Jo treibt Unfug #1

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich seit jeher dazu neige, mit ungebührlichem Verhalten aufzufallen. An anderer Stelle habe ich bereits meine Masken thematisiert. Diese Geschichten über meine Verfehlungen entspringen einer davon. Asche über mein Haupt.

Die wohl erste Lümmelei stammt aus meinen ganz jungen Jahren und ereignete sich an vollkommen ungebührlicher Stelle. Und zwar in der Kirche. Beim beichten.

Wie Katholiken unter den Lesern wohl wissen, ist das Beichten eine ganz besondere Praktik innerhalb der Höllenfeuergemeinschaft des Gottes, dessen Name nicht genannt werden darf. Da treibt man keine Scherze mit.

Wir hatten bereits die erste Beichte zur Vorbereitung auf unsere erste heilige Kommunion abgelegt. Unsere Sünden sollten wir beichten, im Alter von 8 Jahren. Stunden verbrachte ich genötigter weise mit dem Versuch, meine eigenen sündigen Fehltritte aufzuschreiben. Mir fiel nichts ein. Rein gar nichts. Als ich mit dem Problem zu meiner Mutter ging, gab sie mir den Tipp mit dem Aufschreiben. Sehr hilfreich, danach saß mit Zettel da, wo ich zuvor ohne gesessen hatte und grübelte. Immer noch keine Idee.

Also nochmal Mama fragen. Diesmal leistete sie konkrete Abhilfe: „Schreib auf, dass Du gelogen hast“. Hatte ich aber doch gar nicht. Nach einer kurzen Weile stellte ich fest, dass es mir inzwischen egal war. Hauptsache endlich raus zum spielen. Also wurde die Sünde „Ich habe gelogen“ notiert und dann ging es ab nach draußen zu den Freunden.

Und so stand ich dann am nächsten Tag vor unserem Pfaffen und beichtete brav, was auf dem Zettel stand. Es lief reibungslos. Zehn Ave Maria und zehn Vater unser zu beten wurde mir aufgetragen. Dann seien mir meine Sünden vergeben. „Wieso >Sünden<?“ wollte ich noch fragen, es war doch bloß eine! Aber da war schon der nächste kleine Sünder drin und die Tür zu, also ab zum Bußknien auf Stein, zwanzigmal die Gebete runter rasseln und dann nichts wie raus in das Sommerwetter.

Soweit so gut, dann kam einige Zeit später der zweite Bußgang. Mein Plan orientierte sich diesmal einfach am erfolgreichen Ablauf des ersten Pfaffenbesuchs. Ich hatte schon wieder gelogen. Böse böse, mir blieb nur auf Vergebung zu hoffen. Kaum hatte ich im Beichtstuhl alles gestanden, änderte sich unvorhergesehener Weise der Fahrplan.

„Was hast Du denn gelogen, Jo?“ Verdutzt blickte ich drein, was sollte das denn jetzt, so war das nicht abgesprochen.

Unter den bohrenden Blicken des glatzköpfigen alten Kuttenträgers entschied ich mich für offensives Vorgehen und schonungslose Ehrlichkeit.

„Ich habe gelogen, dass ich gelogen habe!“ schoß es reuevoll aus mir heraus.

Der alte Mann schaut verdattert „Wie meinst Du das, Jo?“

„Na, bei der letzten Beichte, da habe ich gebeichtet, dass ich gelogen habe, das stimmte garnicht, mir war nur nichts anderes eingefallen. Ich war eigentlich ganz frei von jeder Sünde.“ Betreten wartete ich auf eine Antwort und erkannte deren Aufkeimen im sich puterrot färbenden Gesicht meines Beichtabnehmers.

„Du hast was gemacht? Machst Du Dich über mich lustig…?“, seine Stimme ist furchteinflößend laut und durchdringend.

„Nein“, gab ich kleinlaut mit gesenktem Blick zurück „heißt das, ich habe umsonst die Strafgebete aufgesagt? Bekomme ich die für heute angerechnet?“.

Es gab keine Gutschrift. Aber einen Bonus. Ave Marias, Vater unsers und Rosenkränze beten bis zum Abwinken. Beim nächsten Beichtgang habe ich mich einfach unter den Augen des Pfarrers mit anderen Kindern geprügelt. Das war dann doch unverfänglicher als diese Lügensache.

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7 Kommentare zu „Jo treibt Unfug #1

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  1. Ich bin nichts, weder katholisch noch evangelisch. Dennoch habe ich meinen Glauben für mich entdeckt und muss glücklicherweise nicht dafür in eine Kirche gehen! Aber meine Tochter ist evangelisch und sie war nach der Konfirmation in einem Gewissenskonflikt geraten, einerseits hat es ihr gut getan, diese Zeit mit ihren Freunden zu verbringen, andererseits war der Druck enorm, der auf ihr lastete, Termine über Termine, das war dann nicht so förderlich 😉

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    1. Ich habe sicher einiges mitgenommen aus der Zeit, Gespräche und Auseinandersetzung hat dazu beigetragen, meine innere Haltung zu formen. Ich bin weit davon weg, alles im Zusammenhang mit dieser Religion (und anderen) negativ zu sehen. Andererseits hat mich diese innere Haltung mit allem was dazu gehört, auch weiter von der Institution Kirche und dem Glauben an einen Gott weggebracht.

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