Sozialer Rückzug

Wenn die eigenen vier Wände erst zur Schutz bietenden Höhle werden. Und dann zum Gefängnis. Draußen erscheint alles überfordernd und „zu“:

Zu düster, zu laut, zu grell, zu bedrohlich, zu festgefahren, zu anders, zu anspruchsvoll, zu gefährlich, zu langweilig, zu bewertend, zu…. viel um sich dem auszusetzen. Manchmal eines dieser „zus“, manchmal mehrere, oder alles davon gleichzeitig. Und ich kann nichts von dem aushalten. Ich will es auch nicht. Es soll mich in Ruhe lassen. Jedes Geräusch ist zu laut, jede hektische Bewegung lässt mich zucken.

Ich bin mit mir beschäftigt, mit grübeln und Zwängen, Ängsten, Traurigkeit, Wut, Selbsthass, weinen und Symptomen. Anfangs vielleicht noch mit Selbstkontrolle und dem Regulieren meiner Befindlichkeit und irgendwann auch das nicht mehr. Nur noch Grübelei. Worüber? Das kann ich keinem außen stehenden erklären. Mir selbst auch nicht. So differenziert nehme ich auch meist nicht mehr wahr. Keine Erinnerung an die Gedanken der letzten Momente. Immer mehr Leere und dann nur noch starren. Jede Regung ist wie das Bewegen eines Fels. Mein Blickfeld wird immer enger, meine Perspektive immer eingeschränkter.

Ich kann nicht reden und will es nicht. Ich wüsste auch nicht, was ich sagen soll. Wenn ich dazu genötigt werde, reicht es für Phrasen und Worthülsen. Mit trockener Kehle und einem Kloß in Hals. Wieso lässt man mich nicht in Ruhe? Ich kann schon die Anwesenheit anderer Personen kaum aushalten, Blicke nicht ertragen.

Mal reicht der Stuhl für viele Stunden, meistens aber das Sofa und die Decke. Der Fernseher macht mich verrückt, wenn er an ist. Die Stille macht mich wahnsinnig, wenn er aus ist. Ich lasse ihn laufen und ignoriere ihn dann.

Das Telefon schreit mich endlich nicht mehr an, ich habe es an die Wand geschmissen. Ich bin in mir selbst gefangen. Die Wände und Mauern der Wohnung sind nur die zu äußerst gelegenen Schichten. Sie halten die Leere zusammen.

© Jo Wolf

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4 Kommentare zu „Sozialer Rückzug

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  1. Da hast du vieles auf den Punkt gebracht, in Worte gefasst, das in den letzte Jahren viel zu oft auch für mich galt… und das Schlimmste ist für mich dann, wenn man es sich selbst nicht mal mehr ganz erklären kann und differenziert wahrnehmen kann…

    Gefällt 2 Personen

    1. Es freut mich, dass Du Dich darin wiederfindest. Ich finde diese ganze Situation so schwer in Worte zu fassen. Es ist mir auch nur so halb gelungen. Die diffuse Wahrnehmung, die Unerklärlichkeit gehören für mich auch zu dem Schlimmsten. Und die Spanne zwischen „Leere und dem Nichts“ und „absoluter Schwere und Angespanntheit“. Gleichzeitig erdrückend und zerreissend.
      Mir fällt auf, dass ich das hier und jetzt zum ersten Mal so kommuniziere. Es ist gut, das in Worte zu fassen und zu teilen.

      Gefällt 1 Person

  2. ich finde, dir ist hier ein eindringlicher text gelungen, der einblicke erlaubt.
    es ist gut, wenn man versucht, worte zu finden, worte für etwas sehr schwer fassbares nur, ich glaube, sie können helfen, entlasten, oder vielleicht auch nur einen winzigen lichtstrahl ins diffuse senden… durch das versprachlichen gewinnt man zumindest ein ganz klein wenig distanz, und sei es nur für den moment.
    alles gute für dich!

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    1. Es bedeutet mir sehr viel, dass meine Worte so verstanden werden. Deine Rückmeldung empfinde ich als großes Lob. Vielen Dank!
      Es stimmt, das Schreiben schafft Distanz, entlastet und bringt Licht ins Dunkel. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, diese Erfahrungen und Gedanken zu teilen. Es geht vielen Menschen so oder ähnlich. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, ist ein Gewinn für alle.
      Ich wünsche Dir ebenso alles Gute!

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