Rückkehr in die Senkgassenmoore #2

In fester Umklammerung der Nichtsranken gehalten, erstickte ich zuckend inmitten der graphitgrauen Aura des Hasses. Und erstickte weiter. Immer weiter. Kein erlösendes Ende, kein sich erbarmendes, letztes Schlagen meines Herzens. Wie sich das anfühlt, lässt sich nicht beschreiben. Ich versuche dennoch, es begreiflich zu machen. Mein Kopf wurde durchdrungen von einem schwindelerregenden Schwingen, mit dem Klang von tausend verrosteten, grotesk verbogenen Stimmgabeln. Meine Lungen schmerzten wie von einem Vorschlaghammer getroffen und die mich erfüllende Panik entsprach durchgängig jener, die Menschen meist in dem Moment verspüren, in dem ein Schock oder ein Trauma ausgelöst wird. Schwindel und Übelkeit kann man sich vorstellen, wie jene nach dem Saufen von zwei Flaschen Schnaps, wenn die Karusselfahrt vor dem ersten Übergeben eingesetzt hat. Meine Glieder fühlten sich an, als ob sie gerade von einer gigantischen Saftpresse zerquetscht würden. Um es kurz zu machen, die sich mir nun bietende Aussicht auf Unendlichkeit war gefüllt mit von Horror gezeichneter Höllenqual. Ich kann nicht sagen, wie lange dieser Zustand bereits andauerte. Minuten, Tage, Wochen, Jahre? Unendliche Qualen können nicht mit von Menschenhand gemachten Maßeinheiten bemessen werden.

Als würde das nicht schon mehr sein, als ein Wesen verkraften kann, wurde ich auch noch von den spottenden Einflüsterungen des Hasses gedemütigt. „Wortverkrüppelnde Nichtsnutzigkeit“ raunte es um mich herum, „Satzverdrehende Egomaniescharade“, „Lächerliche Randerscheinung“ und „reinkarnierte Sinnverschleierung“, drang es von allen Seiten an mich heran. Und traf mich, genauso so schmerzhaft wie alle körperlichen Qualen, wie Giftblitze direkt in mein geschundenes Herz. Ich weinte. Weinte bittere Tränen des Verdrusses, schluchzte hemmungslos, meines Stolzes, meines Willens längst beraubt. „Bitte lass mich sterben, bitte bitte töte mich!“ bettelte ich kraft meiner Gedanken den Hass an. Wohlig spottendes Lachen war die Antwort. Ich bettelte weiter, „Bitte bitte beende das, du hast gewonnen, bist der Sieger, von mir gibt es nichts, was überbleibt. Bitte, bitte töte mich.“ Mein von blutigen Tränen überströmtes, einst so fein gezeichnetes Gesicht, war nicht mehr als eine schreckensverzerrte Maske des Grauens, die mir im Spiegel des Hasses weiterhin unentwegt vor Augen geführt wurde.

Inmitten meiner sich vollziehenden Selbstaufgabe drang etwas neues an mein Ohr, nur leise erst, dann lauter werdend.

„Der Hass nährt sich von deinem Leid, lass nicht zu, dass er dich frisst“, raunte eine dünne Stimme mir zu.

Und dann von der anderen Seite näher kommend: „Erinnere dich, klammer dich an die Erinnerung!“. Das Grau wurde durchbrochen von zart schimmernden Lichtern.

„Wer spricht zu mir?“, fragte ich in ersticktem Unton.

„Das was Du zurückgelassen hast!“, hallte es zurück.

„Ich habe noch mehr vergessen, als den Hass?“

„Du hast Dich selbst vergessen!“, kam es von links, „Du hast uns alle vergessen“, von rechts.

„Was heißt das, wovon sprecht ihr?“, brachte ich vor Erschöpfung kaum als Gedanken hervor.

„Gefühle und Regungen, Liebe und Hoffnung, Freude und das Lachen. Alles ist zurück geblieben, als du damals mit dem Klapperhorn die Moore verlassen hast. Deswegen waren deine Geschichten leer. Deswegen hat die Schwermut dich erdrückt.“

„Und nun? Was kann ich denn jetzt noch tun?“ schluchzte ich den, als schimmernde Auren mich umschwirrenden, Gefühlen entgegen.

„Du hast doch alles in deiner Hand!“ „Sei wieder ganz, nimm dich zusammen, das alles hier ist dein Werk!“

„Mein Werk? Das alles? Wie das?“

„Du hast die Moore erst erschaffen. Alles hier ist, was du bist.“

Ich schluckte innerlich, das konnte doch nicht sein. Dieses grauenhafte Werk entsprang meinem Geist? Ich hatte alles verdient, was mir jetzt widerfuhr. Ich hatte auch keine Wahl mehr. „Sie haben mir bereits alles genommen, die Schwermut, die Trauer und der Hass, ich kann nichts mehr tun!“

„Wehr dich, du kannst es formen, wie du willst. Erwecke deinen Willen.“, spornte mich die Hoffnung an.

„Du bist besseres als das hier, nimm uns einfach als dein Wesen an.“, umgarnte mich die Liebe. „Nur was du hast, kann dir genommen werden, also zerstöre nicht selber, was du bist!“

„Besinn dich auf das, was Du bist, erkenne dich, nimm es an“, beschwor mich die Hoffnung.

„Was ich bin? Was bin ich denn? Ich bin nichts! Ich bin niemand. Ich habe nichts erreicht und nichts errungen!“, schrie ich lautlos in die Welt.

„Nichts!“, echote der Hass grinsend aus der Welt zurück. „Niemand!“, äffte mich die Schwermut nach.

„Lüg dich nicht an!“, die Hoffnung rüttelte an mir. „Du weisst, was du bist. Sag es!“

Ich stotterte vor mich hin. Was sollte ich denn sein? Versebastler? Bücherwurm? Papierzerträumer? Sich in Bibliotheken rumdrückender Geistverwischer? Die Summe meiner Teile? Selbstreflexion? Selbstliebe? Überheblichkeit? Geschichtenfressender Plagiatsabklatsch? Nutzlose Gedankenbrut? Ich konnte nicht mehr klar denken. Schmerz, Angst und Verwirrung prügelten auf mich ein.

„Blödsinn!“, hallte es von den Auren zurück. „Quatsch, fasel nicht, weich nicht aus, besinne dich auf deine Stärke. Finde zu deiner Stimme zurück. Du kannst ihm nicht entkommen, aber ihn mitnehmen, nimm ihn mit hier heraus! Nimm uns alle mit!“

„Nichts!“ schallte es durch das Grau, „Niemand!“

Ich hielt inne, den Hass mitnehmen? Das könnte die Lösung sein. War es so einfach? Was heißt einfach, ich wüsste nicht, wie ich es umsetzen sollte, selbst wenn es möglich war.

„Fasse Mut“, flüsterte die Hoffnung. „Ich vertraue Dir“, raunte die Liebe.

Es war egal, ich hatte keine Kraft mehr. Wenn das jetzt nicht zu bewerkstelligen war, dann gab es nichts mehr für mich, als kraftlos im Delirium zu verblassen. Also das unmögliche versuchen. Ohne Kraft, ohne Stimme, ohne Bewegung musste ich die Bedingungen ins Gegenteil verkehren. Ich war nach hier unten herabgestiegen. Was, wenn ich mich einfach nach oben fallen ließ?

Ich räusperte meine Gedanken. Ich riss mich zusammen, den Höllenqualen trotzend. Mehr Disziplin kann ein Mensch nicht aufbringen. Ein Versuch, ich hatte einen einzigen Versuch.

Ich musste zu meiner Stimme finden. Er hatte sie mir nehmen können, weil ich sie lediglich besaß. Mich sprachlos machen, weil ich Dichtung nur benutzte, Sprache nicht mehr als nur mein Eigen nannte. Jetzt musste ich zu ihr werden, musste selber reine Sprache sein. Vollkommen unmöglich. Selbst mit Klapperhorn würde ich das nicht schaffen können und das hatte ich leichtfertig weggeworfen.

Ich erhob mit kümmerlichem Tonfall meine Gedanken und richtete sie mühsam an den Hass:

„Du hast mich nach meinem Namen gefragt. Ich habe Dir das wohl nicht vollständig beantwortet. Du willst wissen, wer ich bin? Was ich bin? Ich sage Dir was ich bin! Du wirst es dennoch nie verstehen, denn ich bin Vielfalt wo Du Einfalt bist. Bin Segen, wo Du nur Zerstörung bringst. Du bist Niedergang und Schweigen, ich dagegen, ich bin…alles.“

Das Umkreisen der Auren, ihr Anstacheln, die niederschmetternde Herabwürdigung, das Foltern durch den Hass, tat ihre Wirkung. Groll schwoll in mir an, Wut auf alles und jeden schenkte mir Energie. Ich ließ zu, ich selbst zu sein, nahm alles an, was mich umgab, die Auren, meine Liebe, die Hoffnung, die Freude und selbst den Hass. Meine Gedanken formten sich tonlos und klangen wortgewaltig in die Moore:

„Ich bin nicht Nichts, ich bin nicht Niemand. Ich bin Jo, das Kind der Wölfe, bin das Heulen in dem tiefen Wald. Ich bin Stimme, ich bin Sprache, bin den Taten folgende Erinnerung. Ich bin das was über bleibt, wenn dein Schemen längst vergangen und durch mein Schweigen ungewesen ist. Ich bin Mimik, ich bin Gestik, bin die Welt, die sich in Büchern findet und aller Wesenheiten Spiegelbild.“

Das war zwar noch stockend, aber ich nahm in meinem Zorn weiter Fahrt auf:

„Ich bin Komik, ich bin Tragik, bin das Drama, das den Atem raubt. Mein bloßes Flüstern sät Gerüchte und mein Wispern schürt des Menschen Furcht. Ich bin das Säuseln der Verliebten und auch das Versprechen, das die Liebe ewig bindet, bringe Hoffnung und Erblühen, mit nur einem Federschwung. Ich bin Sarkasmus, der dem Übel spottet und das Seufzen, wenn der Vorhang fällt.“

„Du willst wirklich wissen, was ich bin? Soviel Wahrheit verträgst Du doch gar nicht!“

„Ich bin wahrhaft, ich bin Lüge, ich bin der Zweifel, der selbst an Deinem Hassen nagt. Ich bin Musik in euer aller Ohren, die zum Klingen keines Tons bedarf. Ich beschwöre Nebel, die den Tag verhüllen, tränke Nächte in Kontrast von Grauen.“

„Ich färbe Trist in Regenbogenfarben und banne Schrecken, die ich selber spinne, schenke Schmunzeln, wenn die Menschen Trauer plagt.“

Das mag Außenstehenden etwas dick aufgetragen vorkommen, aber man bedenke meinen Zustand und meine Lage. Mehr als einen Versuch, mich gegen meine endgültige Vernichtung im ewigen Delirium aufzulehnen hatte ich wohl nicht mehr. Und ich war weit über den Punkt von Wut oder Zorn hinaus geschossen. Ich sprach nicht mehr, war nicht mehr Körper, ich bestand aus nichts mehr weiter als meinen von Rage getriebenen Worten, der beste Zustand, der mir jetzt hätte passieren können:

Ich bin Sprache

und des Dichters Rage,

atme Sagen, blute Mythen,

meine Tränen reinste Wörterflut.

Ich bin reden, wenn Du endest,

schreibe dem Vergessen trotzend,

bin Geschichte die dich anklagt

und das Totenlied auf deinen Untergang.

Bin das prangern und der Richtspruch,

der unter Beifall den Tyrannen fällt.

Ich zehrte die letzte Kraft aus meinen eigenen Worten, stockte kurz im vergeblichen Ringen nach Atemluft und schöpfte neue Hoffnung, als ich das zurückweichende Grau des Hasses um mich herum bemerkte. Die eiserne Umklammerung der Nichtsranken lockerte sich. Ich ließ atemlos die Worte einfach laufen. Jetzt oder nie…

Ich bin die Liebe und die Hoffnung,

die sich jedesmal zu Wort erhebt,

wenn der Hass oder die Trauer,

einer Stimme Knebel webt.

Niemals kann mich Hass verzehren,

weil ich ihn selbst erschaffen hab.

„Ich bin…“

Der Klang meiner Gedanken schwoll zu einem Flüstern an, das sich dröhnend und mit aller tränenerstickter Intensität, die ich jemals in meine Worte gelegt hatte, über die Moore erhob:

„Ich bin nicht mundtot! Ich bin kein Nichts, ich bin nicht Niemand. Ich bin Jo, das Kind der Wölfe, bin das Heulen in dem tiefen Wald. Ich bin Stimme! … ich. bIN. SPRACHE. !!!“

Das noch über die, sich in Blütenknospenfarben verfärbenden, Senkgassenmoore schallende Echo meiner wieder zum Leben erweckten Stimme war noch lange nicht verflogen, als ich mit Knien und Handgelenken hart auf das Kopfsteinpflaster aufschlug und japsend Luft in meine Lungen saugte. Ich hielt mich keuchend für einen Moment auf allen Vieren kniend, bevor ich bäuchlings mit dem Gesicht voran auf den Boden sackte und einfach schwer atmend auf der Stelle liegen blieb.

© Jo Wolf

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5 Kommentare zu „Rückkehr in die Senkgassenmoore #2

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      1. Das ist der leidige Unterschied zwischen Wissen und Bewusstsein. Man kann so einiges wissen und theoretisch begreifen.
        Aber ob es dir auch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit bewusst ist, bleibt eine völlig andere Frage. 🙂

        Gefällt 1 Person

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