Die Sache mit dem traurig sein…

In Kliniken darf man bei der Aufnahme immer Formulare ausfüllen. Bei mir gehörten immer Fragebögen zu meiner Krankheitsgeschichte dazu. Mit besonderem Fokus auf meine Depressionen.

Der gefühlt ellenlange Großteil der Fragen richtete sich nach meinem traurig sein:

  • Wann sind sie traurig?
  • Wie oft sind sie traurig?
  • Woran denken sie, wenn sie traurig sind?
  • Worüber sind sie traurig?
  • Was fühlen sie, wenn sie traurig sind?
  • traurig
  • traurig
  • traurig

Auf Punkteskalen durfte ich die Intensität meines traurig seins bewerten. Die Häufigkeit ebenfalls. Und so weiter…

Ganz ehrlich. Ich bin depressiv. Traurig bin ich selten. „Na, bist Du traurig, kleine?“ ist für mich ein Frage, die vor allem Kindern gestellt wird. Und auch da empfinde ich es eher als abwertend. Es ist verniedlichend und verharmlosend. Ich fühle mich mit solcher Ausdrucksweise und solchen Fragen, besonders in der Häufigkeit, nicht ernst genommen.

Ich bin oft erschöpft. Müde, ausgebrannt, ich will nicht mehr und kann nicht mehr. Ich habe Angst oder bin ich voll Wut. Ich empfinde gar nichts oder gleich alles auf einmal. Ich hasse mich selbst und manchmal auch andere, verzweifle an mir. Ich will das alles beenden und lediglich Ruhe und Erholung von mir selbst und allem was mich umgibt. Ich könnte explodieren, implodieren, oder einfach zusammenbrechen. Erklären kann ich das schon garnicht.

Kannst Du alle Deine Gefühle erklären und dann auch noch bewerten?

Von mir wird das ständig in nervenaufreibender Umfänglichkeit verlangt. Das ist erschöpfend. Dabei bin ich darin ausgebildet und erfahren, wurde seit jeher als besonders reflektierter Mensch beschrieben.

Ich bin nicht traurig, wenn dann habe ich einen konkreten Anlass dazu. Als mein Schwager vor kurzer Zeit viel zu jung gestorben ist. Ja, da war ich unter anderem traurig und noch viel mehr als nur das.

Als ich meinen geliebten Hund vor wenigen Jahren einschläfern lassen und begraben musste, habe ich mich mit begraben. Auch da war ich mehr als nur traurig.

Lediglich traurig war ich zum Beispiel, als ich eine Prüfung wiederholen musste. Das es meiner Schwester einer Zeitlang nicht so gut ging, hat mich auch traurig gemacht. Aber auch das war schon mehr. Mal überlegen… achja, gutes Beispiel: Ich hatte ein schönes, wertiges Taschenmesser von guten, aufmerksamen Freunden geschenkt bekommen, dass mir später bei einem Umzug verloren gegangen ist. Das hat mich schon ein bisschen traurig gestimmt.

Ich denke es wird klar, worauf ich hinaus will…

Alle diese Anlässe waren sehr konkret und hatten nichts mit meinen Depressionen zu tun. Jeder hätte in diesen Situationen getrauert. Jeder hätte das „traurig sein“ wegen des Verlust eines Taschenmessers auch ein wenig als kindisch empfunden. Möglicherweise habe ich diese traurigen Situationen intensiver wahr genommen, schlechter verarbeitet oder habe in der Folge verschlimmerte depressive Phasen gehabt. Nichts ist ganz losgelöst von allem anderen.

Natürlich ist das alle nur mein subjektives Empfinden, anderen Menschen mag es anders gehen. Trotzdem will ich das loswerden, denn ich finde solche Ausdrucksweisen und das was möglicherweise an mangelndem Verständnis für die Krankheit Depression hinter steht, sehr wichtig. Und an dem Punkt sehe ich solche Fragebögen als „Trauerspiel“.

Stehe ich damit alleine da?

 

Advertisements

15 Kommentare zu „Die Sache mit dem traurig sein…

Gib deinen ab

  1. Meine depressiven Phasen haben eigentlich auch nichts mit Traurigkeit zu tun, sondern mehr mit Leere, Müdigkeit und Sinnlosigkeit. Trauer ist etwas mit dem man irgendwie umgehen kann, es ist für mich eine Art von benennbarem Schmerz. Aber Depression ist was anderes… Ich kam bisher zum Glück noch nicht so oft mit diesen Fragebögen in Kontakt, auch wenn ich sie kenne.

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke für Deinen Kommentar, Lucretia. Ja, Leere und Sinnlosigkeit kenne ich auch. Damit umzugehen ist wirklich etwas anderes als mit einem bestimmten Trauerfall. (was ich nicht abwerten will, das ist oft sehr schlimm).
      Aber es ist schön, dass nicht nur mir solche Fragebögen (negativ) aufgefallen sind.
      Lieben Gruß
      Jo

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Jo,
    in jungen Jahren litt ich 20 Jahre lang (also bis zum 32. Lebensjahr) unter schweren Essstörungen. Solche gehen immer mit Depressionen einher. So kenne ich aus meinem stationären Aufenthalt (Therapie der Bulimie) diese Fragebögen zur Genüge. Ich fand sie damals schon abartig. Sie erfassen nicht den Menschen in seiner Individualität. Sie werten nach Punkten aus, als handle es sich um ein Diätprogramm der Weight Watchers (hoffentlich habe ich das jetzt richtig geschrieben – ich kenne mich mit solcherlei Programmen nicht sonderlich gut aus).
    Sie beurteilen nicht die speziellen Gefühlszustände des Depressionskranken.

    Meine Therapeutin (sie „lief“ nicht über Kasse) hätte mit solchen Fragebögen niemals gearbeitet ….

    Du siehst also, es geht nicht nur Dir so. Ich dachte zwar, nach 18 Jahren wäre man weiter, aber offenbar doch nicht.

    Herzliche Grüße
    Sylvia

    Gefällt 3 Personen

    1. Hallo Sylvia,

      ich würde ja sagen „gut zu hören“, aber es ist wohl eher bedauerlich, wenn auch andere vergleichbare Erfahrungen machen.

      Das Punktesystem finde ich besonders daneben. Da wird dem patienten dann am Ende einer Maßnahme anhand der Punkte, die eingangs und ausgangs „erreicht“ wurden, mitgeteilt, dass die Klinik gute Arbeit geleistet hat. Die Punkte sind am Ende ja weniger.

      Was den Unterschied zwischen heute und vor 18 Jahren aus macht, kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass es sehr große Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen Einrichtungen und Therapeuten gibt. Und sehr unterschiedliche Ansätze. Möglicherweise hatte ich bisher einfach viel Pech.

      Lieben Gruß
      Jo

      Gefällt 2 Personen

  3. Dass Depression und Traurigkeit zwei verschiedene Paar Schuhe sind, ist klar. Leider nicht so klar ist der Sprachgebrauch der Fragebögen. Was meint der Fachmann in diesem Fall mit „traurig“? Ohne den Kontext zu kennen, verstehe ich gerade gar nicht, was aus welchem Grund da abgefragt wird, ehrlich gesagt. Ein Wort für sich ist halt uneindeutig, bestimmte Wendungen sind es auch (was ja auch Vorteile haben kann, etwa im poetischen Sprechen). Eine Eigenschaft der Sprache, die bedauerlicherweise zu oft zu wenig Beachtung findet. Auch ein Grund, warum die Frage „Kannst Du alle Deine Gefühle erklären und dann auch noch bewerten?“ aus meiner Sicht eigentlich nicht zu beantworten ist. Jedenfalls nicht kurz und bündig. Denn was der Beschreibende meint und was der, der zuhört, versteht, dürfte nicht so leicht in Einklang zu bringen sein.

    Gefällt 3 Personen

    1. ich bin mir auch nicht klar darüber, was der Fachmann sich dabei gedacht hat. Ob es stellvertretend für negative Gefühle stehen soll, die man in der Depression hat? Wäre schlecht gewählt. Natürlich gibt es viele Menschen, die aus Trauersituationen heraus in depressive Episoden verfallen. Ich habe einige davon kennengelernt. Die Mehrheit ist das aber sicherlich nicht.
      Kurz und bündig ist die Frage nach den Gefühlen sicher nciht zu beantworten, davon kann ich ein Lied singen. Die habe ich jetzt aber auch nur im Rahmen des Artikels so formuliert, um klar zu machen, wo die Problematik liegt. So gestellt worden ist sie mir nicht. Und ja, das ist eines der Probleme… Generell bestimmt der Empfänger die Botschaft… was zum Problem wird, wenn es um die Bestimmung des Inneren vom Absender geht…

      Gefällt 1 Person

      1. Wenn nur der Empfänger die Botschaft bestimmen würde, würde keine Kommunikation jemals gelingen. Der Sender und das Medium beeinflussen die Botschaft auch. Und Sender und Empfänger befinden sich zumindest teilweise in einem gemeinsamen „Bedeutungsraum“, wenn sie die gleiche Sprache (im weitesten Sinne) sprechen. Was der Sender sendet und was der Empfänger empfängt, lässt sich also schon irgendwie in Einklang bringen. Das ist sicher nicht immer einfach, aber es geht. Wenn es nicht ginge, könnte z.B. kein Musiker/Schauspieler/Redner … mit einer Gemeinschaft von Zuschauern/Zuhörern so kommunizieren, dass für das Publikum so etwas wie ein gemeinsames Erlebnis stattfindet. Aber das so etwas passieren kann, haben wir sicher (bzw. hoffentlich) alle schon mal erlebt. 🙂

        Gefällt 1 Person

      2. Die Aussage bezieht sich auf sozialädagogische Kommunikationsmodelle. In letzter Instanz bestimmt immer der Empfänger die Botschaft, also das was er versteht. Einfluss haben darauf natürlich Empfänger und weitere Faktoren. Gelingen kann Kommunikation dennoch, der Empfänger muss ja nicht zwangsläufig etwas anderes verstehen, als der Sender beabsichtigt hatte. Wenn das doch der Fall ist, gibt es beispielsweise Möglichkeiten zu neuen Botschaften, die die Bedeutung der vorherigen erklären.
        In der Unterhaltung gibt es ja genug Beispiele für Botschaften, die vom Empfänger anders interpretiert wurden, als vom Sender gedacht. Zum Beispiel „Die Muppets“. Eine Sendung, die sich an Erwachsene richtet. Der deutsche Zuschauer (wie es in anderen Ländern ist, weiß ich nicht), hat mehrheitlich verstanden, dass es eine Kindersendung ist und seither fristet die Show im Fernsehen ihre Dasein im Kinderprogramm. (Inzwischen nicht mehr ausschließlich, glaube ich).
        In den Kommunikationmodellen geht es neben den Inhalten aber auch stark um die Kommunikationsebenen. Aber das führt jetzt zu weit, ist ja hier ja eigentlich nicht das Hauptthema. 😀

        Gefällt mir

  4. Diese Fragebögen kenne ich glücklicherweise nicht, weil ich nicht unter Depressionen leide. Aber ich kenne vieles von dem, was Du beschrieben hast. Vor allem der Absatz „ich bin oft erschöpft…“ , der könnte komplett von mir sein.
    Diese Fragebögen klingen ja völlig nach Schema F. Ich glaube nicht, dass man Krankheiten, die mit Gefühlen zu tun haben, im Schubladendenken abfrühstücken kann.

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo patty,

      schön, dass Du Dich zu Wort meldest! 🙂
      Erschöpfung ist wohl auch nicht das Privileg der Depressiven. Woran liegt es, dass der Satz so gut auf Dich zutrifft, Du also so oft erschöpft bist?
      Was Die Fragebögen angeht, stimme ich Dir voll zu!
      Lieben Gruß,
      Jo

      Gefällt 1 Person

      1. Die Kurzform: zu wenig Freizeit.
        Stress im Job, da unterbesetzt und seit 4 Jahren neue Chefs, die alles von innen nach außen krempeln. Viele Überstunden. Dazu noch ein Nebenjob. Schwere Krankheiten beider Elternteile, bis hin zum Tod. Haushalt auflösen, Haus verkaufen inclusive. Hiobsbotschaften wie: Käufer ist abgesprungen, weil das Haus auf einmal unter Wasser steht etc. Mutter schwerenherzens im Heim untergebracht. (sie ruft mehrfach täglich wegen Kleinigkeiten an)
        Dazu noch zweimal die Woche Sport, damit die eigene Gesundheit nicht völlig schlapp macht ( Herzklappenfehler, Bandscheibenvorfall….)
        Kannste mal, haste mal, machste mal ….
        Kurz: völlig überfordert.

        Gefällt 2 Personen

  5. Obwohl ich Psychologie studiere und ich ständig mit solchen Tests konfrontiert werde, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass solche Fragebögen den Menschen auf bestimmte Kriterien reduzieren.

    Ich hab schon häufig den BDI, einen Fragebogen zur Erfassung der Derpressionsschwere, ausgefüllt. Jedes Mal habe ich einzelne Fragen vollkommen absurd gefunden und mit einem Kopf schütteln widerwillig meine Kreuzchen gesetzt.

    Der Mensch ist ein komplexes Wesen und nicht durch standardisierte Tests fassbar!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: