Brainstorming

Alles mögliche an mehr oder weniger bekannten Sinnsprüchen und Naseweisheiten ließe sich jetzt hier anbringen, um das kommende zu umreißen. Ich beschränke mich auf „Was man nicht im Kopf hat, muss man irgendwo anders haben.“

Eine Kladde habe ich mir zugelegt, gebundenes leeres Papier, das auf meine Eingebungen wartet. Immer bereit, gegriffen und bekritzelt zu werden. Der perfekte Brainstormingspeicher. Ob daheim im Wohnzimmer, in der U-Bahn oder im Parkcafe bei einem Espresso. Da hinein kann ich meine Gedanken fließen lassen, wie sie kommen. Und wann sie kommen. Oder es kommt anders.

Zufrieden schließe ich den Deckel meiner Kladde, die Bahnfahrt war wirklich ergiebig. Fast zwei Seiten habe ich vollgeschrieben und gemalt. Und das in nur 20 Minuten. Aber jetzt muss ich aussteigen und den Untergrund verlassen, um den Bus für den Rest meines Heimweges zu erwischen, bevor er ohne mich abfährt. Ich schaffe es gerade rechtzeitig und stehe lächelnd in der Überfüllung im Gang zwischen den Sitzen. Mir macht das nichts, ich bin geistig ohnehin abwesend. Die soeben erdachten und niedergeschriebenen Einfälle erfüllen mich noch immer mit Freude und geschäftiger Hirntätigkeit. In genau dieser Situation überkommt es mich, das spontan überbordende Maß an Einfallsreichtum und Kreativität. Oder anders ausgedrückt, die richtige Eingebung. Die perfekten Formulierungen zu den bisher lose zusammen getragenen Einfälle. Das Problem ist bloß, ich habe ein Gedächtnis wie ein Sieb. Ich kann mir nichts merken.

Nervös verlagere ich mein Gewicht von einem Bein aufs andere, beiße mit auf die Lippen und kneife die Beine zusammen, denn zeitgleich kommt natürlich auch noch der unwiderstehliche Druck, die Not, genau diesen Druck abzulassen. Endlich hält der Bus, ich haste raus, noch fast 10 Minuten Fußweg und ich muss unterwegs noch in den Supermarkt, einige Dinge kaufen. Verdammt nochmal, das wollte ich doch vor der Arbeit machen. Gedanklich sage ich mir stumm immer wieder die selben Worte auf, klammere mich an die genialen Formulierungen. Nichts wie ab in den Laden und alles zusammen klauben, Gemüseabteilung, Kühlregale, Fleischtheke, Getränke und Backwaren. Meine Entscheidungslegasthenie steht mal wieder quer. Selbst der größte Blasendruck kann mich nicht davon abhalten, unentschlossen vor dem Regal zu stehen und über die korrekte Saucenwahl für das Abendessen zu sinnieren. Mal diese Flasche in der Hand, mal jene, Inhaltsstoffelisten immer wieder durchlesen, versuchen mich zu erinnern, welche ich schon mal hatte und wie sie schmecken. Nach einer gründlichen Recherche mit komplexen Auswahlverfahren, während ich mantraartig meine perfekten Verse lautlos aufsage, um sie mir zu merken, treffe ich die einzig richtige Entscheidung und kaufe überhaupt keine Fertigsauce. Immerhin, hat nur 10 Minuten gedauert, diesen Entschluss zu fassen. Ich muss so dringend pinkeln.

An der Kasse stehen höchstens sieben Leute vor mir, es dauert weitere zehn Minuten, bis ich abkassiert werde und gedankenverloren meine Beute in den Rucksack packe. Wie waren die Worte, die mir den schriftstellerischen Himmel bedeuten? Die Kommunikation mit der Kassiererin hat mich aus der Bahn geworfen. Verdammt nochmal, das waren die besten fünf Sätze, die mir jemals eingefallen sind. Beim Verlassen des Geschäfts fallen mir zumindest zwei davon wieder ein.

An der roten leuchtenden Fußgängerampel finde ich die nächsten beiden wieder, während die abgasenden Autos an mir vorbeischießen. Endlich grün, ich haste hustend weiter. Noch 500 Meter, der fünfte fehlende Satz ist mir eingefallen, dafür ist der erste wieder weg und statt mich dieses Problems zu widmen, schießt mir der ideale sechste Satz in den Sinn. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich Lizzy versprochen habe, sie zu bekochen, die kommt schon bald und bringt akuten Hunger mit. Und wenn sie akuten Hunger hat, wird sie ungenießbar. Es ist zum verrückt werden, wer soll das denn alles gleichzeitig schaffen?

Endlich im Treppenhaus angekommen, nehme ich immer zwei Stufen auf einmal und höre beim hoch eilen schon die Hunde ein Mordstheater veranstalten. Als ich die Wohnung betrete, stürzen sie sich auf mich und leiden offensichtlich unter dem selben Druck wie ich. Das kann nicht wahr sein, Rucksack in die Ecke schmeißen, Leinen greifen und raus mit den Fellnasen. Wie waren die Sätze zwei bis fünf nochmal? Die Hunde lösen sich auf der Wiese, ich überlege, es ihnen gleich zu tun. Der Nachbarschaft mangelt es ohnehin an Gesprächsstoff. Ich entscheide mich dennoch dagegen und lasse mich, verkrampften Schrittes laufend, von den Hunden heimwärts ziehen.

Endlich angekommen klingelt das Telefon. Warum zur Hölle gehe ich denn dran? Es ist ein Freund, den ich schaffe in drei Minuten ab zu wimmeln. Endlich zur Toilette. Erlöst und aufatmend sitze ich ruhiger werdend und besinne mich wieder auf meine eigentlich Mission. Die besten 6 Sätze meines Lebens. Wie lauteten sie gleich? Ich vergrabe den Kopf in den Händen und beschließe einen Wechsel des Sitzmöbels durchzuführen, bevor es weitergeht. Der gemütliche Schreibtischstuhl wird es schon für mich richten.

Müde gähnend kritzle ich Wort für Wort, Satz für Satz in meine Kladde. Die Erinnerung kommt wieder. Nahezu lückenlos schreibe ich alles auf und lasse dann schläfrigerweise den Stift sinken. Der Tag war lang und ich schlafe im sitzen ein.

Als ich eine halbe Stunde später aufwache, greife ich sofort wieder zur Kladde. Sechs perfekte Formulierungen lachen mir daraus entgegen. Perfekt für den Einbau in meine Geschichte über … die … mit dem … ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wofür ich die bescheuerten Formulierungen verwenden wollte. Zuviel storming, zuwenig Brain, prangere ich mein Hirnchaos an, schmeiße die Kladde in die Ecke und gehe in die Küche, Einkäufe aus dem Rucksack in den Kühlschrank räumen. Wo ist denn die Sauce, die ich gekauft habe? Bevor ich die Antwort darauf finde, klingelt es an der Tür. Das wird Lizzy mit dem Essen sein, nehme ich an.

© Jo Wolf

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5 Kommentare zu „Brainstorming

Gib deinen ab

  1. Oje, das kenne ich, dass einem gute Formulierungen im ungünstigsten Moment einfallen. Und dass man sie dann leider nicht die ganze Zeit vor sich hin denken kann, bis man endlich Stift und Papier zur Hand hat. Aber mit den Jahren bin ich da relativ entspannt geworden. Irgendwann kommt alles wieder. Und wenn es nicht wiederkommt, war es wohl doch nicht so gut. Allerdings habe ich noch nie eine derartige Verkettung widriger Situationen erlebt. Wer weiß, wie es mir dann ergehen würde. 😉
    Der Schluss ist topp! 🙂

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