Der erste Gang zum Psychiater

Ich habe hin und her überlegt, ob ich diese Erfahrung hier so veröffentliche. Ich möchte mit dem, was ich meinem Blog zum Thema Depressionen schreibe zwar offen mit allem umgehen, aber dabei auch möglichst positiv und Mut machend sein. Dieses Erlebnis war aber nicht positiv. Genau wie die folgenden zwei Termine bei anderen Psychiatern. Die meisten neurologischen Praxen sind von Patienten überlaufen und es muss alles schnell schnell schnell gehen. Da kann das Individuum schon mal auf der Strecke bleiben. Deswegen schreibe ich von dieser Erfahrung jetzt unverblümt. Die Wahrscheinlichkeit, das andere Menschen ähnliches erleben ist groß und ich glaube, dass es mir persönlich geholfen hätte, schon vorher um diese Verhältnisse zu wissen. Der Schock wäre kleiner ausgefallen.

Voll Anspannung lenkte ich den Wagen in einen Nebenstraße, wo ich in nicht allzu großer Entfernung von der Arztpraxis eine Parklücke fand. Höchstens einige hundert Meter waren es noch zu laufen. Mit Magengrimmen und Kloß im Hals stapfte ich los, die Überweisung von Frau Doktor in der Hand. Zum Beklopptendoc. Ich. Obwohl es mir so furchtbar scheiße (ja, es ging mir scheiße, hier passt kein anderes Wort besser) ging, machte ich mir Gedanken um so einen Blödsinn. Meinen Ruf, mein Selbstbild, die Erniedrigung, hoffentlich sah mich keiner, ich hatte extra eine Praxis in der Nachbarstadt gewählt. Absurd, aber wahr. Dabei hatte ich berufsbedingt schon viel Kontakt zu dem Thema gehabt, brachte eine offene Einstellung und die Überzeugung mit, das psychische Erkrankungen absolut ernst zu nehmen sind, hatte mich schon oft mit Kollegen angelegt, die sich abfällig und unangemessen darüber äußerten. Alles ist anders, wenn Du selbst betroffen bist. Wie schwer so ein Arztgang Menschen mit einer anderen Vorgeschichte, einer anderen Haltung zu dem Thema fiel, konnte ich nur erahnen.

In allen möglichen Formen von therapeutischen Einrichtungen und Praxen war ich beruflich schon gewesen. Auch in Kliniken. In einer neurologischen Facharztpraxis zufälligerweise noch nicht. Also malte ich mir Bilder aus. Hoffte, dass dort nicht viel los war, ich wollte nicht auf andere Patienten treffen. Das das Personal freundlich war, und die Psychiaterin geduldig. Mir fiel es schwer darüber zu reden, was mit mir los war. Inzwischen stand ich vor der Eingangstür, ein letztes Durchatmen und dann rein.

Die Tür war noch nicht ganz aufgeschwungen, das stand ich schon halb in einer Art Bahnhofswartehalle voller Menschen. Es war laut und unruhig und mir fuhr ein Schreck in die Glieder. Intuitiv wäre ich fast umgedreht und weg gerannt. Rückblickend wäre das sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung gewesen. Ich widerstand dem Drang und betrat die Wartehalle, die sich als Vorraum zu Wartezimmer und Behandlungsräumen entpuppte. Irgendwo hinter dem Gedränge von Menschengruppen drang ich mich durchzwängend bis zu einer Art Schalter mit Arzthelferinnen vor. Mir wurde kurz angebunden mitgeteilt, das ich zu warten hätte und dann über einen Lautsprecher aufgerufen würde, worauf hin ich mich auf einen Stuhl vor dem Behandlungsraum der mir zugewiesenen Psychiaterin Platz zu nehmen hätte, bis ich aufgefordert werden würde, diesen zu betreten. Im Wartezimmer waren alle Stühle besetzt und Platz, um sich irgendwo hin zu stellen, war auch kaum noch. Genauso wie im Vorzimmer. Ich fand irgendwo eine Lücke und verharrte.

Zum Glück musste ich nicht allzu lange warten, einen Termin ausgemacht zu haben, schien sich jetzt auszuzahlen. Ich nahm auf dem mir zugewiesenen Stuhl Platz und wurde einige Minuten später von einem heraustretenden Patienten aufgefordert, als nächster das Behandlungszimmer zu betreten. Merkwürdige Bräuche hier.

Ich schloß die Tür hinter mir und stand in einem typischen, allerdings recht vollgestellten Arztraum. Nichts besonderes, immerhin. Die Psychiaterin kam hereingewuselt, eine große Wanduhr zeigte 10:31 Uhr. Was ich hätte, bitte eine kurze Beschreibung, die wesentlichen Stichpunkte würden ausreichen. Ich stotterte drauflos, völlig überfahren von der Situation, bekam einige Worte heraus, darüber in welcher Lage ich gerade war. Sie unterbrach mich, lief im Zimmer hin und her, ging zum Schrank, holte was raus, sprach selbst auch in Stichpunkten mit mir, für vollständige Sätze war keine Zeit.

Ich hörte nur Fragmente dessen, was sie sagte, heraus. „Medikamente, Neurotransmitter, Therapie, vertragen sie diese?“ Vertrage ich was? Mir schwindelte. Genervt blickte sie beim Schreiben des Rezepts zu mir rüber. „Antidepressivum, [irgendwas, das ich nicht verstanden habe] vertragen sie das? sind sie unverträglich?“ Ich stammelte herum, ich wüsste nichts von Unverträglichkeit, das reichte ihr. Das Rezept wurde gedruckt und mir in die Hand gedrückt. Die ihre hob sie auch gleich mit zum Abschied. Ob denn Tabletten das einzige wären, fragte ich.

„Fürs erste, die Wirkung setzt in ein paar Wochen frühestens ein. Und dann suchen sie sich halt einen Psychologen, mit dem sie darüber sprechen, wie es bei ihnen soweit kommen konnte. Schicken sie beim raus gehen den nächsten Patienten auf dem Stuhl links neben der Tür rein.“ Zum Abschluß also doch noch zwei ganze Sätze. Jeder davon klang nach „Raus hier!“. Sie drehte sich um und kramte in einem ihrer Regale. Wie paralysiert drehte ich mich ebenfalls um, die Wanduhr zeigte 10:34 Uhr, und verließ den Raum. Winkte den nächsten Patienten rein, verließ die Praxis. Der Heim weg lief wie ein Film vor mir ab. Auf der ersten Hälfte der Strecke bis zum Auto rang ich mit den Tränen, um dann heftig in sie aus zu brechen, ich fühlte mich vergewaltigt. Im Auto blieb ich eine Weile sitzen, bis ich mich in der Lage fühlte, zu fahren. Auf der Autobahn bekam ich die heftigste bis dahin bei mir aufgetretene Panikattacke. Schaffte es bis zu einem Rastplatz, wartete bis die Attacke vorbei war, fuhr den Rest des Wegs langsam bis nach Hause, ging schwankend in die Wohnung, schmiss heulend meinen Führerschein in die Ecke und versank für die nächsten Tage auf dem Sofa im Elend.

Mir ist wichtig, abschließend darauf hin zu weisen, dass dies meine erste Erfahrung in der Psychiatrie war. Es muss nicht so kommen, auch ich habe später noch andere Erfahrungen gemacht. Gute wie schlechte. Aber es kann so oder ähnlich kommen. Ich hoffe, das es dann hilft, nicht eiskalt erwischt zu werden.

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21 Kommentare zu „Der erste Gang zum Psychiater

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  1. Ich will mit meinem Blog auch vor allem positives aufzeigen. Und du tust das sowieso. Aber beschönigen is ja irgendwie auch nix. Deshalb finde ich sowas gehört auch dazu. Man tut sich bei Psychiatern auf jeden einen Gefallen vorher Bewertungen im Internet durchzulesen, denn wenn die katastrophal sind, erspart man sich vielleicht lieber was.
    Die erste bei der ich war sagte mir, dass ich keine Depressionen haben kann, weil ich im Gespräch einmal meine Mundwinkel nach oben gezogen habe und mir dann Antidepressivum verschrieben.
    Und der zweite hat alles, was ich gesagt habe in hoher Piepsstimme wiederholt, um mich zu provozieren.
    In Akutfällen ist es schwierig – aber ich finde trotzdem man sollte nicht überall hingehen und vorher recherchieren – oder recherchieren lassen…

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    1. „Und der zweite hat alles, was ich gesagt habe in hoher Piepsstimme wiederholt, um mich zu provozieren.“ Ach Du liebe Güte… aber ja, ich habe auch ähnliche Erfahrungen gemacht, skurilles Zeug.
      Du hast recht, die Internetrecherche ist eine gute Möglichkeit, wenn man dazu in der Lage ist. Ich hatte auch Glück, auf Erfahrungen aus dem Freundeskreis zurückgreifen zu können, wodurch ich zu meiner heutigen Psychiaterin fand. Bei der bin ich inzwischen seit Jahren. (Ein halbes Wartezeit für einen Termin ist dennoch auch bei dieser üblich.)

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  2. Ich finde es gut, dass Du das hier berichtest. Denn auch das gehört zum Mut machen dazu: Weiterzugeben, dass nicht immer alles rosig verläuft und man damit nicht alleine ist. Die Suche nach einem /einer guten und passenden Therapeut*in ist oft schwierig und viele Menschen kennen anfangs ja auch den Unterschied zwischen Psychatern und Psychologen gar nicht. Meiner Erfahrung nach blicken Psychater eher aus medizinischer Sicht auf das Problem und verschreiben dann oft Medikamente anstatt sich mit den Problemen der Patienten auseinander zu setzen.

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    1. Ja, das stimmt. Der Psychiater ist Mediziner, Facharzt. Du erhälst dort eine Überweisung zum Psychologen/Psychotherapeuten. Viele Psychiater könnten ihrer Ausbildung nach zwar im Grunde auch Psychotherapie anbieten, haben da aber aufgrund des hohen Patientenaufkommens überhaupt keine Zeit für. (Rechnen würde es sich für sie wohl auch nicht). Die Arbeitsaufteilung ist ja auch in Ordnung. Allerdings wären vermutlich mehr Praxen sinnvoll. Auch die Wartelisten für Therapieplätze bedeuten meist monatelanges Warten, inzwischen oft sogar über eine Jahr. Das ist deutlich zu lang.

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      1. Aber Dein ganz normaler hausarzt kann Dir die Überweisung zum Psychologen ja auch ausstellen. Bestenfalls checkt er Dich dann vorher auch noch körperlich durch und untersucht z.B. die Schilddrüsenwerte.
        Das mit den Wartezeiten ist wirklich schlimm. Zum Glück gibt es aber auch einige Beratungsstellen bei denen man überbrückend auch etwas kurzfristiger Termine bekommt. Caritas, Diakonie, pro familia und öffentliche Beratungsstellen bieten sowas an. Auch an der Uni gibt es solche Angebote. Die wichtigste Botschaft ist meiner Meinung nach: „Bleib dran, nimm Dich und Deine Probleme wichtig und lass Dich nicht entmutigen.“ Dann findest Du in der regel auch passende Hilfe. Und wenn es gar nicht anders geht und brandeilig ist, dann rede offen mit der Hausärztin, die kann Dich auch in eine Klinik einweisen.

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      2. Das kann der Hausarzt zwar, wird dich normalerweise dennoch zuerst zum Facharzt überweisen, was ja auch grundsätzlich gut so ist.
        Die Beratungsstellen sind ein guter Hinweis, mir fällt da auch noch meine Krankenkasse ein, die sich nach meiner Krankmeldung sogar von alleine bei mir meldete und zur Akuthilfe anbat in deren psychologische Erstberatung zu kommen. Es lohnt sich zu schauen, ob die eigene Krankenkasse das auch anbietet. Die haben mich auch bei der Suche nach Psychotherapeuten (zumindest ein wenig) unterstützt.

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      3. Ah, ok. Ich bin den Weg so nie gegangen. Ich habe mich immer zuerst auf Therapeutensuche begeben und mir dann von der Hausärztin eine Überweisung geben lassen. Nur meine allererste „Therapie“ als Jugendliche hatte ich bei einem Psychachter und Neurologen begonnen. Wie ich da genau hin gekommen bin, weiß ich aber nicht. Ich glaube, man brauchte damals keine Überweisung. Das war allerdings auch ein fürchterlicher Arzt, der sich hinter einem riesigen mit Leder bezogenem Schreibtisch verschanzte und aus Entfernung und Erhöhung zu mir sprach ich solle doch mal ins Kino gehen. 😀

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  3. War sie auch nicht. 😉 ich war einfach nur total eingeschüchtert, habe kein Quentchen von meinem Innenleben preis gegeben und hatte in erster Linie Angst, dass er mich doch nur verrückt erklären und in eine Psychiatrische Klinik einweisen könnte (die ich mir so schlimm vorstellte, wie ich sie aus alten Filmen kannte, mit Gummizellen, Zwangsmedikamentation und Elektroschocks).

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      1. Ja, auf jeden Fall. Es wäre damals wahrscheinlich ein großes Glück gewesen, in eine Klinik eingewiesen zu werden. Aber für mich hörte es sich wie eine so schlimme Drohung an, dass ich es sogar schaffte trotz massiver Panik Klausuren zu schreiben.

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  4. Wie furchtbar, das klingt ja wie aus einem schlechten Film! Ich habe den Umweg nicht machen müssen bzw. nicht gemacht und offensichtlich großes Glück mit meinem Therapeuten … Er sagt jedesmal zum Schluss „Machen Sie etwas Schönes!“, was ich zu Beginn vollkommen absurd fand, inzwischen aber ein lieb gewonnenes Ritual geworden ist (und mich tatsächlich immer öfter inspiriert, genau das zu tun).

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  5. Argh, manche Menschen haben echt ihren Beruf verfehlt … Es tut mir leid zu lesen, dass dein erster Kontakt mit einem Facharzt/in aus dieser Richtung​ ein so negativer war. Gerade zur Diagnosestellung finde ich Einfühlungsvermögen und dass das Gegenüber sich Zeit nimmt so wichtig, weil man als Betroffener eh schon wahnsinnig mit allem hadert und die Welt durch die Depression nicht mehr versteht. ..

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    1. Ja, wie gerade Jane schon geantwortet, einen Automat aufzustellen wäre ehrlicher gewesen. Schneller abarbeitend und kostensenkend noch zudem.^^
      Aber… es gibt ja auch andere Erfahrungen, andere Ärzte, bessere Abläufe und auf die bin ich inzwischen auch getroffen. 🙂

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    1. Ja, genau so fühlte es sich an, wie Massenabfertigung. Da hätte man besser Automaten aufstellen können, wo man auf einem Touchscreen seine Beschwerden anklickt und dann unten Tabletten ausgeworfen werden. Das wäre ehrlicher und weniger verletzend gewesen.

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