Der erste Gang zum Arzt

Der erste ist der wichtigste Schritt. Im Fall von Depressionen, oder wie in meinem Fall damals, einem sogenannten Burn-out, ist das oft das Eingeständnis, Hilfe zu brauchen und diese auch zu zu lassen. Zum Beispiel, in dem man zum Arzt geht. Das ist nicht so einfach wie es klingt. In vielen Gesprächen habe ich ähnliche Geschichten darüber zu hören bekommen, wie die meine nun folgende:

Heulend saß ich im Wald, mit einem Freund. Klagte irgendwas, das wohl mein Leid war, ich weiß die Details nicht mehr. Ich glaube, dass ich es in dem Moment auch nicht viel genauer hätte sagen können. (Natürlich weiß ich, was zum Burn-out führte, aber nicht mehr, was mir konkret in solchen Situationen zu schaffen machte, was jeweilige Anlässe für Zusammenbrüche waren.) Es war jetzt das dritte Gespräch mit der dritten Person, in der mir das Versprechen abgerungen wurde, endlich zum Arzt zu gehen.

Dieses Mal machte ich wirklich einen Termin bei meiner Hausärztin. Montag, 17:00 Uhr. Ich habe keine Ahnung, warum ich so ein Detail noch weiß. Meine Nerven lagen vollkommen blank, was sollte ich denn erzählen? Das ich jammerndes Elend wäre? Das ich nicht mehr konnte? Was denn nicht können? Ich hatte doch nichts. Nichts greifbares. Der Aufschneiderei würde ich bezichtigt werden, als Weichei und Drückeberger entlarvt.

Das warten auf die Ärztin zog sich in die Länge. Einerseits gut, weil ich Panik hatte vor dem Aufeinandertreffen. Andererseits schlecht, weil ich die Situation nicht mehr lange würde aushalten können. Ich rutschte mit dem Hintern auf dem Stuhl hin und her, als sie viel zu plötzlich und unerwartet in ihrem weißen Kittel das Besprechungszimmer betrat und die Türe schloß. Ich saß in der Falle und zitterte innerlich.

Was sie für mich tun könnte? Was für eine Frage! Ich hatte doch keine Ahnung. Was soll man darauf denn antworten? Ich stammelte herum. Faselte von Beschwerden im Brustbereich. Das Herz, der Husten, kein Wunder, bei dem Kettenrauchen. Rücken, ich hatte in letzter Zeit so Rücken. Und Fuß. Fuß hatte ich auch. Und Allergie. Nase und Augen vor allem. Das musste untersucht werden. Ich hatte die Allergie erst seit 4 Jahren. Anfangs nur im Juni, in dem Jahr schon im Mai. Was war da los? Dem musste auf den Grund gegangen werden.

Sie merkte, das was nicht stimmt, musterte mich immer wieder, immer sorgenvoller. Fragte immer wieder, ob ich nicht noch was anderes hätte, etwas loswerden wolle. Ich wich aus. Erzählte was von Arbeitsstress, man kenne das ja, wäre etwas viel gewesen, die letzte Zeit. Da wäre man schon mal etwas erschöpft und müde. Eventuell stimme was nicht mit der Schilddrüse, Frau Doktor? Immer wieder fixierte sie meinen Blick mit ihren Augen, ich schaute zu Boden, an die Decke, an die Wand. Bloß keinen Blick erwidern, ich hätte ihm nicht standhalten können.

Und wieder Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Was denn wäre. Und dann endlich entließ sie mich aus dieser furchtbaren Falle. Ab zur Apotheke und dann nach Hause. Die Wohnungstür öffnete sich. Ob ich mein Versprechen gehalten hätte, zum Arzt zu gehen. Erschöpft und verschämt zeigte ich meine Ausbeute vor. Asthmaspray, Allergietabletten, Nasenspray, was für den Magen, Salbe für den Rücken und den Fuß. Und Kopfschmerztabletten. Hustenbonbons und Tee. Ernste, besorgte Blicke als Antwort.

Frau Doktor war geschickt gewesen, als sie bei mir nicht weiterkam. Es müsse dringend mein Blut untersucht werden, am nächsten Morgen, direkt um halb 8 sollte ich zur Blutabnahme kommen. Falls mir noch was anderes einfiele, hätte sie dann auch noch Zeit für ein Gespräch und Untersuchungen.

Am nächsten Morgen um zehn vor 8 saß ich, einer kleinen Menge meines Blutes beraubt, wieder in ihrem Besprechungszimmer. Und redete und schluchzte und Frau Doktor hörte geduldig zu, stellte nur wenige Zwischenfragen, kommentierte wenig und zog mich dann für lange Zeit aus dem Arbeitsleben.

Wir sind oft die letzten, die diese Notwendigkeit sehen und uns eingestehen können. Ich bin froh, dass ich damals aufmerksame Freunde und eine aufmerksame Frau Doktor hatte.

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2 Kommentare zu „Der erste Gang zum Arzt

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  1. Es ist gut, dass du diesen Schritt getan hast, auch wenn man selbst gar nicht merkt, wie tief man schon drin steckt. Mein Burn Out war etwas anders, aber ich werde hier mal darüber schreiben, damit du diese Seite auch kennengelernst. Ich würde sagen wundervoll geschrieben, wenn das Thema nicht so ernst wäre. Aber dein Schreibstil ist so klar, so unverschnörkelt (hoffe, das Wort ist richtig geschrieben 😳) und das ist so faszinierend an dir, diese Wandlungsfähigkeit deine Worte in Szene zu setzen. Liebe Grüße Jane

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