Rückkehr in die Senkgassenmoore #3

Schlaf, immer mehr Schlaf war alles, was ich wünschen konnte, in meinem viel zu weichen Klinikbett. Wie ein unscharfer Film lief alles vor meinen meist halb geschlossenen Augen ab. Pflegerinnen, die mir irgend etwas verabreichten und vergeblich den Kontakt zu mir suchende Ärzte kamen und gingen, Gespräche zwischen diesen blieben nur fragmentartig an meinen Ohren hängen. Von unerklärlichen Verletzungen und Herzstillstand war die Rede, von Fremdeinwirkung oder Suizid. Es sorgte in mir nur für mehr Verwirrung, als meine schummrige Benommenheit und die immer wieder kehrenden fieberhaften Alpträume ohnehin schon verursachten.

Benommen öffnete ich einen Spalt weit die Augen und blickte in das frohlockenspendende Gesicht meines Lieblingsmenschen.

„Lizzy!“, brachte ich mit immer noch kratziger Stimme hervor, die das wahre Ausmaß meiner Freude nicht widerspiegeln konnte. „Ich wollte nicht, ich, ich habe nicht,…“.

„Ich weiß.“ füllte mich ihre vertraute, warme Stimme mit dem Gefühl von Geborgenheit, während sich ihr Finger auf meine Lippen legte. „Alles wird gut, Jofolein. Die Ärzte sagen, Du sollst noch nicht wieder reden. Mensch, bist Du blass.“

„Ich kann kaum schlafen und wenn, dann habe ich Alpträume“, flüsterte ich ihr zu.

Lizzy setze sich auf die Kopfseite meines Bettes, legte vorsichtig meinen Kopf in ihren Schoß und strich langsam und liebevoll streichelnd mit ihren Fingern durch meine langen Locken. „Schlaf, ich passe auf Dich auf, Kleines.“

Schmunzelnd seufzte ich und schloss vertrauensvoll meine Augen, um mich in der Sicherheit ihrer Arme endlich in alptraumfreien Schlaf fallen zu lassen.

Als ich die Augen wieder aufschlug, umgab mich das dämmrige Licht eines anbrechenden Morgens. Blinzelnd hob ich eine Hand schützend über die Augen und sah mich um. Schwelende, vielfarbige Gaswolken umspielten die Ranken in frischem, leuchtenden Grün aus dem Boden geschossener Jubelpflanzen mit ihren regenbogenfarbenen Blüten. Dahinter schickte sich eine orangeviolette Sonne an vor der Kulisse eines schwarzgrauen Himmels aufzugehen. Alles in allem ergab das ein skurriles Gesamtbild, zu dem ich wohl einiges beigetragen hatte.

Vorsichtigen Schrittes einen Weg durch die sumpfigen Wiesen bahnend, sah ich mich weiter um. Hinter einem frisch aus dem Boden emporgeschossenen Apfelbaum erhaschte ich eine Bewegung. Was war das? Suchenden Blickes näherte ich mich sehr langsam Schrittes dem Apfelbaum, als sich langsam eine graphitgraue Nebelschwade um des Baumes Rinde schob und auf mich zu schwebte. Schlagartig wurde ich stocksteif, schaffte es nur mühevoll zu einem halbgaren Abwenden und einem Schritt nach hinten zu zwingen. Konnte das sein? Trieb der Hass immer noch sein Unwesen in den Mooren?

Während ich noch überlegte reichte er schon bis an mich heran, als sich von der anderen Seite ebenfalls etwas näherte. Ein schwaches rotes Schimmern zunächst, dass immer kräftiger wurde und dann zu einem eindrucksvollen Nebel anschwoll. Es war eine der Auren, die Liebe. Wieso hatte ich sie hier zurückgelassen? Hätten nicht alle mit mir verschwinden sollen?

„Du brauchst nicht zu erschrecken, wir sind alle hier, oder das, was Du zurück gelassen hast, genau genommen“, rief die Liebe mir fröhlich zu. „Er wird dir nichts mehr anhaben, wir sind alle im Gleichgewicht, alle Auren sind Teil von Dir.“

Erleichtert atmete ich durch. „Wie ist das passiert?“ wollte ich es genauer wissen.

„Wir wissen es nicht“ antwortete die ebenfalls auftauchende, grün leuchtende Hoffnung. „Anscheinend wird immer ein Teil von Dir hier her gehören. Ohne Dich sind die Moore nichts.“

„Zweifel nicht schon wieder, reiß Dich endlich mal von dieser negativen Haltung los, das oist entnervend!“ grantelte mich der Hass mich düsterer Stimme und völlig unerwartet an. Und unverdient, wie ich fand, ich wollte doch bloß verstehen, was hier vor sich ging.

Wenn die Moore nicht länger ein unheilvoller, schrecklicher Ort waren, wenn ich alles gestalten konnte, gäbe es dann einen besseren Ort für mich? Nachdenklich spazierte ich durch freundlich und saftig leuchtende Heidelandschaften, bis zu der Stelle, wo ich das Klapperhorn weggeworfen hatte. Selbstverständlich lag dort nichts, aber intuitiv wusste ich, dass ich es nicht zu suchen brauchte. Ich trug es längst in mir. Mit einem Lächeln ließ ich die Stimmungsaufhellendsten Wortöne erklingen, die mir bekannt waren. Zeit für eine Umgestaltung.

Nach und nach entfernte ich auch die letzten Reste von Düsternis aus den Mooren, färbte alles neu ein, mal gedeckt und beruhigend, dann wieder schrill und leuchtend. Die Auren umkreisten mich zumeist und dienten mir zur Unterhaltung. Ich weiß nicht mehr, wie lange das so ging, meine Stimmung sich hob und senkte, die Moore immer gastlicher und gemütlicher wurden und ich mir nicht vorstellen konnte, sie jemals zu verlassen.

Ich schlenderte eines Tages wieder Frohsinn auf dem Klapperhorn verkündend durch die Wüste der getrockneten Tränen zur Oase der Erheiterung, als mich ein mulmiges Gefühl beschlich. Die erhabene Glücksseeligkeit der letzten Zeit stellte sich nicht mehr so recht ein. Nicht wie zuvor. Irritiert setzte ich den Weg bis zur Oase fort, wo mich eine Überraschung erwartete. Ich hatte einen unerwarteten Gast.

Unter einer Palme stand die ausdrucksloseste Person, die mir je begegnet war. Selbst das Wort Person war schon schmeichelhaft für diese Wesenheit mit dem Charme einer vollkommen grau versteinerten Litfaßsäule. Mit dem Körperbau einer Menschen, zumindest seinen Umrissen nach, ausgestattet, bestand sie aus vollkommener Makellosigkeit. Selbst das ausdruckslose Gesicht zeigte absolut gleichförmige Züge ohne jeden Makel. Da wo die Augen sein sollten, waren lediglich leere Mulden, eine Nase gab es nicht. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Ich fasste Mut und sprach das Wesen an, bekam aber keine Antwort. Sie zeigte überhaupt keine Regung. Dafür ich, ich spürte eine zunehmende Melancholie aufkommen, selbst der Grund der Oase, auf der wir standen, schien sich in Mißmut zu färben. Mit einem Ruck löste ich mich aus der Situation und verließ schnellen Schrittes die Oase, durchquerte die Wüste und begab mich wieder in meine geliebten Heidewälder am Rand des neu erschaffenen Schauermärchenwaldes. Dort erwarteten mich schon die Liebe und die Hoffnung und… das graue Wesen. Reglos stand es am Rand des Märchenwaldes unter einer Linde. Schlagartig verdüsterte sich meine Laune. Auch die Linde ließ einige Zweige hängen und verlor einen Teil ihrer Blätter, die auf dem weich bemoosten Waldboden augenblicklich zu dunklem Braun verwelkten.

Ich wandte mich an die Auren. Wisst ihr, was das ist, dieses Wesen dort? Ich zeigte auf die trostlose Erscheinung auf der anderen Seite der Heidelichtung.

„Ja“, eröffnete mir die Liebe „Das ist die Einsamkeit. Der kannst auch Du hier nicht entrinnen. Du bist schon ganz schön lange hier, Jo. Wie lange soll das noch so weiter gehen?“

Trotzig zuckte ich zur Antwort nur mit den Achseln, beschloss die Einsamkeit zu ignorieren und mich den schönen Dingen hier zu widmen. Schließlich tut sie ja keinem was.

So wurde die Einsamkeit zu meinem ständigen Begleiter. Wohin ich auch ging, die Einsamkeit war schon da, irgendwann folgte sie mir sogar ständig. Langsam aber stetig schlurfend war sie nie weit von mir, wie ich mich auch drehte und wendete. Wohin sie trat, färbte sich der Boden braun und grau. Und ich wurde immer schwermütiger, von zunehmender Unlust gezeichnet. Trotzdem mochte ich nicht auf die Auren hören, das offensichtliche erkennen. Zu groß war die Illusion, an diesem Ort glücklich zu sein.

Und so kämpfte ich den schwersten aller Kämpfe mit mir selbst. Dem Ringen um die Einsicht. Ich hatte so schwer gelitten, Trauer und Hass in einem aussichtslosen Kampf bewältigt, nur um mich jetzt selber zu schlagen. Ich konnte mir wohl auch nicht eingestehen, inzwischen Angst vor der realen Welt da draußen zu haben. Säuerlich glotzte ich in den leeren, ausdruckslosen Blick der Einsamkeit zurück, die sich mir täglich mehr aufdrängte. Trotz meiner immer jämmerlicher werdenden Stimmung brachte ich den letzten, den entscheidenden Schritt nicht zustande.

Vermutlich hätte ich aus eigenem Antrieb niemals entrinnen können, doch dann geschah etwas, dass meinen Gefühlen einen Ruck versetzte. Die Auren verblassten zusehends. Die Hoffnung war kaum mehr als ein schwaches Glimmen, die Liebe lag mit erloschenem Leuchten am Boden und selbst der Hass und das Lachen waren kaum mehr als traurige Erinnerungen an ihr ehemaliges Erscheinungsbild. Seufzend riss ich mich zusammen und traf eine Entscheidung.

„Ich werde gehen, ich werde euch hier zurücklassen“ rief ich den Auren zu, die sich sofort ein wenig erholten und zu mir herüber schwebten, um mir zu dem Entschluss zu gratulieren.

„Helft ihr mir?“ fragte ich leise, denn um Hilfe zu bitten, lag nicht in meiner Natur.

„Was sollen wir tun?“ fragte die Hoffnung lächelnd und ihre Reaktion schenkte mir umgehend Kraft und Tatendrang.

„Ich möchte die Moore nicht so hinterlassen. Ich werde hier noch einiges umgestalten müssen, um gehen zu können. Das kann ich aber nicht, wenn die Einsamkeit mich schwächt. Haltet ihr sie mir eine Weile vom Hals?“

Voll neuer Energie stürmten die Auren zur Einsamkeit herüber, neckten sie, versperrten ihr den Blick und schlossen sie in einem gigantischen Inferno von Aurennebeln ein.

Mit einem tiefen durchatmen schritt ich zur Tat, griff gedanklich nach meinem Klapperhorn und tat etwas damit, was ich bisher noch nie vollbracht hatte. Ich spielte Musik darauf. In kräftigen Tönen intonierte ich den Gedanken, der mich hier heraus bringen und die Moore für immer verändern sollte. Bleibt alles anders. Zu den Tönen des Barden aus meiner heimatlichen Industriemetropole tanzend ließ ich die Moore sprießen. Neongrüne Lorbeersträucher formten sich um Marmorsäulen ausufernd zur Siegessäule zum Gedenken des lyrischen Tobsuchtanfalles. Ich trocknete das Keinetränenmeer zur Salzwüste des staubtrockenen Humors. Das nächste Lied tanzend anstimmend, Free Bird von Lynyrd Skynyrd inklusiver sämtlicher Gitarrensoli, sprang ich die Höhenangstfälle hinab in die brodelnden Fluten des Gefühlsstausees und schwamm den Gedankenfluss abwärts bis zum Angstplatz der Vielen. Ich schuf den Auren Behausungen und mir selbst einen Gedankenpalast der unvergrübelten Klarheit. Der Einsamkeit wies ich einen Platz in den Grüften zu, von wo sie sich hoffentlich nicht allzu schnell wider erheben würde, sollte ich doch einmal in die Moore zurückkehren.

Und während ich wie im Rausch zur Tat gegriffen hatte, alles so änderte, dass es bleiben konnte, lichtete sich der Anblick der Moore um mich herum, diffuses Licht umgab mich und ich wachte langsam auf.

Nach einem Blinzeln entschied ich mich dagegen, die Augen zu öffnen. Ich spürte immer noch den warmen Atem meines Lieblingsmenschen auf meiner Haut, die Berührung ihrer Fingerspitzen und lächelte. Und lächelnd entrückte ich erstmals seit langer Zeit in friedvollen, erholsamen Schlaf.

Und so enden die Geschichten um meine ersten Verirrungen in die Senkgassenmoore.

© Jo Wolf

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3 Kommentare zu „Rückkehr in die Senkgassenmoore #3

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