicher, was davon authentisch war und was nicht. Aber ja, vielleicht war das alles wirklich ‚ich‘, alles ein Teil von mir, von dem ich nichts abstoßen muss als „falsch“, sondern alles akzeptieren als meine schillernden und nicht-so-schillernden Facetten….

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    1. Danke für Deine Worte, May DelC. Selbstfindung und Selbstakzeptanz gehen wohl miteinander einher. Ich lerne nach und nach mit einem Lächeln auf meine verschiedenen Facetten zu sehen. Mal wertschätzend, mal mit Sarkasmus und manchmal eben doch mit Frust. Da der Weg steinig bleibt, habe ich mir zum Selbstschutz zumindest festes Schuhwerk angezogen. Geeignete Wanderschuhe erhöhen die Freude am Beschreiten erheblich. 😉

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  2. Hallo 🙂

    Ich bin gerade auf Blogbesuch (lieben Dank für deinen 🙂 ) und dein Gedicht hier finde ich unglaublich wunderbar und ein wahrer Schatz. Ein Schatz deswegen, weil er ein Versuch ist, deine Innenwelt nach außen zu wölben. Etwas zumindest 😉
    Herzlichen Dank dafür!

    Das mit dem Chamäleon kenne ich nur zu gut – wenn du magst, schau hier:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/09/05/das-chamaeleon-in-der-schublade/

    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute – es ist wirklich ein Glück wenn man fähig ist, Teile seiner Innenwelt in Worte zu fassen 🙂

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht dir
    Julia

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    1. Vielen Dank Julia, was Du mir hier rückmeldest, bedeutet mir sehr viel. Ich bin oft unsicher, was meine Texte, besonders die Gedichte angeht und so eine tolle Reaktion zu bekommen, versetzt mir gleichzeitig einen Schlag in die Magengrube, während es wie Öl runtergeht. 🙂
      Zu dem Chamäleon habe ich Dir etwas direkt unter den Artikel in Dein Blog kommentiert.

      Liebe Grüße

      Jo

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      1. Hallo Jo,

        oh – das mit dem Schlag in die Magengrube wollte ich wirklich nicht 😦 Ich hoffe, du erholst dich gut davon 😉 Nein, nein, ich weiß ja, wie es gemeint ist 🙂

        Aber ich kenne diese Ambivalenz der Gefühle und des eigenen Inneren – das hat auch recht viel mit dem eigenen Selbstwert zu tun – wie du ja auch schon weißt…

        Was mir unglaublich beim Verständnis meiner selbst geholfen hat, war das Buch über Hochsensibilität von Ilse Sand. Sie trifft mich direkt in meinem Herz und meiner Seele und sie schreibt nicht um den heißen Brei herum. Direkt, ehrlich und offen – das hat mir unglaublich weitergeholfen:
        http://www.chbeck.de/Sand-Kraft-Fuehlens/productview.aspx?product=16551955

        Wenn du der englischen Sprache mächtig bist, habe ich noch einen anderen Tipp für dich – und zwar von der Pionierin der Hochsensibilität Elaine Aron persönlich. Allerdings nicht ihr Buch über Hochsensibilität, sondern ihr Buch über das „Unterbewertete Selbst“ – „The undervalued self“. Meines Erachtens hat sie eines der wunderbarsten Konzepte entwickelt, um sich selbst zu durchschauen und zu einem gesünderen Selbstwert zu gelangen:
        http://undervaluedself.com/sensitivity.html

        Ganz wichtig: Bitte fühle dich nicht dazu gedrängt, mir zu diesen Links etwas mitteilen zu wollen – ich habe sie nur als Info hier gelassen – wenn sie helfen, wunderbar – wenn es gerade nicht in deinen Lebensplan passt, auch ok 🙂
        Ich wollte allerdings nichts unversucht lassen.

        Und von Herzen danke auch ich dir für deine ehrlichen Worte zu meinem Kommentar hier als auch auf meinem Blog. Ich habe mich unwahrscheinlich darüber gefreut – danke 🙂

        Liebe Grüße und pass gut auf dich auf,
        Julia

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  3. Masken sind in tribalen Kulturen oft die Anwesenheit der Schatten, Ahnen, Geister oder Götter. Im Tanz, im Ritual werden sie lebendig. Sie sind nichts, was einen Menschen verbirgt, sondern etwas, mit dem man kommuniziert, etwas, das die Welt erst ganz macht. Sie können gefährlich sein, vor allem für den Unvorbereiteten, es erfordert oft Wissen und Stärke, die Maske tragen zu können. Wer sich aber vorbereitet hat, wer weiß, wem er begegnet, wenn er die Maske trägt, der kann sie wieder „absetzen, ohne [sich] die Haut in Fetzen abzuziehen. Das, was darunter liegt, bleibt erhalten […]“. Man findet solche Masken zum Beispiel auch noch in den Festtraditionen ostasiatischer Kulturen, im traditionellen japanischen Theater, in den ursprünglicheren Formen des Karnevals in Europa, etwa in kleineren Orten in der Alpenregion oder in Spanien. Wenn man genau hinschaut, sind sie allgegenwärtig: Zu allen Zeiten, in allen Regionen der Erde gab oder gibt es sie. Nur haben wir westlich-aufgeklärten Bürger die Masken vergessen, weil wir glauben, herausgefunden zu haben, was der Mensch ist und dass es außer der menschlichen Vernunft nichts zwischen Himmel und Erde gibt. Als wir Europäer noch alle an den Gott glaubten, von dem man sich kein Bildnis machen soll, gab es die Masken noch, wenn auch die Priester und Mönche behaupteten, dass sie des Teufels seien und ebenso ihre Träger (denn eine Maske im eigentlichen Sinne des Wortes ist der ganze Leib, ist ein Gewand, ist Klänge, Worte, Rhythmen und Melodien, ist Bewegung, nicht nur eine Gesichtsbedeckung). Das spricht im Grunde genommen für die Klugheit der Geistlichen. Sie wussten, das die Masken nicht bloß Gegenstände waren, nur: wenn sie nicht zu dem dreieinigen Gott gehörten, dann mussten sie wohl oder übel zu den Dämonen gehören. Die Masken standen einst im Zentrum der europäischen Theaterkunst, der so genannten Commedia dell’arte und verwandter Theaterformen. Aber das Theater der Masken wurde wegreformiert, zugunsten der Menschendarsteller, denen man das Kunststück abverlangt, sich so zu verstellen, dass sie wahrhaftig „menschlich“ werden, und die dabei auch noch verhehlen sollen, dass ihre Verstellung etwas unter Anstrengung Hergestelltes ist. (Als ob wir das nicht im Alltag ohnehin schon zur Genüge tun und bei anderen erleben.) Am Ende haben die Schauspieler, die man nur noch das sagen lässt, was andere zuvor aufgeschrieben haben, nicht nur in den Augen des Publikums ihre Eigenständigkeit als Künstler verloren. Sie sehen sich oft selbst nicht mehr als souverän an und wagen es kaum, dem Regisseur, der sie in eine Badewanne voller Wasser setzt und drei Stunden lang Shakespeare rezitieren lässt, originelle Ideen entgegenzusetzen. Heute dient die Maske im Theater häufig nur noch als Requisit, als Metapher für das Versteckte, das Allgemeine oder die Heuchelei. Die Masken haben allerdings bei uns trotzdem überlebt: Als Figuren (Marionetten, Hand- und Stabpuppen, Schattenrisse …), die schon immer und überall ihre nahen Verwandten waren. Und glücklicherweise erkennen auch immer mehr Menschen, dass Figurentheater nicht nur etwas für Kinder ist. Figuren sind manchmal Reisende aus einer anderen Welt, die uns, weil sie von dort herkommen, wo alles anders ist, denken und träumen lassen, was möglich ist. Wozu hat der Mensch Phantasie, wenn nicht, um zu erfinden, um alles Mögliche zu erforschen, in Gedanken, im Spielen, im Musizieren und Tanzen? Wenn nicht, um zu erzählen und sich erzählen zu lassen? Der Mensch ist vieles, doch vor allem ein erzählendes Wesen, und er erzählt nicht nur mit der Sprache, sondern auf viele Arten und Weisen. Oft gehe ich nicht mehr ins Theater, und wenn, dann meistens nicht bloß der Unterhaltung wegen und noch seltener aus akademischem Interesse. Um mich belehren zu lassen schon gar nicht. Ich gehe ins Theater, wenn ich zu sehr zurückgeworfen bin auf mich selbst und meine kleine Welt, wenn ich gewissermaßen nur noch Stückwerk bin. Wenn ich eine Art verkehrten Phantomschmerz verspüre: Ich weiß zwar, dass ich noch ganz bin, dass alle meine Glieder und Wörter und Träume noch da sind, aber ich fühle sie nicht, sehe sie vielleicht nicht einmal mehr, kann mich nicht an sie erinnern. Theater, und besonders Figurentheater, kann für mich dann im eigentlichen Sinne des Wortes Heilung sein. Wenn der Schauspieler-Regisseur Herbert Fritsch mal mit einer seiner Inszenierungen in deiner Nähe gastiert: Schmeiß das, was uns im Deutschunterricht über Theater beigebracht wurde, für den Abend in den Papierkorb – niemand muss sich in jemanden „einfühlen“, es gibt keine „Botschaft“ (mitunter nicht einmal eine „Handlung“) – und probiere es mal mit ihm und seiner Truppe … das könnte etwas für dich sein. (Und es dauert in der Regel nicht drei Stunden.)

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    1. Ola, das sind viele Gedanken und Informationen, Ro. Danke dafür, ich verarbeite noch daran. Als Schauspieler im eigentlichen Sinne sehe ich mich ja nicht, dennoch stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit auf meine Gesichter (die im eigentlichen Sinne ja auch Masken sind, der Unterschied ist marginal). Die damit einhergehende Funktion als Kommunikationsform ist für mich der zentrale Punkt, mehr aber noch die Gefahr der Verschwindens hinter Schleiern. Den Unterschied macht hier wohl das zielgerichtete, das bewusst gesteuerte und selbst erkannte. Und die Reaktion der Umwelt auf die Maske. Möglicherweise befinden sich hier Aktion und Reaktion nicht im Einklang, stimmen nicht überein. Das Verweilen in den Masken birgt eine weitere der Gefahren, die Du angesprochen hast. Möglicherweise weiß der Träger selbst nicht, wem er begegnet, trägt eine nicht passende Maske oder behält sie zu lange auf. Die Hinweise von High Sensation Seeker gebe das vielleicht auch Aufschluß.
      Herbert Fritsch werde ich mal googeln, wobei ich ja schon auf erkennbare Handlung stehe 😀

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      1. Ich wollte Dich auch nicht mit einem Schauspieler vergleichen. 🙂 Dass wir alle Sozialrollen spielen, ist ja doch letztlich etwas anderes als das, was ein Schauspieler tut (auch wenn das auf das soziale Rollenspiel reagiert).
        Ich wollte einfach nur mal meine Assoziationen vor allem zur zweiten Strophe Deines Gedichtes aufschreiben, das ist dann zu einem kleinen Exkurs über die europäische Theatergeschichte vom Mittelalter bis heute ausgeartet. 😉 Das kann aber vielleicht andeuten, dass es mitunter hilfreich ist, über ein soziologisch-psychologisches Verständnis des Begriffs Maske hinauszudenken. Kulturgeschichtlich betrachtet sind die Bedeutungen des Wortes Maske nicht auf unseren gewohnten, eher metaphorischen Sprachgebrauch reduzierbar. Wichtig finde ich vor allem, über die Vorstellung hinauszugehen, dass die Maske den Maskenträger verbirgt. In vielen Praktiken, in denen tatsächlich Masken verwendet werden oder wurden, ist während des Spielens oder während des festlichen Ritus auch nach Außen der Maskenträger noch sichtbar. Das ist ein wichtiges Detail: Der Maskenträger verschwindet nicht hinter der Maske, sondern kommuniziert mit der Maske und über die Maske mit denen, die um ihn herum sind. Während die Maske an sich zugleich ebenfalls kommuniziert, weil mit ihr ein Ahne oder ein Dämon oder eine ähnliche Figur präsent ist. Die teilweise extreme „Andersheit“ von Masken wird hier in diesem Beispiel sehr deutlich (leider kenne ich die Mythen nicht, die damit verbunden sind): https://www.youtube.com/watch?v=whAY9R-_7ac Zugleich sieht man in diesem Beispiel, dass Maskenträger nicht unbedingt vollends in der Maske verschwinden.
        Zu versuchen, die Maske oder Figur als das zu erfahren, was sie in vielen Kulturen ist, nämlich das Andere, mit dem man Verbindung halten muss, damit sozusagen alles seine Vollständigkeit hat, kann sehr bereichernde Imaginationen auslösen. Das ist es, was ich als heilsam im Sinne von ganz machend empfinde. Ebenso heilsam kann Theater (nicht von ungefähr ursprünglich eine Heimat der Masken) sein, wenn man sich nicht nur darauf konzentriert, es mit den Augen, Ohren und dem Verstand wahrzunehmen. Sondern auch mit der Haut, mit dem Bauch und mit der Phantasie (sofern das Theater so gemacht ist, dass das funktioniert, aber das ist gar nicht so selten). Denn wir bestehen ja aus einem Leib und nicht nur aus Fernsinnen und Ratio. Es braucht dann nicht notwendigerweise eine „Handlung“ und es wird trotzdem etwas erzählt. Wenn auch nicht unbedingt etwas, das sich in Sprache fassen lässt. Sondern beispielsweise nur in Lachen (dann gefällt es mir persönlich am besten :D).

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  4. Vielleicht auch ein lohnendes Gedankenexperiment, zu dem mich dieses Nachdenken über Masken führt: Sind „Schattenwesen“ und „geisterhafte Erscheinungsform[en]“ möglicherweise ebenso wirklich wie die Menschen?

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    1. Vielleicht sind sie sogar Menschen. Menschen in den Schatten, jene die leicht übersehen werden, oder die in den Schatten Schutz suchen. Die sich nicht im strahlenden Licht nach vorne drängeln oder es zu ihrer Bühne machen. Oder sogar jene, die die Bühne des Lichtes betreten, in den Schatten aber die Erholung suchen, das Auftanken, den Ausgleich.
      Das geisterhafte kann vieles sein. Der unverstandene Mensch, oder der verkopfte. Der durch die Gemüter anderer Menschen geisternde, möglicherweise sogar dort etwas bewegende. Oder das unerwartet Auftretende, der Mensch, den wir an dieser Stelle nicht vermutet hätten, der da ist, wenn wir ihn brauchen, obwohl wir nicht mit ihm gerechnet hätten.

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      1. Wirklich ist, was wirkt, heißt es ja. Ich erschrecke mich manchmal vor meinem eigenen Schatten. Klar, das ist nur in meinem Kopf, aber den Schreck habe ich trotzdem. Da fällt mir die Geschichte von Schlemihl ein, der seinen Schatten verkaufte. Das hatte auch eine ziemlich durchschlagende Wirkung. Im Mittelalter gab es sogar Schattenstrafen, also der Schatten wurde anstelle des Delinquenten bestraft. Aber in dieser Epoche hat man ja vielem eine größere Wirklichkeit zugesprochen, das wir heute bei Licht besehen für unwirklich halten.

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