2 Monate im Leben eines depressiven Scanners

In der Zeit nach meinem Burn-Out war ich eine ganze Weile krank geschrieben und hatte offiziell nichts rechtes zu tun. Manchmal wurde ich gefragt, was ich denn die ganze Zeit mache. Ich selbst stellte mir die Frage bisweilen auch: „Wo ist bloß meine Zeit geblieben?“. Nach einer gründlichen Rekapitulation der Ereignisse und mit dem heutigen Wissen, dass ich eine Scannerpersönlichkeit bin (was ein Scanner ist erkläre ich jetzt nicht näher, der folgende Bericht wird Dir aber eine gute Vorstellung davon geben. Wenn Du mehr darüber wissen willst, hilft Google :-D), bleibt diese Frage nicht länger offen. Lass mich erzählen, wie ich die Zeit genutzt habe:

Langsam kehrte meine Energie und das Interesse am Leben zurück. Ich traf wieder Freunde und entdeckte meine alten Hobbys wieder. Zunächst vor allem eines, die Fotografie. Auf Hundespaziergängen ergaben sich auch einige schöne Motive und gerade bei gutem Wetter sorgte das für eine ausgeglichene, fröhliche Stimmung in meinem Gemüt.

Da ich digital fotografiere, waren die entstandenen Bilder auch immer sofort auf dem Computer greifbar und konnten auch so auch von mir selbst bearbeitet werden. Doch welches Programm ist das geeignete? Ich entschied mich für den Platzhirsch auf diesem Gebiet, Photoshop. Da hatte ich mich schon lange mal einarbeiten wollen, eine umfassende Aufgabe. Selbst Profis beherrschen meist nicht alle Möglichkeiten und Funktionen dieser Software. Allerdings ist es weniger gut für die Bildverwaltung und grundlegende fotografische Bearbeitung geeignet, als sein kleiner Bruder, die Software Lightroom. Also arbeitete ich mich auch in diese Software ein. Trainingsvideos und Bücher sind da gut für das autodidaktische Lernen geeignet.

Bei all der Beschäftigung mit der Fotografie, entstand der Wunsch, eine eigene, thematisch zusammenhängende Bilderserie zu gestalten, vielleicht auch in Form eines Bildbandes. Ich entschied mich für Grusel und Mystik und die Sagenwelt Westfalens, in der Historie ich mich auch gleich einarbeitete. Ich trug Texte zusammen, mehrte mein Wissen, schrieb erste eigene Gruselgeschichten und formulierte alte Sagen neu. Machte mich auf die Suche nach sagenumrankten Orten und sprach mit einigen Zeitzeugen im Münsterland, Sauerland und dem Ruhrgebiet. Und stellt an diesem Punkt auch fest, das dies eine längerwieriges Projekt wird.

Da ich von meiner Persönlichkeitsstruktur her auch immer kurzfristige Ziele und schnelle Erfolge benötige, suchte ich mir parallel noch einige andere Vorhaben. Zum Beispiel die actiongeladenen Möglichkeiten der Hundefotografie. Zudem stellte sich heraus, das die Kommunikation und der Informationsaustausch innerhalb unserer recht großen Familie verbessert werden könnte. Ich regte einen Newsletter an und versprach mich darum zu kümmern.

Da ein einfacher, nur aus Text bestehender Newsletter nicht so recht meinem Geschmack entsprach, entschied ich mich, dieses Projekt mit meinem Selbstlernprojekt „Photoshop“ zu verbinden. Leider fand ich das Programm für diesen Einsatzzweck recht sperrig und umständlich. Ich machte mich auf die Suche nach besser geeigneter Software und so kam es, dass ich mich nebenher auch in die Programme InDesign und Publisher einarbeitete. Schnell entstand die erste Ausgabe unseres Hochglanzfamilienmagazins. Mit Berichten von Feiern, vielen Fotos, Geschichten aus Familienhistorie, Verbraucherinformationen und Produktneuheiten, einer Humorsparte, einer Seite über Tiere und Interviews. Da sie bei der ganzen Sippe gut ankam, macht ich mich gleich an die Arbeit für die nächste Ausgabe und beschloss auch den Umfang und die Auflage zu erhöhen.

Da ich aber auch meine anderen Fotoprojekte nicht vernachlässigen wollte, nahmen diese vermehrt Zeit in Anspruch und ich entschied, eine Internetseite zu schaffen, auf der ich meine Bilder und Geschichten präsentieren konnte. Also blieb mir nichts anderes über, als mich gründlich in das Thema Webseitenerstellung einzuarbeiten. Ich bildete mich in der Benutzung von WordPress, lernte über Google Analytics und SEO, kaufte einiges an Lektüre zum Erlernen von HTML und MySQL. Reichlich zu tun, vor allem, da die seit einem Jahr von mir und Freunden geplante Liverollenspiel-Veranstaltung sich auf dem Höhepunkt ihres Organisationsaufwandes befand und das Veranstaltungswochende näher rückte. Wer sowas schonmal organisiert hat, weiß, wovon ich rede. Um es kurz zu halten, es lief sehr gut und war ein voller Erfolg bei allen Teilnehmern, sogar etwas Gewinn sprang dabei für uns raus.

Zurück zum eigentlichen Thema, ich wollte eine Internetseite erstellen, zudem war inzwischen Ausgabe 2 der Sippenzeitschrift erschienen und die Vorbereitungen für die nächste Ausgabe standen an. Ich erwägte, ein Redationsteam zusammenzustellen, bevorzugte es allerdings dann doch, alle Zügel in meinen Händen zu behalten. So richtig hatte ich den Kopf dafür aber nicht frei, da ich bei meinen Hundefotografieausflügen auf die Idee gekommen war, einen Hunddetrainerschein zu machen. Es laufen soviele Menschen mit Hunden und Erziehungsbedarf durch die Gegend. Und ich bin da eigentlich recht fit im Thema und bringe auch sonst die Vorkenntnisse und persönlichen Fähigkeiten mit. Ich war mir offen gestanden aber nicht sicher, ob ich bei der Erziehung der Vierbeiner ansetzen wollte, oder lieber direkt bei Frauchen und Herrchen. Eine entsprechende Berufsausbildung habe ich schon lange. In die Künste der schwarzen Pädagogik bin ich auch eingeweiht. Die Überlegung, dass das jetzt doch alles ein wenig viel wird, drängte sich auf und ich entschied mich dagegen. Vielleicht wird das mit der eigenen Hundeschule ja aber später im Leben doch noch Realität. Ganz bestimmt sogar. Ich sehe mich immer mal wieder nach geeigneten Wiesen für einen Trainingsplatz um.

Da der Aufwand, sich alles selber beizubringen, doch recht hoch war, stellte ich Überlegungen an, direkt eine Ausbildung in Richtung Gestaltung zu machen. Mediengestaltung oder Webdesign wären wohl hilfreich. Auf die Schnelle nahm ich aber schon mal an ein paar Fotografiekursen teil, um die Qualität meiner Bilder zu verbessern. Als Ausgleich und zur Entspannung trat ich einem Sportverein bei und erlernte Bogenschießen und Yoga, was sich gleich beruhigend auf mich und förderlich für die Güte meiner Geschichten auswirkte. Die letzten waren doch etwas lieblos dahin gerotzt gewesen, aufgrund Zeitmangels und Stress. Mehr Ausgeglichenheit sorgte da für mehr Formulierungsruhe. In der Erkenntnis, wie wichtig das Yoga für mich war, informierte ich mich genauer darüber. Kam auch dem Thema Schamanismus näher. Hochinteressant, ich hatte als Jugendlicher ein Buch darüber gelesen. Ich kramte es wieder heraus, las einiges darüber stolperte in der Esoterikabteilung meiner Buchhandlung über ein Set Tarotkarten, dass ich mitnahm und legen lernte. Die Karten sagten mir, dass ich mich meinen früheren Projekten von vor einigen Wochen intensiver widmen sollte. Das tat ich meistenteils, aber nicht ausschließlich.

Schließlich musste ich nebenher noch einigen Freunden beim Erstellen ihrer Internetseiten helfen und überlegte das direkt zur Einnahmequelle zu machen. Dafür war es wohl aber noch etwas zu früh, ich brauchte mehr Skills. Zudem fehlten mir auch die kaufmännischen Grundlagen für eine Selbstständigkeit, was im Übrigen auch ein Makel an meinen anderen Projekten war. Deshalb entschied ich mich gegen eine gestalterische Ausbildung und meldete mich stattdessen für die Ausbildung als Kaufmann an. Was schon recht anspruchsvoll war, da ich mich ja parallel auch noch in Onlinekursen zu Bildbearbeitungssoftware, Design und HTML schulen ließ.

Aber ich schöpfte neue Energie von ungeahnter Quelle. Ich entdeckte das Dampfen und hörte mit dem Rauchen auf. 2-3 Bigboxen am Tag waren wirklich zu viel gewesen und nach dem körperlichen Entzug ging es mir schnell viel besser und ich konnte wieder frei atmen. Gesundheitlich ein Meilenstein. Und ich hatte mehr Energie für meine Vorhaben. Da ich seit dem Wissen um meine bald beginnende Kaufmannsausbildung schon viel wirtschaftlicher zu denken begonnen hatte, errechnete ich mir, dass man mit Dampfgeräten und Zubehör recht hohe Profite erwirtschaften könnte. Ich holte Preise für Rohstoffe und Kostenschätzungen für Arbeitszeit ein, lernte wie man Liquids herstellt und wie ein Dampfgerät aufgebaut ist. Ich skizzierte einige grobe Designs für eigene Geräte und kalkulierte diese durch. Aufgrund der unsicheren Gesetzeslage bezüglich des Dampfens entschied ich mich aber schlussendlich gegen die Verwirklichung dieser Pläne. Es war ja auch nicht so, dass ich sonst nichts zu tun hatte.

Generell stellte ich fest, dass ich in den 5 Wochen seit ich wieder mit dem fotografieren begonnen habe, noch wenig erreicht hatte. Erfolge blieben aus. Erste negative Gefühle keimten auf, Selbsthass, Depression und gärende Verzweiflung. Ich arbeitete einfach nicht schnell und effizient genug und bekam nichts gescheit hin. Ich konnte einfach nichts. Wenigstens lenkte mich das Gründerseminar ab und auch die Ausbildung begann in der nächsten Woche. Neue Hoffnung und Motivation machten sich breit. Ich erstellte probehalber einen ersten Businessplan und richtete den Keller als Werkraum ein. Ich hatte doch einige vorzeigbare Fotos fabriziert und wollte sie angemessen einrahmen. Deshalb baute ich kurzerhand einige Bilderrahmen aus Holz. Da ich dafür ohnehin einige Werkzeuge anschaffen musste, baute ich auch gleich einige Rahmen mehr zum Verkauf auf Ebay, versuchshalber auch ein paar Schlüsselbretter, Garderoben und Schränkchen, die sich aber nicht so wirklich gut verkauften. Es mangelte an Marktanalyse, um die richtige Nachfrage für mein Angebot zu finden. Oder umgekehrt. Trotzdem vertiefte ich mich mehr in die Themen Do it yourself Möbel und Farblehre und bevorratete auch direkt einige Europaletten. Und sei es nur für den Eigenbedarf oder zu Übungszwecken. Ein paar Kalkulationen für Palettenmöbel arbeitete ich dennoch aus. Man weiß ja nie. Und neugierig bin ich ohnehin. Vielleicht lässt sich da ja doch Geld mit machen.

Geschichten schrieb ich in dieser Zeit keine mehr und auch Fotos gab es kaum noch neue, die produktive Phase der Vorwochen forderte ihren Tribut, außerdem war das viele Lernen nicht eben förderlich für die kreativen Prozesse. Jedenfalls nicht für so unfähige Nichtkönner wie mich. Ich hatte versagt. Ich ließ alle Projekte außer der Ausbildung fallen und redete mir ein, dass sie bloß auf Eis gelegt seien. Wers glaubt!

In den Folgewochen erschuf ich dann die Grundlage für meine nächste aufregende Lebensgeschichte: 6 Wochen im Leben eines Depressiven – Starren ins Nichts. Allerdings wollte ich mich da nicht so ganz mit abfinden und entschied, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Etwas Fachlektüre zu psychischen Krankheitsbildern ist schnell besorgt und ich arbeitete mich in die Materie ein. Es musste doch möglich sein, endlich mal ein solidere Diagnose hinzubekommen, als die Kittelträgerfraktion es bisher vermocht hatte. Denen würde ich es zeigen! Jedoch, so eine Selbstdiagnose ist irgendwie immer zum Scheitern verurteilt, nehme ich an. Mit zerzaustem Haar und vollkommen frustriert schmiss ich bereits nach einigen Wochen schluchzend die Fachbücher an die Wand. Wieder gescheitert. Allerdings könnte ich mit meine Erfahrungen und Kenntnissen doch Seminare zum Thema mentale Gesundheit halten! Ich spitzte den Bleistift für die Kalkulation. Ich war wieder voll da und bereit für den nächsten großen Sprung…

Nachtrag: In der Zwischenzeit ist die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, die meisten anderen Projekte sind noch in Arbeit. Arbeitserfahrung im kaufmännischen, organisatorischen und kreativen Bereich der Gestaltungsbranche ist hinzugekommen. Ebenso habe ich seitdem als Fotoreporter gearbeitet, als Deutschlehrer für Fremdsprachler und als Transkriptionist. Bildbände und Bücher habe ich noch nicht veröffentlicht, aber ein Spiel im Eigenverlag herausgebracht. Weitere Ideen und Projekte haben sich in die Warteschlange eingereiht, manche angefangen, andere schon weiter voran getrieben. Derzeit kann ich mich nicht entscheiden, welche Sprache ich demnächst lernen möchte, allerdings bin ich momentan auch mit dem Erlernen eines Blasinstruments ganz zufrieden. Das ist meditativ und beruhigend. Mal sehen, was der nächste Tag bringt.

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