Begegnung mit meinem Mörder

Ich hatte den steilen Abstieg durch den Wald in den südfranzösischen Cevennen gut bewältigt. Im Tal wartete ein kleines Paradies als Belohnung. Ein Flüßlein bahnte sich seinen Weg schlängelnd zwischen Bäumen und Felsen hindurch. Genau der richtige Ort für mich und einen entspannten Tag zwischen Sonne und Schatten, Wasser und Wald, Felsen und Luft. Also nichts wie raus aus den Klamotten, rein in die plätschernden Fluten und danach in der Sonne räkeln. Einsam und still, unterbrochen nur von Vogelgezwitscher und dem gelegentlichen Lärmen meines Hundes Kira, ehemals bekannt als „Der gelbe Goblinwarg“, beim aufgeregten spielen.

Nach einer Weile der Ruhe, ich war kurz eingenickt, hob ich schläfrig mein Haupt. Etwas war anders. Kein Vogelgezwitscher mehr. Alles war irgendwie stiller, selbst das plätschern des Flusses erschien mir leiser geworden zu sein. Ich blickte den Fluß stromaufwärts, dort verlor er sich recht schnell zwischen den Bäumen. Dann blickte ich flußabwärts. Und erschrak. Mitten im Flußbett stand eine Person. Vielleicht gerade mal 50 Meter von mir entfernt. Ein Angler, die Rute hielt er ausgestreckt ins Wasser. Auf dem Kopf einen Südwester. Damit hatte ich hier in der vermeintlichen Einsamkeit des entlegenen Tals wirklich nicht gerechnet. Hektisch zog ich mir etwas über, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Wenigstens schien er ganz auf seine Tätigkeit konzentriert zu sein und sah nicht zu mir herüber.

Misstrauisch ließ ich ihn dennoch für eine Weile aus den Augen. Ging zum Ufer und tauchte mein Gesicht ins Wasser. Erstmal klarer im Kopf werden. Nach ein paar weiteren Tauchgängen für Kopf und Arme war ich erfrischt und wacher. Sofort galt meine Aufmerksamkeit wieder dem Unbekannten flußabwärts. Er stand noch immer in der selben Haltung angelnd da. Allerdings, so hätte ich schwören können, jetzt viel näher in meine Richtung. Höchstens noch 40 Meter trennten uns voneinander. Verunsichert überlegte ich mir, dass die Fische wohl nicht überall gleich gut anbeißen. Da wechselt man schon mal den Standort.

Ich ging zurück zu meinem Handtuch, breitete es ordentlich aus und setzte mich darauf. Nahm meinen Rucksack, kramte nach den Zigaretten und zündete mir eine an. Qualmenden Blickes wendete ich meine Aufmerksamkeit sofort wieder flußabwärts und erschrak erneut. Jetzt war er eindeutig näher gekommen. Vielleicht gerade mal 20 Meter lagen noch zwischen ihm und mir.  Alles verkrampfte sich in mir, drängte zur Flucht. Dennoch sah ich ihn weiter an. Seine Haltung war weiterhin unverändert. Den Blick richtete er aufs Wasser, der gegenüberliegenden Seite des Flusses zugewandt. Er hatte so eine merkwürdige Anglerhose an an. Aus Gummi und mit Hosenträgern befestigt. Obenrum ein Shirt. Über die Schulter hatte er eine Tasche geworfen, am Gürtel hing ein langes Messer.

Während ich ihn musterte, veränderte sich doch etwas. Er drehte seinen Kopf in meine Richtung, sehr langsam, Zentimeter für Zentimeter. Spätestens jetzt fuhr mir der Schreck wirklich in die Glieder. Der ganze Bewegungsablauf wirkte vollkommen unnatürlich, wie in Zeitlupe. Im nächsten Moment würde ich sein Gesicht erkennen können. Stattdessen krachte es und ich zuckte wild zusammen. Mit brachialem Lärm kam Kira zwischen Sträuchern hervor gebrochen, in der Schnauze einen riesigen Ast, sprang mitsamt Gehölz ins Wasser, tobte darin herum, bellend, grunzend, mit dem Ast kämpfend. Tief durchatmend kehrte mein Mut zurück.

Schnell schaute ich zum Angler runter, doch der stand nicht mehr da. Er war jetzt direkt an der Stelle, wo er zuvor gestanden hatte. 40 Meter entfernt. Weiterhin in der selben, zur anderen Uferseite gewandten Haltung. Die Angel ausgeworfen vor sich haltend. Ich rieb mir die Augen. Rieb sie nochmal. Schaute wieder hin. Gute 50 Meter weiter unten stand er, exakt so wie bei dem Anblick, als ich ihn zum ersten Mal entdeckte.

Verwundert ging ich zu Kira, nahm ihr den Ast ab, warf ihn mit Radau einige Meter weit ins Wasser, wo er krachend auf einige Kiesel des Flussbettes aufschlug. Das Wasser spritzte hoch in die Luft, Kira stürmte lärmend hinterher und holt ihn sich zurück. Ein erneuter Blick flußabwärts. Nichts. Der Angler war weg, niemand mehr da. Erst jetzt wurde es mir wirklich gruselig. Was war das gewesen? Und vor allem: Wieso habe ich den Mann nicht eine einzige Bewegung machen sehen? Keine! Abgesehen von dem leichten Drehen des Kopfes.

Mit mulmigen Gefühl  packte ich kurz später meine Sachen. Das Messer nahm ich aus dem Rucksack und befestigte es am Gürtel. Den massiven Stock durfte Kira ausnahmsweise mitnehmen und ich nahm mir selbst noch einen längeren, als Wanderstab zum Aufstützen, mit dem sich der Wiederaufstieg zurück zur Strasse und zu meinem Auto auch leichter gestaltete.

Dem Angler bin ich nicht nochmal begegnet. Aber ich denke immer mal wieder an die Situation, kann mich haargenau daran erinnern, wie er dastand. Unnatürlich irgendwie, regungslos, fehl am Platze. An jenem Tag kam Kira zwischen ihn und mich. Ich warte auf den Tag, an dem wir uns wieder begegnen. An einem anderen einsamen Ort.

 

© Jo Wolf

 

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2 Kommentare zu „Begegnung mit meinem Mörder

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