Leistungsvermögen

Odo ist ein Fußballer. Er verfügt über ausgezeichnete Blutwerte, einen hervorragenden Körperbau und besondere taktisch-analytische Fähigkeiten. In der 2. Bundesliga konnte er sich dennoch nicht durchsetzen. Aufgrund schlechter Erlebnisse in der Kindheit mangelt es ihm an Vertrauen, Selbstbewusstsein und Teamfähigkeit. Nach einem Nervenzusammenbruch wurde er von seinem Verein freigestellt. Jetzt spielt Odo in der Bezirksliga mit den Hobbyspielern, um fit zu bleiben. Er hofft, irgendwann wieder in eine höhere Liga zu wechseln.

In seine neue Mannschaft ist er nicht integriert. Diese befindet sich noch neu im Aufbau. Er mag die anderen Spieler nicht und hält sie für schlechter als sich selbst. Ihre Gespräche findet er lächerlich und unnütz. Auf dem Platz will er über alles bestimmen, nimmt den anderen ihre Laufwege und manchmal auch den Ball ab. Denn er kann ja schließlich alles besser. Auch den Trainer will er ständig korrigieren. Dieser denkt und handelt nach Odos Meinung zu langsam und handelt zu spät. Seine eigenen taktischen Ideen sind viel effektiver, als die des Trainers. Das sagt er ihm auch immer wieder. Dabei verweist Odo auch immer auf seine tollen Blutwerte, seine Schnelligkeit und seine hervorragenden Körperbau.

Die Mannschaft verliert jedes Spiel haushoch. Es kommt kein Spielfluß zustande, keinerlei Zusammenspiel. Alle sind verunsichert und Odo versucht alles selber zu machen. Immer wieder stürmt er alleine mit dem Ball voran, wird aber mühelos von den Gegnern gestoppt, wenn er zwei ausspielt, stoppt ihn halt der dritte. Vereinzelt gelingt es ihm, mal ein Tor zu schießen.

Seinen Mitspielern ruft Odo laufend Anweisungen zu, was sie tun sollen. Meistens verstehen sie ihn nicht, oder reagieren zu spät. Seine Anweisungen passen auch überhaupt nicht zu den Vorgaben des Trainers. Er motzt die anderen Spieler an, teilt ihnen ständig mit, wie schlecht sie spielen und wie unbegabt sie sind. Dabei verwaist er permanent auf seine eigenen tollen Fähigkeiten und zetert, wie ungerecht, die Welt ist, dass ausgerechnet er, der über so tolle Blutwerte verfügt, in dieser erbärmlichen Mannschaft spielen muss. Nach einer guten Stunde ist Odo immer völlig am Ende und muss durch einen Ersatzspieler ausgewechselt werden.

Odo hält sich in den Spielen niemals an die Vorgaben und das Spielsystem des Trainers. Er verlässt dauernd seine Position und als er zudem noch einen eigenen Mitspieler foult, um an den Ball zu kommen und selber damit loszurennen, nimmt der Trainer ihn aus der Mannschaft. Wutenbrannt schimpft Odo auf die Unfähigkeit aller, die ihn umgeben und bemitleidet sich tränenreich selbst. Wie verrückt muss man denn sein, ihn aus der Mannschaft zu nehmen! Ihn, mit den tollen Blutwerten, dem analytischen Denken und seiner Sprintstärke!

Ohne Odo verliert die Mannschaft nicht mehr so hoch, schafft auch mal ein Unentschieden, sogar ein paar Siege sind dabei. Es formt sich langsam eine Mannschaft und Teamgeist entsteht. Manche Spieler blühen regelrecht auf, als Odo nicht mehr dabei ist. Es sind einige bisher unentdeckte Talente dabei. Die Vereinsführung lässt Tests durchführen und es kommt heraus, dass zwei der Spieler noch bessere Blutwerte als Odo haben. Sie laufen auch schneller als er, als sie endlich aus sich herausgehen und Selbstvertrauen schöpfen. Einer anderer Spieler kristallisiert sich ab er als neuer Spielmacher der Mannschaft heraus. Er spricht sich mit dem Trainer ab, setzt dessen Vorgaben auf dem Platz um und macht von Zeit zu Zeit Vorschläge, wie man einzelne Spieler besser ins Mannschaftsspiel integrieren könnte. Der Trainer nimmt sich davon viel an und berücksichtigt es bei seinen Spielstrategien und der Mannschaftsaufstellung.

Der neue Spielführer kennt seine Mitspieler sehr gut, da sich aus dem anfänglichen Smalltalk weitere Gespräche entwickelt haben. Er kann ihre Fähigkeiten, ihre Stimmungen und Hintergründe sehr gut einschätzen und formt eine eingeschworene Gemeinschaft, die als Team bestens zusammenspielt. Jeder steht für den anderen ein. Jeder kennt die die Stärken und Schwächen des anderen. Die Laufwege greifen ineinander, der Trainer hat es mit ihnen gemeinsam geschafft, für jeden die passende Position und die passende Aufgabe zu finden.

Im nächsten Jahr spielt die Mannschaft schon viel besser, gewinnt fast alle Spiele und steigt in eine höhere Liga auf. In der Saison danach ebenfalls. Die besonders begabten Spieler werden immer stärker und wechseln ein weiteres Jahr später in Bundesligamannschaften.

Was aber passiert mit Odo? Er beobachtet den Wandel der Mannschaft nach seinem Rauswurf mit Ablehnung. Er würde alles anders machen. Die Taktik des Trainers findet er selbst nach dem ersten Aufstieg und vielen Siegen noch schlecht, seine eigene wäre viel besser. Wenn doch nur die alle anderen nicht so viel schlechter wären als er selbst und das umsetzen würden, was er sagt. Schließlich hat er hervorragende Blutwerte, einen ausgezeichneten Körperbau, sehr gute taktisch-analytische Fähigkeiten und ist superschnell…

Was fehlt Odo? Wie kann er auf dem Platz zeigen, dass er ein hervorragender Fußballer ist? Wie kommt er überhaupt wieder in die Mannschaft? Was können seine Mitspieler für ihn tun? Lässt er sich helfen?

Sicher ist inzwischen jedem klar, dass es hier nicht im Kern um Fußball geht. Ich übertrage die tollen Blutwerte als physische Eigenschaft mal auf die Intelligenz. Besonders Intelligenz ist nichts anderes als diese tollen Blutwerte. Es ist die Grundlage für Leistungsvermögen. Sie ist kein Garant dafür, besondere Leistungen zu erbringen. Schnelles Denken ist nicht gleich Qualität. Es kommt darauf an, was man mit diesen Gaben anfängt. Tempo bringt nichts, wenn die Richtung nicht stimmt und das Handeln nicht zu Umgebungsfaktoren und Problemstellung passt.

Wer seine Intelligenz in kluges Handeln, Weisheit oder Produktivität umsetzen will, sollte also auch lernen, die anderen wichtigen Faktoren zu berücksichtigen. Teamfähigkeit, Rücksichtnahme, Bedenken der Fähigkeiten seiner Mitstreiter, die eigene Rolle ausfüllen, kein übergriffiges Verhalten an den Tag legen und seine Kompetenzen überschreiten, sich selbst ernst nehmen und seine Grenzen kennen, den Teampartnern Vertrauen entgegen bringen, sich selbst welches verdienen. Akzeptieren, dass jeder Schwächen hat, auch man selber und diese nicht nur verziehen, sondern auch bedenken können. Tolle Taktiken und Pläne bringen nichts, wenn mein Team sie nicht umsetzen kann. Das sind dann schlechte Pläne, keine intelligenten. Man sollte davon ausgehen, dass andere ebenfalls etwas können, auch wenn das für einen selbst vielleicht zunächst im verborgenen liegt. Sich mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen kann da sehr helfen. Sogar Smalltalk hat da eine sinnvolle Funktion. Er schafft Einstieg in die Kontaktaufnahme. Er hält Nähe, ohne dass man in thematische Tiefen gehen muss. Small Talk kann man auch halten, wenn einen noch nichts mit dem anderen verbindet. Aber er kann die Kommunikationsgrundlage dafür schaffen, dass eine persönliche Verbindung entsteht.

Sich nur selbst im Blick zu haben und sich dabei noch permanent über andere zu stellen, aus einer hochnäsigen Position heraus wird alle zurückwerfen, auch einen selber. Sich aber in ein Team einfügen zu können, wird das Team und einen selbst stärken. Womöglich lernt man sogar etwas von den vermeintlich schlechteren, unbegabteren Menschen. Man darf auch nicht davor zurückschrecken, sich unter zu ordnen. Das bedeutet nicht, dass der andere besser oder mehr wert ist. Er erfüllt nur eine wichtige Rolle in einem Teamsystem. Bei irgendwem müssen die Fäden zusammenlaufen. Wenn einer sie ihm ständig aus der Hand reißt oder durchschneidet, ist das ein übergriffiges Störmanöver. Gedient ist damit keinem und wenn einer noch so meint, es besser zu können.

Warum schreibe ich das alles? Über die Jahre habe ich in vielen Bereichen die Teamfähigkeit bei den Menschen sinken sehen. Die Nase wird höher getragen, die Vita und vermeintlich hervorragende Fähigkeiten vor sich her. Man hält sich auch gern für intelligent und lässt das heraushängen. Mit der eigenen Überpräsenz im vorschnellen handeln und Schaffen einer gehetzt-stressigen Stimmung wird wirkliche gemeinschaftliche Produktivität im Keim erstickt und als Frechheit oben drauf noch mit dem Finger auf andere gezeigt. Die sind ja zu langsam und zu schlecht. Schlimmerweise wird das mitunter noch durch Anerkennung und Förderung von Ellenbogenmentalität belohnt. Wer am lautesten kräht und andere diffamiert, kommt dann weiter. Produktiver werden Unternehmen dadurch höchstens kurzfristig. In Ausnahmefällen mittelfristig. In den meisten Fällen aber, so zumindest meine Erfahrung, wird gute Arbeit dadurch lediglich sabotiert. Zum Nachteil aller Beteiligten.

Abschließend nochmal zurück zur gehetzten stressigen Arbeitsatmosphäre, die dadurch verursacht wird. In Zeiten, in denen Arbeitsüberlastung, Stress, unkollegiales Verhalten und weitere, branchenspezifische Faktoren zu vermehrten Erschöpfungszuständen, Burn-out, Depressionen und weiteren Erkrankungen führen, ist selbstreflektiertes Verhalten, Teamfähigkeit und gesunde Selbsteinschätzung umso wichtiger. Keiner schafft alles alleine. Keiner ist besser als alle anderen. Gute Blutwerte sind nicht mehr als eine gute Grundlage. Und schnelles Handeln ist meistens kein Garant für gute Maßnahmen oder richtige Entschlüsse. Es gibt immer mehr als einen Weg zum Ziel. Die anderen kennen auch welche. Am besten gemeinsame.

Ich wünsche euch eine gute Nacht und ruhige Träume 🙂

Jo

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10 Kommentare zu „Leistungsvermögen

Gib deinen ab

  1. Ich hätte es schöner gefunden, wenn du mit der Geschichte geendet hättest. Vielleicht noch ein wenig mehr über Odos späteres Leben geschrieben, denn wie du sagtest es war ziemlich eindeutig das es um mehr als Fußball geht. Deinen Kernaussage „Gemeinsam ist man besser dran“ & „Sich selbst nicht ganz so ernst nehmen“ gebe ich zu 100 % recht 🙂

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    1. Ich habe tatsächlich hin und her überlegt, den Teil hinter der Geschichte gelöscht und wieder dran gehangen. Letztlich wollte ich mehr als die Geschichte rüberbringen. Mag sein, das weniger mehr wäre. Ich lasse es erstmal so wirken. 🙂
      Das Du mir darüber hinaus zustimmst, freut mich natürlich! 🙂

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  2. Hej…das war großartig. Je früher man das geschnallt hat, desto besser. Punkt.
    Und an der Stelle mit den noch besseren Blutwerten musste ich sogar fast lachen.
    Was will man mehr? Danke.

    Gruß dalassend,
    v.sv3NZØN

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    1. Ich fand es relativ passend. Zum einen symbolisch für das Thema Intelligenz. Zum anderen in Bezug auf das Thema Leistung mit Bezug auf Geschwindigkeit, Masse und Energieeinsatz, also dem was eingebracht wird in Relation zur entstehenden Qualität. Kann man jetzt noch weiterspinnen, war aber eher als symbolische Bildbegleitung gemeint.

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