Jo treibt Unfug #4

Ich steuerte meinen Wagen, ein Konstrukt amerikanisch-rheinischer Kooperationsarbeit, durch den Süden der Stadt. Mein Lieblingsmensch saß wie gewohnt auf dem Beifahrersitz und wie immer hatten wir es eilig, was traditionsgemäß meine Schuld war. Ich hatte zu Hause noch geschrieben und die Zeit vergessen. Dann musste ich in Hektik meine sieben Sachen zusammen raufen und halskkopfüber vom Wohnungsfenster aus direkt durch das Autofenster hinter das Lenkrad hüpfen, damit wir unseren Termin nicht versäumten. Aber dann…

„Was ist das denn jetzt für ein Mist?“

Ich hielt den Wagen an. Direkt vor uns standen sich ein Bus und ein PKW mitten auf der Straße gegenüber. Beide halb in eine Fahrbahnverengung gefahren. Keiner von beiden konnte durch. Aber scheinbar wollte auch keiner zurücksetzen. Stattdessen stieg aus dem PKW ein dicker, kleiner Mann aus. In aller Seelenruhe zückte er grimmigen Blickes eine kleine Digitalkamera und hielt auf den Bus. der entnervt dreinblickende Busfahrer zog allerdings das Rollo vor die Frontscheibe, so dass der dicke Mann zu den Seiten ausweichen musste, um Bus inklusive Fahrer abzulichten. Offenkundig wollte er Beweisfotos anfertigen, um sein Recht in dieser verfahrenen Situation zu dokumentieren. Genervt brachte ich alles Verständnis für den Mann auf, dass ich zu bieten hatte, nämlich garkeines, und drückte anhaltend auf die Hupe. Mein Lieblingsmensch zuckte zusammen.

„Jo, lass das, fahr doch einfach zurück und dann hinten über die Nebenstraße. Wir müssen uns beeilen.“

„Entschuldige mal, willst Du das jetzt wirklich wegen dieser Ausgeburt kleingeistiger Blockwartbrüterei in Kauf nehmen? Und überhaupt… stell Dir mal vor, jeder knipst jetzt alles und jeden, wenn er sich irgendwie benachteiligt fühlt, oder einfach nur anderen ans Bein pissen will… hmm, Moment, ich bin sofort zurück.“

Ich drückte ein paarmal lang anhaltend auf die Hupe, damit auch wirklich jeder in näherer Umgebung aufmerksam wurde, griff nach der großen Spiegelreflexkamera und entschwand auf die Straße.

„Jo, wir kommen zu spät. Hey, … ach verdammt…!“

Mit der Kamera im Anschlag schmiss ich mich dem Dicken zu Füßen auf den Asphalt und hielt im Serienbildmodus mit entnervendem Kameraklicken voll auf ihn drauf. Überrascht stolperte er zurück und starrte mich dann wütend an. Am Strassenrand bildeten sich die ersten Menschentrauben, um den Spektakel zuzusehen. Mein Gehupe zeigte Wirkung. Der dicke Mann rang um Fassung.

„Lassen Sie das, Sie greifen in meine Persönlichkeitsrechte ein!“

„Ja und? Sie ja auch in die Persönlichkeitsrechte vom Busfahrer, wir können ja später Bilder tauschen. Können Sie mal jemanden von den Leuten dahinten bitten ein Foto von mir zu machen, wie ich sie knipse, während sie den Busfahrer knipsen, um ihr Recht und sein Vergehen zu dokumentieren. Ich möchte sicherstellen, dass alles mit rechten Dingen zu geht. Immerhin behindere ich den Strassenverkehr, indem ich sie fotografiere, wie sie den Straßenverkehr behindern, indem Sie den Busfahrer ablichten, wie er gerade einen Strassenverkehrsgesetzesverstoß begeht. Das sind alles Verstöße, die müssen geahndet werden!“

Fassungslos atmet der Dicke durch und ringt um Fassung. „Ich verlange, dass sie die Bilder löschen! Sofort!“

„Keinesfalls. Ich arbeite für die Presse. Die Bilder sind Gold wert. Sie kommen in die regionalen Schlagzeilen, schön lächeln bitte, wenn es nicht zu schwer fällt! Meine schriftlichen Ausführungen werden sie schon schlecht genug da stehen lassen.“

„Das dürfen sie nicht, sie dürfen keine Unwahrheiten über mich verbreiten!“

„Das muss ich sogar, ich schreibe exklusiv für die Lügenpresse!“ behaupte ich frech und mit lässigem Tonfall.

Der Busfahrer ist inzwischen ausgestiegen und mit ihm einige Fahrgäste. Mich lässt man links liegen, der gerechte Zorn richtet sich gegen Anlass des Stillstandes. Ich nutze die Gelegenheit für ein paar Übersichtsaufnahmen mit PKW, Bus und Beteiligten. Der Dicke versucht derweil dem Aufgebrachten Mob zu erklären, dass er nur noch nicht weg ist, weil ich mich weigere, meine Fotos zu löschen, das scheint aber keinen zu interessieren.

Ich hole in der Zwischenzeit eine Passantin mit Handykamera herbei und bitte sie, mich mit den anderen abzulichten. „Als Erinnerung an die schöne gemeinsame Zeit“ tue ich kund und positioniere mich direkt neben dem Dicken. Der begehrt auf und setzt einen Blick auf, der baldige körperliche Übergrifflichkeiten verkündet. Vorsichtshalber trete ich doch einen Schritt beiseite.

„Was ist jetzt, lungern wir hinter nur weiter so rum, oder löschen wir einfach alle Bilder und fahren unserer Wege?“ grinse ich ihn provokant an.

Den zunehmend aggressiver werdenden Mob im Nacken hält er Kamera hoch und löscht die Bilder. „So ist es doch fein!“ lobe ich ihn und lösche auch meinerseits die Bilder, nachdem ich den ordnungsgemäßen Ablauf seiner Löschtaten kontrolliert habe. Der Busfahrer applaudiert und als der Dicke mit seinem PKW unter dem Applaus und Gelächter der Passanten abzieht, trete ich ebenfalls den geordneten Rückzug an.

Im Auto erwarten mich Gewitterwolken. „Hast Du es jetzt, ja? Fertig mit der Show? Ist doch immer dasselbe mit Dir, den Termin können wir knicken.“ Schweigend starte ich den Motor und verkneife es mir dem lachenden Busfahrer zuzuwinken, als er wir einander vor der Fahrbahnverengung passieren. Man muss wissen, wann es besser ist, zu schweigen. Mit Blockwarten nehme ich es jederzeit gerne auf. Bei meinem Lieblingsmenschen ist das was anderes. Den kenne ich zu gut.

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12 Kommentare zu „Jo treibt Unfug #4

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  1. Da ich stets twittere #bestread# #bestfollow #superfavorites fehlt mir nun eine Superlative zur Superlative. Nun, ich werde recherchieren müssen wo ich Dich für einen BlogPreis vorschlage; gibt’s sowas irgendwo ? Wie immer habe ich mich selbst in der Situation vorgestellt, ich bin nämlich auch immer ganz fix dabei, wenn sich derlei Situationen ergeben, nur, dass ich dann nicht so weise wie Du vorgehe. Ich bin eher das größere Maul bei den Großmäulern.

    Toll geschrieben, Jo. Ich bin so richtig glücklich Deinen Blog gefunden zu haben, wo, weiß ich mittlerweile gar nicht mehr, was aber vollkommen schnurz ist. ECHT SPITZENMAESSIG (wo ist das Like-Männeken ?) 😉

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    1. Wow, was für eine Rückmeldung, ich danke Dir, Chantao! 🙂
      Mir fehlen ein bisschen die Worte, man glaubt es kaum, das komtm nicht so häufig vor… 😳
      Ich bin mir aber sicher, Du bekommst solche Situationen auch gut in den Griff 🙂
      Liebe Grüße, Jo 🙂

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  2. Liebe Jo, klaro, es gibt kaum etwas, was ich nicht in den Griff 😉 kriege, aber oft mehr so mit Hauruck, aus dem Bauch heraus, was aber in der Nachbetrachtung nicht ganz so weise erscheint. 🙂

    Herzliche Grüße (Chantao)

    Gefällt 1 Person

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