Der Stand der Dinge

Nach langer Zeit mal wieder eine Bestandsaufnahme von mir. Einfach so, weil ich mich sammeln will und weil es eine schwierige Zeit ist.

Seit einiger Zeit ringe ich mal wieder mit einem depressiven Tief. Es ist wirklich ein ringen. Ich wehre mich mit Händen und Füßen, will nicht wieder vollends umkippen. Das kostet Kraft die ich eigentlich nicht habe. Ein ständiger Drahtseilakt. Zugleich hat mich nämlich der Willen gepackt, endlich weiterzukommen. Ich will nicht ins Loch fallen, sondern endlich mal einen Schritt nach vorne.

Die Psychoptherapie läuft seit letztem Sommer wieder. Zum ersten Mal fühle ich mich gut aufgehoben. Fachlich wie auch was das Vertrauensverhältnis zu meiner Therapeutin angeht. Die Gespräche sind sehr intensiv und immer viel zu schnell vorbei. 50 Minuten sind echt nicht viel für so eine Sitzung. Jedesmal gehe ich mit dem Gefühl, mittendrin unterbrochen worden zu sein. Das ist wohl ein gutes Zeichen. Zuvor saß ich oft widerwillig und häufig sprachlos in meinen Therapiesitzungen, habe mich unwohl gefühlt und bin anschließend mit dem Gefühl gegangen, dass ich genauso gut mit der Tapete übers Wetter hätte reden können.

Allerdings gehen mir die Gespräche jetzt auch sehr nahe, sind sehr anstrengend, da wir inzwischen ziemlich in meinem innern, meinen Erinnerungen, meinen Gefühlen wühlen. Das schlaucht. Ich brauche meist 2-3 Tage, um mich zu erholen. Dazu kommen noch die Gespräche bei der Krisenstelle, dem Heilpraktiker und jetzt bald auch wieder bei meiner Psychiaterin. Manchmal mag ich nicht mehr über mich reden. Ich habe keine Lust mehr, mich zu analysieren oder auch nur mehr von mir preis zu geben.

Zum Glück bekomme ich häufig positive Rückmeldungen der Psychologin für meinen Einsatz und die Art wie ich mich selbst fordere und in meine Gedanken und Gefühlswelt eindringe und sie umkrempele. Das ist auch nötig, sonst wäre es schwer, weiterzumachen. Oft überkommt mich das Gefühl der Sinnlosigkeit und des „nicht-mehr-könnens“.

Zu meinen bisherigen Diagnosen rezidivierende depressive Störung, Zwangsrituale/-störung und Angststörungen hat sich etwas neues gesellt: eine noch nicht näher definierte dissoziative Störung. Daran arbeiten wir gerade.(Ich bitte zu entschuldigen, dass ich nicht so genau erkläre, was Dissoziation ist. Ich habe mich entschieden, vorläufig nicht tiefer theoretisch in das Thema einzusteigen. Ich lasse mich in den Therapien führen und möchte mich nicht mit den dazu gehörigen Krankheitsbildern beschäftigen, wegen meiner Neigung, mich da reinzusteigern. Für Interessierte gibt Google/Wikipedia aber schnell Aufschluss.)

Wohl eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Zeit ist, dass das seine Zeit braucht. Dabei geht es um Jahre. An solchen zeitlichen Dimensionen habe ich zu knacken, aber ich lerne das zu akzeptieren.

Mehr Probleme habe ich damit, das dissoziative Störungsbild anzunehmen. Ursache sind so gut wie immer Traumatisierungen bei den Betroffenen (ich merke beim schreiben selber, wie ich distanzierter werde). Das kann ich bei mir nicht sehen, will ich auch nicht. Auch das häufige „Wegtreten“ fällt mir schwer, als das anzuerkennen, was es ist. Bisher habe ich mir das immer schön geredet. Als gedankliche Abwesenheit, verräumt sein, was auch immer. Allerdings ist es mir mitten in der Therapie passiert. So massiv hatte ich das noch nie in Anwesenheit einer anderen Person, glaube ich. In dem Fall war es Glück, die Psychologin wusste gut damit umzugehen und mich zurückzuholen. Genaugenommen, hat sie mich angeleitet, mich selbst da rauszuholen, also geführt. Egal, wie genau man es nennt, entscheidend ist, dass sie mich erreicht hat.

Seitdem achte ich mehr darauf, versuche zu protokollieren, wenn ich „abgleite“. Das teilnahmslose „Starren“ gehört z.B. klar in den Bereich. Vor einiger Zeit habe ich mal was über sozialen Rückzug geschrieben: Sozialer Rückzug In dem Zusammenhang kommt das „Wegtreten/Starren“ sehr oft vor. Es vermittelt vielleicht ein Bild davon, über was für Situationen ich spreche. Die Auseinandersetzung damit, das aufschreiben hilft auf jeden Fall, auch wen es manchmal schwierig ist, das umzusetzen, in der Situation kann ich nichts aufschreiben und später ist es nicht leicht, mich an den detaillierten Ablauf zu erinnern. Naja, es braucht Zeit.

Lebenspraktisch bin ich auch einiges angegangen. Seit einigen Monaten läuft die Paartherapie. Dem fühle ich mich im Grunde nicht gewachsen. Noch mehr Gespräche, emotionale Momente aushalten, mit Kritik umgehen, mich konzentrieren, mich wieder im Beisein Fremder öffnen. Aber es muss sein, also geht es weiter. Wir haben Absprachen getroffen, dass wir die Sitzungen jederzeit unterbrechen oder beenden können, wenn ich nicht mehr kann. Das hilft und gibt mir Sicherheit, bisher war eine Unterbrechung nicht nötig. (Manchmal war ich aber dicht an der Grenze des für mich machbaren.)

Ich habe Erwerbsminderungsrente beantragt. Kaum zu glauben, dass ich das geschafft habe. Zumindest den Antrag abzugeben. Dutzende Seiten von Formularen ausgefüllt. Drei Beratungsgespräche bei der Rentenberatungsstelle. Jedesmal dicht an der Panikattacke und kurz davor in Heulkrämpfe auszubrechen oder rauszustürmen. Jetzt geht es weiter, Arzttermine, Gutachten und vermutlich dann Widerspruch, wenn der Antrag abgelehnt wird. Auch wenn ich ein wenig stolz bin, bereits so weit gekommen zu sein, habe ich das Gefühl, da unmöglich durchkommen zu können. Morgen steht ein Arzttelefonat an, mir ist heute schon den ganzen Tag schlecht.

Ich habe wieder mehr Kontakt zu meiner Familie aufgenommen. War ein paarmal dort, ebenso bei Freunden und Patenkindern. Habe ich alles ziemlich vernachlässigt. Umso schöner ist es, wenn man sich trifft und im Grunde alles beim alten ist. Die Freundschaften keinen Knacks haben und man die zeit gemeinsam genießen kann. Überhaupt muss ich mal meinem Umfeld danken. Das leidet nämlich oft mit oder muss zumindest Verständnis aufbringen (naja nicht müssen, aber sie tun es und das ist nicht selbstverständlich). Danke! =)

Überhaupt habe ich mich mehr unter Menschen gewagt. Ich war sogar bei einem Literaturtreffen und habe zwei Geschichten von mir vorgelesen. Das hat mich ein paar Tage Angst im Vorfeld gekostet. Die Therapiesitzung am Vortag ging komplett dafür drauf, mich auf das Treffen vorzubereiten. Verrückt, die meiste Zeit meines Lebens habe ich sowas einfach so gemacht. Phasenweise war ich geradezu bühnengeil, in anderen Phasen fiel es mir auch früher schon sehr schwer, unter Leute zu gehen. Das habe ich dann meistens überspielt und mich selbst gezwungen. Was nicht gut war. Damit habe ich mir oft was angetan. In anderen Phasen habe ich mich aber auch schon vor Jahren und Jahrzehnten komplett in die Einsamkeit zurückgezogen. Diesmal war es sehr schwer, hat sich aber gelohnt. Trotz aufkeimender Panik habe ich die Zeit nicht nur rumbekommen sondern teilweise Spaß gehabt und schöne Rückmeldungen bekommen. Bei meiner Rückkehr nach Hause war ich nassgeschwitzt und hatte eine Fressattacke, weil ich den ganzen Tag vor Aufregung nichts essen konnte.

Ansonsten male, schreibe und kritzele ich viel. Ich brauche jede Menge Ruhe und Zeit für mich. Zum ersten Mal im Leben führe ich mehr oder weniger anhaltend eine Art Tagebuch… na gut bei mir heißt es Chaosbuch^^ Es bringt mir tatsächlich was. Meine früheren Versuche waren jedesmal ein einziger Krampf, den ich innnerhalb der ersten Seiten wieder aufgab. Diesmal geht es weiter. =)

Warum ich den ganzen Krempel hier schreibe, weiß ich garnicht so genau. Ich glaube, dass ist mein am wenigsten zielgerichteter Blogeintrag bisher. Im Grunde geht es mir wie bei den entsprechenden Artikeln zu Depressionen im letzten Jahr darum, Transparenz zu schaffen für eine Volkskrankheit, die immer noch viel zu oft totgeschwiegen wird. Oder mit Vorurteilen belastet ist. Oder…

Mir selbst hilft es immer wieder, mit das alles nicht nur in mein geheimes Chaosbüchlein zu schreiben, sondern mit anderen zu teilen. In diesem Fall macht die Form und Lesbarkeit und die Verstehbarkeit für andere viel aus. Ins Chaosbüchlein kritzele ich oft. Nur für mich selbst. Das ist auch hilfreich. Aber die Gedankenwelt so zusammenzufassen, dass sie auch für andere nachvollziehbar wird, hilft mir ein wenig, mich auch selbst besser zu verstehen. Jedenfalls von Zeit zu Zeit. Oder auch einfach nur, um zu resümieren und selbst einen Überblick zu bekommen, wo ich stehe.

Danke an alle, die bis hierher gelesen haben… und meine Hochachtung. Ich verspreche, der nächste Blogeintrag wird wieder unterhaltsamer =)

Liebe Grüße

Jojo

P.S.: Der Titel passt eigentlich nicht, fällt mir auf, es ist einiges in Bewegung. 😉

 

 

 

30 Kommentare zu „Der Stand der Dinge

Gib deinen ab

  1. Es freut Miss wieder ein bisschen von dir zu lesen…
    Diagnosen sind nicht immer 100% passend, manchmal ist es ein wenig von dem und dem und… Finde gut das du auf deinen weg schaust und was da kommen mag…
    Hab da auch mal durch so ein buch geblättert, thematischer dissoziationsinhalt, da war ein beruhigendes Bsp: ein mensch sitzt vorm Fernseher und ist so versunken, das er alles drumherum nicht wahr nimmt… Es ist auch manchmal normalmenschlich…
    Also was Miss damit schreiben mag, glaub der mensch an sich hat schon die Anlagen zum dissozieren😊
    Lass dich von dem Wort nicht so einschüchtern, wichtig ist doch das du deinen weg findest 😊und da hören sich deine zeilen eigentlich zielgerichte an.
    Drück die Daumen für die E.rente, (meist lehnen die den 1 Antrag ab, nicht gleich aufgeben)…
    Wünsch dir auch das du einen tollen wilden Campingplatz findest😉
    …mit blauen 🐘 Grüßen

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    1. Danke Miss… deine Kommentare schaffen es jedesmal, mich zum lächeln zu bringen. =)

      Hast recht, so ein bisschen zielgerichtetheit brauche ich gerade. Ich fühle mich wie ein Betrunkener, der gerade über eine Linie gehen soll. Da hilft das ein wenig.

      Beim Campen hab ich noch keinen Plan… mehr als eine Übernachtung jeweils wird es wohl nicht. Oder ich finde mal jemanden zum zusammen wandern. Mal schauen, erstmal Rentenantrag… da hast Du recht, ich höre von allen Seiten, dass der erste Antrag ohnehin immer abgelehnt wird. Was solls, bin Rückschläge gewöhnt.

      Mit graubunten Grüßen =)

      Gefällt 2 Personen

  2. »Und wenn es schwer fällt mit dem Sein, schreib‘ ich es in mein Chaosbuch hinein« – Das ist zwar auch kein echter Alternatvtitel, fiel mir aber spontan dazu ein. »Chaosbuch« finde ich klasse. ich nenne meines »Generalbuch«, andere nennen es »Superbuch«, weil einfach Gedankenschnipsel und Kritzelein hinein kommen. Und das ist sehr wertvoll. 🙂
    Schön, dass es aufwärts geht und ganz verspätet sende ich dir einen lieben, sonnigen Frühlingsgruß. ❤ Die Chaostante.

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    1. Vielen Dank, liebe Chaostante Pia =) .. Der lyrische Alternativtitel gefällt mir auch ganz wunderbar. Statt Superbuch hab ich noch ein Kreativbuch, dass darf man wirklich niemandem mehr zeigen, was da alles drinsteht ui ui …
      Dir ebenfalls einen lieben Frühlingsgruß… nach dem Schneefall heute morgen fand ich es tagsüber wirklich shcon ganz schön und sonnig. =)

      Gefällt 2 Personen

  3. Frag dich nicht, warum du „Krempel“ schreibst, denn a) ist es keiner und b) ist Schreiben keiner Verpflichtung in eine Richtung unterlegen. Du schreibst = dein Darum.
    Wer etwas zu sagen hat, der soll es sagen. Egal, welches Sprachrohr er dafür verwendet.
    Du hast etwas zu sagen und wir hören dir zu. So einfach ist das.

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      1. Hey, Erklärungen sind immer wertvoll. Wie sonst wollen/sollen wir dich verstehen/kennen lernen? 🙂
        Und du bist eine Person. Das ist der einzige Wert, der zählt. Mehr braucht es nicht. 😉
        Ansonsten: Frohes Schaffen! 🙂

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      1. Ich lauf (und arbeite) seid Jahren mit einer Diagnose die nicht ganz passt. Für mich wirds jetzt ein Schritt mir einen Behindertenausweiss machen zu lassen. Trotz Arbeit in einer Behindertenwerkstatt (fast 10 Jahre) macht mir das Probleme. Wäre doch langweilig wenn wir in die Schablonen passen 😉

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      2. an den schritt habe ich auch schon gedacht, aber da ziehen sich mir bisher alle nackenhaare zusammen bei dem gedanken… mit behinderten habe ich früher auch gearbeitet.. und dennoch…

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  4. Ich finde es gut, dass du es aufschreibst. Depressionen und alles andere nehmen immer mehr zu. Und für alles gibt es ein Wort und wiederum neue Wörter. Jetzt weiß ich auch, was dieses Dissodings ist. 😅
    Ist schon hart, das braucht viel Kraft, was du da durch machst. Aber du machst es doch ganz gut.
    In diese Löcher mag ich auch nicht fallen. Heute zum Beispiel ist ein guter Tag und da denke ich immer, warum kann das nicht immer so sein.
    Und ich drück dir die Daumen, dass du deine Rente durchbekommst. 👍🏼

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    1. Vielen lieben Dank fürs Daumendrücken, Corona =)
      So geht es mir auch mit den guten Tagen/Phasen. Ich glaube, ein wichtiger Schritt ist es, vom „warum kann das nicht immer so sein“ zum „Yay, es ist so =)“ so zu kommen. Trotzdem stelle ich mir die Frage, warum es so ist. Gehört ja auch zum Prozess der besser werdens.
      Beim dissodings habe ich im Nachhinein festgestellt, dass das bei mir früher schonmal Thema war. Ein angefangenes Tagebuch aus der Reha damals gab mir kürzlich Aufschluss. Ich habe das damals wohl verdrängt oder einfach nicht so an mich rangelassen.
      Ich wünsche Dir, das dein Tag gut bleibt und weitere gute folgen =)

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      1. Genau, die ollen Tage kommen wieder, wo ich nur im Schlumperlook rumlaufe, weil ich nicht raus mag. Aber dann ist es eben so! Wenn das mal so einfach wäre 😅, manchmal habe ich so viele Dinge im Kopp, aber schaff es nicht die umzusetzen. Gott sei dank habe ich einen Hund, da muss ich raus. 😂
        Und meine Kids treiben mich auch an. Es ist manchmal wirklich ein Kraftakt, wenn man sich durch den Tag schleppt. Das stört mich und ich will das nicht. 😩
        So, heute wird der Tag aber genossen, denn die Sonne scheint so schön 😃☀️

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      2. Achja, der Schlumperlook… schönes Wort und so treffend =D
        Die Hunde sind für mich ebenfalls ein Garant dafür, zumindest in dem Rahmen noch vor die Tür zu kommen. Und sie haben das Talent, gute Laune zu verbreiten (oder mich irre zu machen, mit ihren Macken^^)
        Genieß den Sonnentag! Bei mir isses leider sehr grau gerade. Aber egal, ich scheine gerade selbst ein wenig… wenn auch nicht schön =D

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