Schlaflosigkeit, Alpträume und Höhenangst

Wieder nur ein paar Stunden geschlafen. Und die waren alptraumdurchwuchert. Davon bin ich auch aufgewacht. Wie so oft. Ständig Alpträume, verwirrend, intensiv und ängstigend.

Mit denen habe ich in den ersten 20 Jahren meines Lebens die Nächte verbracht. Oder auch ein bisschen länger. Dann waren sie irgendwann weg. Warum auch immer. In den Nachtbereitschaften bin ich einfach nicht dazu gekommen. Da habe ich jahrelang nie mehr 2-3 Stunden schlecht geschlafen. Nachmittags auf der Couch bei laufendem TV waren die Bedingungen wohl auch nicht so optimal für Horrorbegleiter. Oder der Schlaf halt nicht lang und tief genug.

Früher gab es massenhaft Träume vom fallen. Es gibt keine Variante, in der ich noch nicht gefallen bin. Mit dem Aufschlag bin ich immer aufgewacht. Häufig auf dem Boden neben dem Bett. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Dafür erwache ich zuckend und trage immer mal wieder Wadenkrämpfe davon.

Die Träume mit dem fallen sind bisher nur spärlich wieder gekehrt. Die mit Höhe an sich schon mehr. Schlimmer sind aber die blitzartigen Resultate der Höhenangst im Wachzustand. Ich nenne sie mal „Flashbacks“. Fühlen sich an wie sekundenlange, besonders intensive Alpträume. Als Auslöser reicht eine Luftaufnahme im TV. Manchmal gibt es auch keinen erkennbaren Auslöser. Trotzdem läuft ein Film in Highspeed vor meinem inneren Auge ab. Er lässt mich zucken und zusammenfahren. Auch das wurde schon mit massiven Muskelkrämpfen quittiert. Danach ist laufen eine Weile unmöglich.

Von psychologischer Seite kam in der Richtung bisher nicht viel. Ich durfte an ein paar kurzen Wissensvermittlungskursen teilnehmen. Ein paar Stunden mit Frontalunterricht und den immer selben Papierhandouts. Beim letzten konnte ich schon Hermine spielen und fingerschnipsend „Hier ich weiß es, ich kenne die Antwort!“ rufen. Habe ich trotzdem nicht gemacht. Naja, zumindest kaum. Sehr hilfreich sind die Textblöcke, Diagramme und Skizzen nicht. Es ist gut, dieses Wissen zu haben, klar. Mehr aber auch nicht. Es führt zu keiner Besserung und scheint an meinem Problem vorbeizugehen. Da kann man mir noch so oft mitteilen, dass das alles wissenschaftlich fundiert ist.

Ich steigere mich nicht in solche Ängste hinein und verstärke sie nicht durch Vermeidungsverhalten. Erwartungshaltung lässt sich auch nicht einfach ausknipsen. Wie leicht die sich so etwas immer vorstellen, unglaublich. So ganz ernst genommen fühle ich mich da wirklich nicht.

Die Angst ist einfach da. Ich stelle mich ihr auch. Gerade der Höhenangst. Ich gehe oft in den Bergen wandern, klettere manchmal irgendwo hoch, betrete Balkone  und Aussichtstürme. Nein, gerade herunter schauen geht meistens nicht und es gibt auch Plätze in luftiger Höhe, die übersteigen meine Leidensfähigkeit. Das kann aber kaum der Maßstab sein. Bei jedem ist irgendwo die Grenze. Ich muss auch nicht Bungee springen, um endgültig zu beweisen, dass ich auch wirklich alles gegen die Höhenangst mache.

Oft überfällt sie mich von hinten. Zum Beispiel beim Betreten einer hoch gelegenen Aussichtsplattform. Ich war plappend im Gespräch versunken und habe nicht realisiert, dass wir im Gebäude recht weit nach oben gestiegen sind. Das Höhenniveau beim Betreten des Erdgeschosses war auch schon recht ordentlich gewesen. Beim Herantreten an den Rand der Hochterrasse erwischte es mich wie vom Blitz getroffen. Schwindel, Magenkrampf, rückwärts taumeln und tanzende Lichter vor geschlossenen Augen. Ole Ole, darauf folgten Übelkeit und Kopfschmerzen und Kreislauf-Faxen.

Viel schlimmer ist es noch, wenn ich unten stehe und zuschaue, wie jemand hoch klettert. Das ist kaum zu ertragen. Mit den Kindern von Geschwistern oder Freunden ist es auf Spielplätzen die reinste Tortur. Ich zwinge mich, mir nichts anmerken zulassen, wenn diese auf die Klettergerüste steigen. Daneben stehen in der Nähe, um im Fall des Falles auffangen zu können, muss reichen. Ich will ja nicht über behüten oder ängstlich machen. Aber für mich ist das ein permanentes ringen um Selbstbeherrschung und Kampf mit Schwindel und Taumel.

Vor ein paar Jahren bin ich im Überschwang in eine Baukrangondel auf der Kirmes gestiegen. Das wurde als romantische Gondelfahrt in luftiger Höhe angepriesen. Man wurde allerdings einfach in rasantem Tempo gerade nach oben gezogen, bis in 80 Meter Höhe. Der Gondelführer hat mir belustigt mitgeteilt, dass er auf einen Blick sieht, dass ich zum Höhenangsttypus gehöre. Haha, ist ja auch sehr schwer zu erkennen, wenn ich mich mit weiß verkrampften Fingern am Gondelrand festhalte und leichenblass im Gesicht werde. In meiner Nervösität fing ich auch noch an, mit der rechten Hand an was rumzufummeln. Das solle ich besser lassen, meinte der Gondelführer. Ein Blick nach rechts zeigte mit, dass ich den Verschließmechanismus der Gondeltür geöffnet hatte. So schnell wie da habe ich noch nie zuvor einen Verschlussriegel wieder geschlossen.

Nach unten ins Gondelinnere schauen war auch keine gute Idee. Die Gondel hatte mittig im Boden einen Schlitz durch den man geradewegs in die Tiefe bis auf den Marktplatz sehen konnte. Fernblick hat ein bisschen geholfen. Aber nur einige Minuten. Auf meine Frage, wann es denn wieder nach unten geht, bekam ich ein „Ja gleich, ich muss nur noch ein paar Sachen losmachen, da es die letzte Fahrt heute ist.“ Na super, da wars dann aus, was erzählt der mir auch noch was von losmachen (und klettert danach direkt neben mit am Gondelrand hoch und bindet wirklich was los! Die Gondel pendelte derweil schön hin und her…) Ich fürchte mit der Aktion habe ich alles nicht besser gemacht…

Seitdem habe ich wieder nahezu täglich Alpträume in Zusammenhang mit Höhe. Sehr beliebt ist der, wo mein Hund aus meinen Armen über den Gondelrand in die Tiefe springt. Ein paarmal habe ich ihn auch schon selber geworfen, oder bin höchstpersösnlich gesprungen. Wohl nur, um die Situation zu beenden und ihr nicht länger rausgesetzt zu sein.

Die „Flashbacks“ sind seit der Gondelfahrt neu hinzu gekommen. Die finde ich besonders schlimm, da sie mich im Wachzustand überfallen und mir meine Selbstkontrolle rauben. Ich will nicht so ausgeliefert sein.

 

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10 Kommentare zu „Schlaflosigkeit, Alpträume und Höhenangst

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      1. Mhm ja. Ich tat mir auch lange schwer damit. Aber ein Trauma kann auch ein kleines sein. Meine Schlafstörungen zum Beispiel, und wie sie entstanden sind, sind tief in mir verankert und waren/sind traumatische Erfahrungen. Weil sie mich in meinem weiteren Leben und Erleben prägen.
        Und ich finde schon, dass das bei deiner Höhenangst so klingt.
        So rein interessehalber, warst oder bist du eigentlich in Therapie?

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      2. Ich war in Therapie, ja. In der Reha, in der Tagesklinik, über ein Jahr ambulante Einzeltherapie und eine Weile Gruppentherapie. Die war aber so schlecht, dass ich sie abgebrochen habe. Im Moment stehe ich auf der Warteliste für einen Therapieplatz. Die voraussichtliche Wartezeit ist bald um und ich hoffe, es geht bald los. Ich will (obwohl ichi bisher kaum gute Erfahrungen mit Therapie gemacht habe) 🙂

        Es mag sein, dass ich in Bezug auf Traumata zu sehr an den Vorstellungen von posttraumatischen Belastungsstörungen hänge. Die damit belasteten Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, sind immer von so viel heftigeren Erlebnissen betroffen, als ich selbst. Da mag ich mich selber nicht einsortieren, mit meinen vergleichsweise „Problemchen“.

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      3. So dachte ich auch, bis ich von eben solchen betroffenen Leuten in den Kommentaren zu einem meiner Beiträge eines auf den „Deckel“ bekommen habe. Eine PTBS ist ja auch nochmal etwas anderes, aber es gibt viele traumatisierende Erlebnisse in unserem Leben, die unser Verhalten und Erleben verändern.

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      4. Auf eine gute Art und Weise. Ja, warum ich mich so in den Schatten stellen, obwohl ja niemand beurteilen kann, wie schlimm das jetzt für mich ist und war. Und das stimmt auch…
        Meine Mutter sagt immer gerne: „Anderen geht es noch viel schlimmer.“
        Und ich sage ihr mittlerweile, dass mir das für Andere leid tut, mir mein Schlimm aber schlimm genug ist.
        In dem Beitrag habe ich mich gefragt, welch unglaubliche Leistung Menschen nach Gewalt- /Missbrauchserfahrungen vollbringen. Meinen Hut gezogen. Und mich klein gemacht, weil ich mich in dem Kontext nicht getraut habe mit meiner Schlafstörung als Trauma anzukommen. Und ja, dann habe ich einen sehr guten Denkanstoß bekommen 😊

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      5. Ja, ich kenne schon auch diese seltsamen Worte (bedauerlicherweise ebenfalls von meiner Mutter) „Der oder die hat dieses oder jenes Leiden. Das sind ja RICHTIGE Sorgen!“ Ist natürlich garnicht abwertend gemeint und so… Verletzend ist es dennoch.
        Danke, dass Du mir den Denkanstoß weitergibst! 🙂
        Das war selbst kleinmachen war bei mir therapeutisch schon mehrfach Thema, aber ich hadere da dennoch immer wieder und weiter mit. Zumal es auch nicht immer zutrifft. Ich kann mich auch sehr groß machen. Ambivalenz und Vielschichtigkeit sind manchmal ein Fluch. Wahrscheinlich macht das Feedback und Erinnerung wie von Dir gerade besonders wichtig und wertvoll für mich. 🙂

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