Preparing for „x“ (und was Krisen für Depressive bedeuten können)

Hallo miteinander,

das Thema Outdoor hält mich weiter in seinem Bann. Allerdings bleibe ich für den Moment noch mit dem Fokus auf dem speziellen Themenbereich der „Prepper“.

Dazu ein paar erklärende Worte: „to be prepared“ heißt zunächst mal einfach „vorbereitet sein“. Das gibt auch der Pfadfindergruß „Allzeit bereit“ wieder. Sich auf Krisenzeiten, in welcher Form auch immer, vorzubereiten hat Tradition. Menschen haben das auf jedem Flecken der Erde zu jeder Zeit in irgendeiner Weise gemacht. Nicht ungewöhnlich also. Zum Beispiel gehört dazu das Anlegen von Vorräten im eigenen Heim. Zur Zeit des kalten Krieges gab es dazu übrigens noch eine Empfehlungsliste im Telefonbuch, so weit ich mich erinnere. Mit dieser Erinnerung stehe ich in meinem Bekanntenkreis allerdings alleine da. Merkwürdig.

Es hat sich aber auch eine Prepperszene gebildet, die über solche Maßnahmen weit hinaus geht. Im Fernsehen gibt es dazu eine eigene Sendung, wie ich beim Durchschalten der Kanäle mal mitbekam (D-Max? National Geographic TV? Ich weiß nicht mehr.). Dort werden scheinbar vor allem amerikanische Preppergruppen gezeigt, die sich in ihren ländlichen Häusern auf alles und jedes erdenkliche vorbereiten. Sie legen Vorratslager an, kaufen und bauen Waffen, üben den Umgang mit diesen, stellen Fallen und schaffen Netzwerke… und sicherlich noch viel mehr.

Mich interessieren an dieser Stelle vor allem die Prepper, die sich mit der Outdoor- und Survivalszene überschneiden. Hier wird oft von einer Katastrophenszenerie ausgegangen, die zur Flucht aus dem eigenen Heim zwingt. Sei es Krieg, Naturkatastrophe, oder was weiß ich. Im Grunde vielleicht auch nicht so unwahrscheinlich, wie viele denken, dass so ein Fall eintritt. Die Zivilisationsdecke ist nicht so dick, wie man annehmen mag. Behaupte ich einfach mal so. In Deutschland gab es beispielsweise im Münsterland (November 2005) die winterliche Schneechaos-Situation, in der viele Städte und Dörfer tagelang, von allem abgeschnitten waren. Kein Strom, die Geschäfte geschlossen, kein Telefon, Auto fahren war nicht möglich und es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Heizungen funktionierte nicht, besonders für Alte und Menschen mit kleinen Kindern war das eine schlimme Lage. Bloß wegen ein bisschen mehr Schnee als üblich.

Dennoch frage ich mich, wieviel Zeit, Aufwand und Geld man in die Vorbereitung auf eine möglicherweise eintretende Krise oder Katastrophe investieren will. Gar das ganze Leben danach ausrichten? Auf jede mögliche Situation kann man sich ohnehin nicht vorbereiten. Spielraum für unvorhergesehenes bleibt immer. Wo überschreitet man die Grenze, an der bald nur noch zu hoffen bleibt, dass die Katastrophe auch eintritt? Damit nicht alles umsonst war, was man an Vorbereitungen getroffen hat? Vermutlich wird das das „preppen“ an sich zum Lebensstil, aus dem man selbst etwas für sein aktuelles Leben zieht.

Zurück zu den „Survivalpreppern“. Da werden Rucksäcke mit Ausrüstung für die unterschiedlichsten Notfälle zusammengestellt und an strategisch klugen Positionen platziert. An der Wohnungstür, für die schnelle Flucht aus dem Heim. Im Auto. Der Rucksack mit dem nötigsten, der immer mitgeführt wird. Das kleine Täschchen mit Dingen, die man immer am Leib tragen kann, wenn selbst der Rucksack nicht dabei ist. Ein Rucksack, um im Katastrophenfall den Weg zu Fuß nach Hause zu schaffen. Der Rucksack, um in der Wildnis überleben zu können. Die Ausrüstung, um sich im urbanen Umfeld durch zu schlagen. Ein Rucksack mit Dingen, die man braucht, wenn man sich darauf einstellen muss, nie wieder nach Hause zu können. Und einer, um einige Tage zu überbrücken und den Weg bis zu einem vielleicht staatlich errichteten „Sammelcamp“ zu schaffen…

Was auffällt ist, dass sich viele dieser Bemühungen, Tipps und YouTube Videos zum Thema vor allem um eins drehen: Um die Ausrüstung. Um Gegenstände. Um Nahrung, Rucksäcke, Messer, Zelte, Beile, Waffen, Tarps und Schlafsäcke, usw. usf.

Klar, das braucht man möglicherweise alles. Was ist mit der persönlichen Seite? Mit Fähigkeiten? Mit der Psyche? Ich muss den ganzen Survivalkrempel doch auch benutzen können? Was nutzt mir Feuerstahl und Zunder, wenn ich damit nicht umgehen kann? Was ist mit Netzwerken? Mit Kontakt zu anderen Menschen, einem intakten sozialen Umfeld, auf das ich möglicherweise in einer solchen Situation bauen kann? Sich gegenseitig helfen, Dinge tauschen oder gemeinsam Probleme angehen? Wie steht es um kommunikative Fähigkeiten? Fremdsprachen, falls ich ins Ausland muss? Oder aber die zwischenmenschliche Kommunikation und generell Fähigkeiten im miteinander? Diplomatie? Gutes Einschätzen von Situationen und Umgangsformen? (Siehe auch meinen Beitrag von gestern, Epic Fail: Es geschah am helllichten Tag )

Was ist mit körperlicher und psychischer Gesundheit? Das bringt mich zu meiner Krankheit, der Depression. Mehrfach habe ich gelesen und gehört, wie wichtig psychische/mentale Gesundheit ist, um eine solche Katastrophensituation durchzustehen. Ist ja auch nachvollziehbar. Ich bin aber nicht psychisch gesund. Im Gegenteil. Was nun? Gebe ich mir am besten die Kugel, sobald ein solcher Fall eintritt? Werde ich ohne Hilfe nicht überleben können? Werde ich nach ein paar Kilometern Flucht heulend im Wald zusammenbrechen? Oder wird diese Situation das Beste in mir hervorrufen? In der Vergangenheit war das schon so. Ich kann äußerst strapazierfähig sein, wenn die Situation mir das abverlangt. Sogar zu Hochform auflaufen. Die Gefahr ist allerdings groß, dass ich diese Hochform im Nachhinein mit einem besonders tiefen Tief bezahle.

Zu meinen Stärken gehört das Helfen, das da sein für eine Gruppe, wenn es erforderlich ist. Nicht untypisch, viele Menschen mit Burn-Out-Syndrom und Depressionen kommen aus der sozialen Branche. Manche sind mit einem Helfersyndrom gezeichnet und haben sich für andere aufgerieben. In dem Fall „x“, um den es hier geht, wie auch immer er aussieht, ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass gerade Menschen wie wir gebraucht werden. Um dazu bei zu tragen, dass zusammen gehalten wird, was zusammen zu halten ist. Das Menschen geholfen wird, soviel Gemeinschaft wie möglich bestehen bleibt. Sei es in einem städtischen Umfeld oder auf der Flucht in die Wälder.

Würde ich mich dem einfach entziehen und nur sehen, dass ich irgendwie meinen eigenen Arsch rette? Wäre er mit mehr wert als alles andere? Schön ist er ja…^^

Hm. Mal schauen. Der zentrale Punkt in Notsituationen und in der Vorbereitung auf diese ist im Grunde folgender:

„Ich will überleben!“

Wenn ich in die Prepperszene schaue, liegt der Schwerpunkt da klar auf „überleben“. Der Wille wird als notwendige Eigenschaft gesehen, was er ja auch ist. Das „Ich“ wird eigentlich recht selbstverständlich dazugehörig hingenommen. Klar will „ich“ überleben, wer denn sonst?

Für mich wirft das eine andere Sichtweise auf: Was macht mich als Mensch denn aus? Geht es mir einfach nur darum, zu überleben, egal wie, egal mit welchen Mitteln? Waffen anhäufen, Fallen bauen, Hauptsache ICH komme durch, egal wie… Bin ich das? Nein, das bin ich wohl nicht.

Ich will überleben, aber ich lege meine Persönlichkeit dafür nicht vollkommen ab. Jedenfalls denke ich das jetzt. Ich will als ich leben, nicht als die Person, die sich früh genug die tollste Schußwaffe in den Rucksack gepackt hat. Das heißt nichtmal, dass ich eine solche keinesfalls benutzen würde, wenn es eine Situation von mir verlangt. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit klein ist, dass so ein Fall eintritt. Aber ich werde nicht darauf hinarbeiten. Ich werde mein Leben nicht darauf ausrichten, dass es so kommen könnte.

An meiner psychischen Gesundheit kann ich arbeiten und mache es auch. Depressive tun das wohl mehr als jeder andere. Psychologengespräche, Arztbesuche, Gruppentherapie, Rehamaßnahmen und Klinikaufenthalte. Alles für die Psyche. Viele von uns sind geübt darin, gestärkt aus Krisen hervor zu gehen. Mit Rückschlägen zu leben. Auszuhalten, dass nicht alles gut läuft im Leben. Eigentlich ganz gute Voraussetzungen für den Fall „x“. Manchen schwer depressiven mag dieser Fall auch schlicht gleichgültig sein, wenn er denn eintritt. Vielleicht heißen sie ihn auch willkommen. Oder es belebt sie. Krisen können vitalisieren. Das Wort Krise kommt aus dem griechischen und kann mit „entscheidungsfähige Situation“ übersetzt werden. Selbst eine so entscheidungsschwache Person wie ich ist damit aufgrund von Krisen und Depressionen schon oft konfrontiert worden. Und ich habe sie bewältigt. Mal besser, mal schlechter. Nicht endgültig, das stimmt, aber was ist schon endgültig im Leben?

Wenn ich mir das alles so betrachte (entschuldigt bitte den vielen Text heute!)… dann schmunzle ich ein wenig und komme zu folgendem Ergebnis:

Man kann immer alles optimieren und gute Vorbereitung ist eine wichtige und tolle Sache. Ich werde mich auch weiter damit auseinandersetzen, in die Wildnis will ich ja sowieso, Trekking und Outdoor reizen mich. In diesem Punkt können die meisten unter uns sicher einiges von den Experten auf diesem Gebiet lernen. Über Leben nah an der Natur generell. Ich glaube, da ist uns auch gesamtgesellschaftlich einiges verloren gegangen. Ein gutes Vorratslager habe ich zu Hause auch gern. Aber die Ausrüstung, so wichtig sie auch sein mag, ist nicht der wesentliche Faktor. All die Leute in ihrem Flecktarn-Militäroutfit (schlechte Idee im Kriegsfall, Du wirst als Partisane erschossen, du Held!), mit Megahyperausrüstung, das sind nicht die echten Überlebenskünstler. Die wahren Prepper und Survivalkünstler, im ständigen Ernstfall lebend, das sind wir – die Depressiven.

Ich wünsche schlussendlich jedem, ob Prepper, Depressivem oder wem auch immer, gute Gesundheit und dass der Fall „x“ niemals für uns eintreten möge. Helfen wir solange denjenigen, die ihn bereits erleben. Es gibt genug davon auf der Welt. Solche Hilfe wäre auch für uns die beste Überlebensmöglichkeit, sollte es dazu kommen. In einer Welt voller Freunde überlebt es sich am besten.

Peace & Wisdom

Jo 🙂

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9 Kommentare zu „Preparing for „x“ (und was Krisen für Depressive bedeuten können)

Gib deinen ab

  1. Das erste Mal was über Prepper gelesen habe ich bei T.C. Boyle (Hart auf hart, erschreckend lesenswertes Buch wie ich fand, in dem das Thema gestreift wird). Dadurch geprägt bin ich nicht ganz sicher, ob man die wirklich harten Prepper als psychisch gesund ansehen darf. Auf mich wirkt das, als hätten da einige zu viel „Highlander“ geguckt.

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      1. Nein, ich weiß da kaum was drüber und vermutlich ist das was man mal so hier und da liest ziemlich extrem und prägt meine Vorstellung davon. Für mich klingt es dann nach einer sehr negativen Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Philosophie, die geprägt ist von einem tiefen Mißtrauen gegenüber allen (der Luftballon-Lolli-Ansatz gefällt mir deswegen eigentlich recht gut). Ich finde, was Prepper betreiben, geht oft weit über sinnvolle Vorsorge hinaus. Das ist schon sehr viel mehr, als sich nur draußen zurechtzufinden wollen, zu wissen, wie kriege ich ein Feuer an und ausreichend Vorräte zuhause haben.

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      2. Das sehr auf sich selbst und die eigene Rettung fixiert sein fällt mir dabei auch auf. Ob das tatsächlich so ist, kann ich natürlich nicht endgültig beurteilen. Ich finde den Gedankengang mit Lolli und Luftballon grundsätzlich auch gut. Man sollte sich nur überlegen, wann und wie es zu der Situation passt. 😀
        Joah… von ganzen Wohnungen, die bis zum letzten in Vorratslagern umfunktioniert wuirden, durfte ich bereits erfahren. Selbst die Hohlräume in Zimmertüren wurden mit Nahrung ausgestattet. Da wirds mir dann deutlich zu extrem^^

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  2. Der Schlusssatz „In einer Welt voller Freunde überlebt es sich am besten.“ ist m.E. am wichtigsten. er steht in starkem Kontrast zu dem von dir skizzierten „ICH“ denken der Prepper-Szene. Es gibt im Liederbuch der bündischen Pfadfinder (BuLiBu II) ein schönes Lied mit der Zeile „Wer andern nie ein Feuer macht, dort draußen in der Welt, der ist nicht zu beneiden, um den ists schlecht bestellt.“ Das beschreibt es ganz gut, denke ich.
    Was bei mir bei der Vorbereitung von Outdoor- und Gruppenaktivitäten meist die meiste Zeit einnimmt, ist das Thema Erste Hilfe: Was kann passieren, was macht Sinn mitzunehmen? Das ist nichts, um sich selbst zu retten, wichtig ist es, anderen zu helfen.
    Das erste was man im Bereich Erste Hilfe Outdoor lernt ist: Ihr seid nicht allein da draußen, keine Gegend ist so einsam, wie ihr vielleicht glaubt, macht euch bemerkbar.
    Für mich als Segler ist sofortige Hilfe wenn jemand sie braucht eine Selbstverständichkeit, va. fernab der Zivilisation. Und ich glaube, unter Seeleuten und Bergsteigern ist – abgesehen von Konkurrenzgedanken bei Wettbewerben – der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl deshalb so ausgeprägt, weil man weiß: Draußen, ohne Zivilisation, wird jeder der anderen einem zur Seite stehen. DAS ist die Grundlage erfolgreichen Überlebens. Nicht die beste Ausrüstung.

    LG
    Jakob

    Gefällt 2 Personen

    1. Tatsächlich, die Pfadfinder drücken es mal wieder besonders schön aus 🙂

      Bei Gruppenaktivitäten ist die Erste-Hilfe-Frage für die Verantwortlichen natürlich immer ein besonders wichtiges Thema, mit einem anderen Blickwinkel als man ihn bei reiner Eigenverantwortung hat. Ich habe mich da selbst schon oft gewundert, welche Fälle wirklich eingetreten sind, für die wir zwar gerüstet waren, aber nicht wirklich mit sowas gerechnet hatten.

      Kann ich mir gut vorstellen, ohne selbst Segler oder Bergsteiger zu sein. Der Gedanke, selbst irgendwann in einer Notsituation zu stecken, in der man auf Hilfe anderer angewiesen ist, sensibilisiert sicher für das Thema.

      Danke für Deine bereichernden Kommentar! 🙂

      Lieben Gruß
      Jo

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