Jo treibt Unfug #2

Nach Beendigung der Schulzeit fasste ich den soliden Entschluss, zunächst soziale Arbeit zu studieren und die dafür nötigen 12 Wartesemester als mein persönliches Martyrium mit Gelassenheit hinzunehmen. Da kann man dann halt nichts machen, abgesehen vom besten daraus. Partys gab es in dem Alter ja noch genug und überhaupt galt es, eine Welt zu erforschen. In der Theorie jedenfalls, die harte Alltagspraxis dagegen sagte mit Verweis auf mein leere Börse: „Geh arbeiten, Du nutzloses Stück!“.

Erfüllt mit tief seufzender Begeisterung suchte ich mir eine Stelle in der Betreuung und Pflege von Schwerbehinderten. Dort ließ man mich zwar ohne Ausbildung auf die armen Menschen los, verlangte aber die Teilnahme an Fortbildungen. Die begannen in dem Fall nur mit „Fort“, weil ich dafür weit fort in das schöne kleine Saarland transportiert wurde. Rollstuhlselbsterfahrung stand auf dem Programm. Das klang, als würde es mir liegen.

Gelangweilt schoben mich die anderen beiden Rollilehrlinge durch die kleine Innenstadt. Weil ich am leichtesten zu schieben war, saß ich bereits bereits seit Stunden im Rollstuhl und bekam schon taube Beine. Nicht mehr lange und ich hatte das Gefährt wirklich nötig. Nach mehreren Tagen hatten wir bereits jede Barriere für Rollstuhlfahrer erforscht, jede Rampe herab gerast, jeden hiphoppenden Flegel aus Behindertentelefonzellen vertrieben. In einer Kneipe hatte ich trotz des ausdrücklichen Hinweises meiner Begleiter, dass ich keinesfalls Alkohol trinken dürfe, ein Bier ausgeschenkt bekommen. Ich vergalt es mit einem perfekten epileptischem Anfall auf dem Wirtsraumboden. Inklusive Schaum vorm Mund. Es war ein lehrreicher Tag für uns alle. Ich jedenfalls habe meine schauspielerischen Fähigkeiten erweitern können. Und der Wirt macht so etwas nie wieder. Da bin ich mir noch heute sicher.

Aber was nun? Wir hatten noch soviel Zeit tot zu schlagen. Gähnend schaute ich zur alten Kirche hinüber. Ich könnte beichten gehen. Ich war schon seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Andererseits hatte ich aber auch niemals gelogen, mich geprügelt sowieso nicht, schon seit der Grundschule nicht mehr. Was also beichten? Mein Gewissen war rein wie der frische Morgentau. Dennoch zog es mich in das ehrwürdige Gemäuer. Meine Begleiter bat ich, draußen zu warten. Kirchgang war für mich seit jeher etwas sehr persönliches.

Mühsam erkämpfte ich mir den Weg über den gepflasterten Kirchenvorplatz. An ihrer Rollstuhlfahrerfreundlichkeit müssen die noch arbeiten. Es scheint fast, als ob wir gehandicapten den Gottesfürchtigen nicht willkommen wären. Mich beschlich ein wenig Ärger bei dem Gedanken. Ich lasse mich nicht gerne ausgrenzen. Ich kann schließlich nichts dafür, dass ich im Rollstuhl sitze. Ein wenig fühlte es sich an, wie der Gang zu einem Duell. Ein Endkampf. Bedeutungsschwere lag in der Luft, wie ich kleine Jo als David einsam auf den überrmächtig in den Himmel ragenden Goliath Kirche zu rollte. Ich würde mich nicht unterkriegen lassen.

Die schwere Eingangstür ließ sich von hier unten auch nicht gerade leicht öffnen. Während ich sie mit einer Hand unter Schwierigkeiten offen hielt, drehte ich mich samt rollbarem Untersatz in den Vorraum. Die schwere hölzerne Flügeltür in den Hauptraum verlangte mir ähnliche Verrenkungen ab. Und doch verflog mein gerechter Groll gegen die abweisende Haltung der angeblichen Menschenfischer sehr schnell. Der Duft nach Kerzenschein und frommer Heiligkeit hatte unwiderstehlich andächtig machende Wirkung auf mich. Die erhabene Ruhe tat ihr übriges. Ich tunkte meine Fingerchen in Weihwasser. Für einen Moment befürchtete ich, dass dieses zu brodeln beginnen und meine Haut verbrennen würde. Aber es lief vorfallsfrei und ich konnte mein Kreuzzeichen machen. Langsam bahnte ich mir rollend den Weg nach vorne. In den Bänken rechts und links saßen vereinzelt Menschen. Sie beteten oder guckten nur gedankenverloren nach vorne zum gigantischen Kreuz, an dem der Gottessohn angenagelt von der Decke hing. Ich fragte mich, inwieweit dieser Anblick seit frühester Kindheit wohl die Neigungen und Vorlieben späterer Erwachsener beeinflusst.

Ich nickte den anderen Erleuchtung suchenden in den Bänken zu. Es kam keine erkennbare Reaktion. Aber ein paar Blicke wirkten doch recht herablassend auf mich. Was bildeten die sich ein? Halten die sich was besseres als uns Rollifahrer? Einer blickte mich strafend an, wohl weil meine Gummireifen recht laut auf dem Fußboden abrollten. Er ließ sich sogar zu einem verärgerten „Pssst!“ herab. Fassungslos schwoll wieder Ärger in mir an. Was für eine Frechheit das war. War das die berühmte Nächstenliebe, die hier gepredigt wurde? Wussten diese Menschen überhaupt, was es heißt, ein Christ zu sein? Ich beschloss, sie zu lehren.

Vor den Treppenstufen zum Altar blieb ich stehen. Saugte die Atmosphäre auf, ging in mich und ließ mich fallen. Betend sah ich herauf zu meinem Idol, dem Gekreuzigten. Er würde mich nicht verraten. Er kannte mein Leid. Er würde meine Rettung sein und die Blender aus seinem Haus jagen. Bittend formte mein Mund tonlos die Worte, wie ich sie in den Betstunden gelernt hatte. Fühlte seine Nähe, wie der heilige Geist mich erfüllte. Meine tauben, regungslosen Beine kribbelten. Spürte ich ein Zucken? Ich fasste an meine Oberschenkel. Konnte ich die Berührung meiner Hände spüren? Voll freudiger Erregung griff ich an die Seiten meines Sitzes. Drückte mich langsam in die Höhe. Stück für Stück, das Leben kehrte in meine Beine zurück, ich fühlte ihre zunehmende Stärke. Langsam erhob ich mich, Zentimeter für Zentimeter ging es unablässig weiter hinauf. Mein Po verließ den weichen Ledersitz, die Beine streckten sich, wenn auch zitternd. Adrenalin und vom unerschütterlichen Glauben getragener Wille trieben mich voran. Nur noch ein kleines Stückchen, dann… der Rollstuhl glitt nach hinten weg. Ich stand! Stand auf meinen eigenen Beinen! Wie lange hatte ich das schon nicht mehr erleben dürfen. Mit den Armen balancierend sorgte ich noch ängstlich für Gleichgewicht. Doch dann überkam mich fassungslose Erkenntnis. Es war ein Wunder! Ich stand auf meinen Beinen und vorsichtig hob ich das linke Bein und setzte meinen Fuß etwas nach vorne. Zog das rechte Bein nach zu einem zweiten Schritt. Ich ging! Tränen der Freude schossen mir in die Augen und ich schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.

„Ich… ich kann gehen, ich kann wieder gehen….“ flüsterte ich. Dann lauter werdend noch einmal „Mein Gott, ich kann gehen!“ Langsam drehte ich mich um, ging unsicher noch ein paar Schritte. Einige Tränen kullerten über meine Wangen. Das konnte doch nicht sein, die Ärzte hatten mit gnadenloser Härte attestiert, dass ich niemals wieder auf meinen eigenen Beinen würde stehen können. Es schüttelte mich und ich ließ meinen Tränen freien Lauf. „Oh mein Gott, das kann doch nicht sein. Ich kann wieder gehen!“ Ich hob meinen Blick etwas, ein paar Tränen tropften von meinem Kinn zu Boden.

Wie um mich selbst zu vergewissern, zu überzeugen, dass das gerade wirklich passierte, tat ich weitere Schritte. Sie waren wackelig, aber es waren Schritte, ein Fuß vor den anderen. Unter den weit aufgerissenen Augen meiner Glaubensbrüder und -schwestern wankte ich den Gang entlang zur Wandseite des Raumes hin. Ein paar von ihnen hielten sich mit offenen Mündern die Händen ans Gesicht. Ein ehrfüchtigeren Moment kann es in keines Menschen Leben geben.

Langsam tapsend erreichte ich den äußeren seitlichen Gang, es waren nur weniger Meter, aber ich hatte sie allein, aus eigener Kraft bewältigt. Von unbeschreiblichen Gefühlen ergriffen richtete ich den Blick nach oben. Über mir hing das Bild des Judas an der Wand. In seiner Hand einen Beutel voller Silberlinge. Schwindel erfasste mich. Woher kam der so plötzlich? Ich geriet ins Schwanken. Taumelte. Versuchte noch einen Schritt zu gehen, verzweifelt um Gleichgewicht kämpfend. Ich verlor den Kampf und mit einem jämmerlich scheiternden letzten Ausfallschritt fiel ich und schlug der Länge nach auf den Boden auf. Aus dem Hintergrund untermalten entsetzte Aufschreie den Niedergang meines ganz persönlichen Wunders. Weinend blieb ich mit dem Gesicht nach unten gerichtet liegen. Keine Chance, aus eigener Kraft wieder auf zu stehen. Meine Beine waren gelähmt wie zuvor.

Entsetzt schauten die Jünger Christi drein, einige verließen die Kirche. Zwei eifrige Herren eilten aber immerhin herbei, griffen mich, zogen mich vorsichtig hoch, setzten mich wieder in meinen Rollstuhl, dieses Symbol meiner körperlichen Gefangenheit. Beruhigend redeten sie mit mir, gaben mir Taschentücher, ich trocknete meine mit Tränen überströmten Wangen. Putze meine Stupsnase. Langsam errang ich meine Fassung wieder. Den Rettungsdienst wollten sie rufen. Ich lehnte ab. Ich wollte nur raus hier, es gehe mir gut. Ich hatte keine körperlichen Verletzungen davon getragen. Schniefend setzte ich die Räder in Bewegung. Bedankte mich für die Hilfe. Und entschwand.

Es war spät geworden. Aber am nächsten Tag, so nahm ich mir fest vor, wollte ich ausziehen und die Protestanten über Gott lehren. Bittere Erkenntnis und Wahrhaftigkeit machen nun mal nicht vor unterschiedlichen Konfessionen halt.

© Jo Wolf

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4 Kommentare zu „Jo treibt Unfug #2

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      1. Eben drum 🙂 Publikum hätte ich nicht wirklich haben wollen. Wie im Text geschrieben, ist der Kirchenbesuch mir einer äußerst persönliche Angelegenheit, die ich nicht unbedingt teilen will, wenn ich in mich gehe 🙂

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