Auge in Auge mit dem Biest

Heute war die intensivste Therapiestunde die ich bisher hatte. Ich wage es mal, sie hier aufzuschreiben.

Meine Therapeutin wollte heute eine Gesprächstechnik ausprobieren, resultierend aus unserem letzten Gespräch. Diese funktionierte so, dass ich mein eigener Therapeut war und sie meine Supervisorin. Gleichzeitig war ich natürlich auch weiter Patient. Um das darzustellen hat sie einen zusätzlichen Stuhl bereitgestellt, gegenüber von meinem üblichen Sitzplatz.

Es ging darum, dass ich in der Therapeutenrolle den negativen Dingen etwas entgegensetze, was mein innerer Zerstörer (das Biest, eine Erscheinungsform des vielköpfigen Drachen) mir einflüstert. Als konkreten Aufhänger für heute nahmen wir die Behauptung, dass ich wertlos bin. Sie sagte, dass diese Gesprächsform nicht einfach ist, aber sie es mir zutraut und wir jederzeit unterbrechen können.

Im ersten Gesprächsteil ging es ganz gut, ich hab mir in der Therapeutenrolle positive Dinge entgegnen können und ein Selbstzerstörungsschema aufgedeckt und mit Fakten und Argumenten ausgehebelt. Anschließend war ich als Patient wieder auf meinem eigenen Stuhl und hab im Schnellverfahren alles gerade eben gesagte positive in Fetzen gerissen.

Wieder zurück im Therapeutenstuhl wurde es diesmal sehr schwierig. Beim Ansetzen, wieder etwas positives zu entgegnen, bzw. das negative in Frage zu stellen, bin ich abgerutscht und stand mir plötzlich selbst gegenüber, die Axt in der Hand…. ich habe noch ein wort rausbekommen und dann angefangen zu schluchzen und musste um eine Pause bitten.

Nach einer kurzen Pause um mich wieder zu fassen,  ging ich ein weiteres mal in die Patientenrolle. Diesmal um in die dazugehörige Gefühlswelt des eben erlebten einzutauchen. Ich bin dann da reingeglitten, was heißt „da“ … mehr ein in mich gehen, ich weiß nciht wirklich wie ich das jemandem begreiflich machen soll. Stück für Stück vorgewagt und dann merkte ich wie ich abgleite, Kontrolle verliere, jemand, etwas anderes, sie übernimmt. Ich habe einige Geschichten über die Düstermoore geschrieben, die man hier auf meinem Blog auch lesen kann (Startseite ganz oben angeheftet). Ich denke, dort is ein wenig herauszulesen, wie es sich anfühlt.

Ich wurde habe mich dann erst im Stuhl versteift und nach hinten gedrückt, für einen Moment wie starr, bekam Angst, begann mich zu wehren und auf dem Stuhl zu rutschen und stieß ein „Können wir bitte aufhören“ oder so raus. Mein Therapeutin hat ganz ruhig mit mir gesprochen, gefragt was mir jetzt hilft, worauf ich mit „etwas Bewegung und eine Pause“ antwortete. Ich hab mich geschüttelt und bin noch ein wenig auf dem Stuhl hin und her gerutscht, Tränen flossen (immer noch, wieder, eigentlich die ganze Zeit schon).

Ich hatte einen Blick hinter eine meine Mauern geworfen, in die Düstermoore, zum Biest (den Biestern…?). Ich kann nicht wirklich beschreiben was ich gesehen habe. Vor allem Konfusion, Kontrollverlust und Angst. Bösartigkeit, Grausamkeit, Eiseskälte und Flammen. Aber das alles eher sinnbildlich. Was auch nur die halbe Wahrheit ist.

Aber für heute war es noch nicht genug, wir haben uns noch auf die Reise zur Entstehung meiner ersten Mauern gemacht (zwei davon). Das war einfacher, die Erinnerungen fielen mir dann innerhalb von ein oder zwei Minuten (denke ich) in den Kopf (sie waren mir nicht neu) und ich konnte die damals dazugehörenden Gefühle nachfühlen. Das war nicht schön, aber in Ordnung. IM ganzen wirkte das alles danach erstmal befreiend und dennoch…

diese Therapiesitzung war heftig, seitdem Konfusion. Zwischendurch war ich mal erschöpft und dann euphorisiert. Ich habe gegessen, ich habe so Hunger… ich habe seit heute Mittag einen Teller Gemüsepfanne, eine Frikadelle, Fischstäbchen, Kartoffelsalat mit Toast und 3 Schnitzel gegessen. Danach eine Salatschüssel voll Vanillepudding mit Mandarinen. Wasser, Sprudel und Malzbier draufgekippt. Immer wieder heulen.

Ich wünscht, ich könnte sagen, dass ich jetzt leer bin, aber das bin ich nicht. Ich bin voller Energie und Anspannung. Den Großteil der Zeit, zwischendurch wieder nach hinten sacken. Ich war noch mit den Hunden im Wald, das war mehr so mittel, es hat geregnet, trotzdem waren zuviele Menschen und Hunde da. Und das man im Regen keine Tränen sieht ist ein Gerücht. Ich war auch noch einkaufen im Aldi, ich hab für einige Teile fast ne dreiviertelstunde gebraucht, weil ich immer wieder hin und hergelaufen bin, konfus war. Auto gefahren bin ich auch, das hätte ich wahrscheinlich besser gelassen, aber es ging besser als man meinen sollte. Irgendwie bin ich doch in der Lage die Kontrolle nicht so einfach fallen zu lassen, scheint es, was auch Teil des Resumees meiner Therapeutin war. Ich hab mich da rausgeholt, im Grunde alleine. Aber ich denke ohne ihre Anwesenheit wäre mir das viel schwerer gefallen.

Und jetzt… weiß ich nicht wohin mit mir. Aber habe für heute auch keine Fragen mehr. Nur den Kopf übervoll mit Dingen die ich nicht benennen kann. Ein leichtes Dröhnen und Surren unter der Schädeldecke. Und zuviel Druck. Herzrasen auch glaube ich. Oder sowas ähnliches. Mir ist heiß. Und ich muss noch mehr trinken. Und keine Geräusche ertragen müssen wäre toll.

Ich hoffe, was ich geschrieben habe, ist halbwegs nachvollziehbar. Ich kann das heute nicht wirklich besser rüberbringen oder nochmal überarbeiten. In der Vergangenheit hat sich aber schon gezeigt, dass beim niederschreiben solcher Erlebnisse ungefilteter besser ist. Oder zumindest seinen eigenen Wert hat um das alles zu konservieren.

 

 

 

6 Kommentare zu „Auge in Auge mit dem Biest

Gib deinen ab

  1. Seitdem ich mich mit deinen Werken und Worten (nicht allen, denn ich finde zu bestimmten Themen nur schwer den Weg) beschäftige, stelle ich immer wieder fest, wie viel jemand sagen und aussagen kann, der gar nicht weiß, ob er etwas aussagt.
    Dieser Beitrag hier ist da keine Ausnahme. Du lässt mich, einen Fremden, etwas miterleben und begreifen, was du im Moment selber nicht einordnen kannst. Weil du z.B. vor Gedanken, Emotionen und Energie platzt.
    Mir drängen sich bei deinen Texten ab und zu Worte auf, mal lyrischer, mal erklärender Art. Letztendlich möchte ich mich aber alleine schon vor deiner Leistung verneigen, Dinge für uns Außenstehende zu verschriftlichen, um die dein Inneres Mauern gebaut hat.
    Hut ab.

    Gefällt 4 Personen

  2. Ob das wirklich gut ist, dass das jetzt gar so sehr in dir gärt und brodelt?… Meine Therapeutin hat mich nie so entlassen, sie gab mir am Schluss einer jeden Stunde immer etwas Positives mit auf den Weg…
    Ich wünsche dir in jedem Fall alles erdenklich Gute.

    Gefällt 1 Person

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