Meine erste Notfallkiste

Dieser Artikel handelt von Skills und Notfallkisten. Was das ist? Wer sich mit dem Thema Depressionen (oder anderen psychischen Erkrankungen) etwas auskennt, hat davon in der Regel schon gehört. Ich gehe zur Erklärung kurz darauf ein: Skills sind Fertigkeiten, die dabei helfen, sich abzulenken oder aufzumuntern, statt sich in irgendeiner Form selbstschädigend zu verhalten. Eine Notfallkiste oder -tasche dient dazu, schnell und zentriert Zugriff auf Utensilien zu haben, die bei diesen Skills unterstützen. Was diese beinhaltet ist individuell gestaltet. Ich schreibe im nachfolgenden über meinen persönlichen Umgang damit.

In meinem letzten depressiven Tief war es soweit. Ich habe in der Therapie zum ersten Mal wirklich an meinen Skills gearbeitet und meine erste Notfallkiste zusammengestellt. Im Nachhinein frage ich mich, wieso das nicht schon viel eher passiert ist. Tagesklinik, Rehaklinik, ambulante Therapie… nirgendwo wurde das thematisiert. Naja, hauptsache ich habe sie jetzt. Ihre bloße Existenz gibt mir schon Sicherheit.

Wenn ich merke, dass meine Stimmung sich gen Boden richtet, oder noch weiter darunter absackt, reicht ein Blick in mein Regal, um den Rettungsanker zu sichten. Sie wirklich zu öffnen, war bisher selten nötig. Ich weiß was sich darin befindet und in solchen Momenten beschäftige ich mich dann sehr schnell gedanklich damit. Öffnen ist dadurch oft garnicht nötig.

Aber was befindet sich darin? Ein Foto will ich nicht öffentlich hier einstellen. Ist mir zu persönlich. Beschreibung muss reichen 😉

Ich habe mich bisher beim Inhalt auf die Bereiche Ablenkung, Beruhigung, schöne Erinnerungen fokussiert. Eine Menge Fotos aus allen Epochen meines Lebens sind deshalb zu finden. Ergänzt um drei kleine Fotoalben. Manchmal fliegen Fotos raus, andere kommen rein. Das ist eine beruhigende Beschäftigung, die mich auf andere Gedanken bringt und die Stimmung nach oben bringt. Durch die Alben wird es auch aktiv… Ich verfalle nicht Starre und nach einer Weile überträgt sich das Aktivsein meist auf den Rest des Tages. Das beinhaltet gedankliche Aktivität genauso wie körperliche.

Daneben habe ich kleines Kistchen mit Postkarten und Briefen von Freunden gelegt. Stöbern und lesen darin sorgt sogut wie immer für ein Lächeln im Gesicht und weckt schöne Erinnerungen. Liebe Worte, die Freunde und Familie mir einst schrieben sind aufmunternd. Postkarten, die ich mir selber aus dem Urlaub geschrieben habe, sorgen für ein Grinsen.

Ein Teil der Postkarten sind leer. Bei der Auswahl habe ich auf bunte, lustige oder sonstwie erheiternde Motive geachtet. Vielleicht beschreibe ich sie nach und nach, um sie wem zu schicken.

Das Buch „Mein schwarzer Hund – Wie ich meine Depressionen an die Leine legte“ hilft dabei, selbst die Leine wieder in die Hand zu nehmen und meinen eigenen Hund am Halsband zu packen.

Einige leere Papierkarten und ne Handvoll bunter Mini-Stempelkissen… um kleine „Artist Trading Cards“ zu machen. Das entspannt mich immens und bringt mich zudem in kreative Stimmung. Ein paar Stifte dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Passend zu den Stiften gibt es natürlich einen kleinen Schreibblock. Gedanken aufschreiben, kritzeln, … was auch immer… es holt mich runter und bringt mich auf konstruktivere oder positivere Gedanken als sie der schwarze Hund gerne zulassen möchte. Alternativ kann ich auch negatives rauslassen. Das hilft ebenso.

Was noch fehlt: Der Bereich „sinnliche Wahrnehmung“ ist unterrepräsentiert. Ich überlege Räucherstäbchen, Duftkerzen oder ätherische Öle o.ä. mit dort hinein zu legen. Eventuell auch ne schöne Hautcreme oder sowas. Eigentlich wäre Massageöl ideal, aber das ist im Alleinsein ziemlich sinnlos. xD

Klebeband zum auf die Haut kleben und wieder runter reissen, Kerzen zum Wachs auf die Haut tröpfeln oder Wäscheklammern wären noch eine Option. Das holt mich in die Selbstwahrnehmung zurück und verursacht moderaten Schmerz ohne bleibende Schäden. Das ist allerdings in diesen Momenten immer eine zweischneidige Waffe. Soll ja nicht ausufern.

Eigentlich wollte ich noch eine Liste mit Personen und Telefonnummern reinlegen, die ich in so einer Situation anrufen kann. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Die Fotos, Briefe und Postkarten erfüllen den Zweck genauso und die Telefonnummern sind im Mobiltelefon gespeichert.

Eine Folge dieser Notfallkiste ist ziemlich erfreulich. Vieles von dem, was dort drin zu finden ist, umgibt mich seitdem vermehrt ohnehin vermehrt in meinem Wohnzimmer. Auf Schreibtisch und Regal sind die kreativen Mittel wie Stifte, Tinten, Papiere, Farben, Notiz- und Skizzenbücher. Ein paar Fotoalben haben sortiert ihren Weg in mein Wohnzimmerregal gefunden. Das klingt gewöhnlich, so wie es viele bei sich vorfinden.

Der Unterschied für mich ist, dass ich diese Dinge immer mehr benutze, seitdem ich die Kiste habe. Sie hat mich dahingeführt, mich mit mir und meinen Skills auseinander zu setzen, aktiv zu werden. Zuvor waren Fotos völlig durcheinander in irgendeinem Schränkchen im Flur. Ich hätte nichtmal sagen können, wo genau. Stifte und Papier habe ich auch zuvor besessen. Jetzt sind sie so positioniert, dass ich einfach und sinnvoll auf das zureifen kann, was ich gerade benutzen will. Ich weiß, was wo ist und benutze es auch (nicht nur) in solchen Situationen.

Dem Blick auf die Kiste sei Dank.

Für unterwegs haben viele eine Notfalltasche zum immer dabei haben. Ich habe mich gegen eine solche entschieden. Stattdessen gestalte ich den Inhalt meines Rucksackes so, dass ich immer einiges entsprechendes in dem vorderen Fach habe. Das sind nicht immer die gleichen Dinge. Es handelt sich um einen fortwährenden Prozess, das immer wieder umzupacken und neu zu entscheiden, was ich mitnehme. Der Rucksack entwickelt sich mit… und ich mich aufgrund der Auseinandersetzung damit.

Beim alltäglichen Unterwegssein habe ich den Rucksack nicht immer dabei. Das ist auch nicht nötig. Ich habe mein Handy dabei, das deckt die Bereiche Musik hören und Kontakt zu anderen Personen herstellen ab. Spielen kann ich darauf ab, was manchmal ebenfalls eine gute Ablenkung ist. Ein kleines Notizbuch habe ich meist in der Jackentasche. Da kritzel ich in der U-Bahn drin herum… oder wenn ich irgendwo sitze… was esse oder trinke… oder mir die Leute auf der Strasse ansehe/ihnen zuhöre.

Alles in allem hat mir die Auseinandersetzung meinen Skills in allen Bereichen sehr weitergeholfen. In doofen Situationen genauso wie im Rest der Zeit. Mir ist einiges üebr mich bewusster geworden und ich bin aktiver geworden. Im Kreativen genauso wie in anderen Bereichen des Lebens.

Wenn Du auch an Depressionen leidest und davon noch nichts gehört hast… meine klare Empfehlung, dich eingehender mit deinen Skills zu befassen. =)

Liebe Grüße

Jo



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18 Kommentare zu „Meine erste Notfallkiste

Gib deinen ab

  1. Ich weiß nicht, ob dir dies hilft oder ob ich als thematischer Halblaie nur heiße Luft rede:
    Im Bereich sinnliche Wahrnehmung und entspannender Konzentration bieten sich auch ein kleiner Massage-Igel (für die Unterarme und zum Pressen in der Hand) und eine japanische Technik an, bei der mit dem Zeigefinger ein Kreis (Zeichen für „Go“, also Macht) mehrfach auf die Hand gemalt und dann verschluckt wird.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Massagebälle.. und ähnliches sind toll. Gibt ja ne Menge verschiedenes in der Richtung 🙂 Das verschluckte Machtzeichen kannte ich noch nicht, interessant, auf was die Leute im spirituellen alles kommen 😀

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  2. „Postkarten, die ich mir selber aus dem Urlaub geschrieben habe, sorgen für ein Grinsen.“ Sehr schön, da musste Miss auch grinsen 😉

    Wie wäre es mit Faden? Den könntest du flechten, oder häkeln oder was du kannst und die selbst eine DepressionenLeine knüpfen und da könntest du vielleicht auch Zettel mit den jeweiligen gerade Gedanken irgendwie einflächten und wenn du beim nächsten mal rein schaust ist sie länger und länger und weiter sind deine Schritte im Leben und du kannst es aushalten im Rückblick…

    … wirklich schön dich wieder zu lesen…
    …mit blauen🐘Grüßen

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    1. Fadenflechterei ist eher weniger was für mich.. wobei Knoten und Schlaufen wären mal was, die will ich mir schon seit Jahrzehnten beibringen *g*
      So eine Depressionsleine ist an sich aber eine schöne Idee. Vielleicht fällt mir da doch was ein, wie ich die für mich umsetzen kann. Danke dafür, Miss 🙂

      Freue mich ebenfalls, dich wieder zu lesen.
      Liebe Grüße 🙂

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  3. Vielen Dank für die Vorstellung deiner Notfallkiste! Ich kenne viele solcher „Skills“ und habe sie auch schon selbst ausprobiert. Tatsächlich geht es bei mir aber eher darum, innere Anspannung runterzuschrauben und selbstschädigendem Verhalten vorzubeugen.
    Zur Beruhigung habe ich aber auch Lavendelsäckchen (liegen auch im Bett, damit ich besser einschlafen kann oder ich nehme eines mit, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel nutze).
    Danke, dass du mich nochmals daran erinnerst, an seinen Skills zu arbeiten. Ich wurde in Kliniken mit der Thematik überschüttet und war oft genervt davon, aber es ist eben wichtig 😉
    Liebe Grüße und alles Gute dir!

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    1. Schön, von Dir zu hören 🙂

      In den Kliniken habe ich nur zufällig mal was von Mitpatientinnen mitbekommen. Da gab es ein paar wenige, die sich intensiv mit Thema beschäftigten. Hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nie von gehört und war mir nie ganz sicher, wovon die überhaupt reden. Dachte dabei eher ganz klassisch an Soft- und Hardskills, wie im Beruf und habe mich gefragt, wieso die sich mitten in der tiefsten Krise ihrer jeweiligen Erkrankungen so erschöpfend mit ihren beruflichen Fähigkeiten beschäftigen.^^

      Das erinnert werden müssen, bzw. mich selbst erinnern kenne ich in dem Punkt auch. Gerade wenn man sie braucht, entfällt das manchmal.

      Lavendelsäckchen und ähnliche Gegenstände zum bei mir tragen vergesse ich zu oft. Hab mir aber mal ein wenig Zeit genommen, ein schönes neues Parfum auszusuchen, das erfüllt unterwegs einen ähnlichen Zweck, nasennah auf die Kleidung gesprüht. Hab bei der Kälte zur Zeit meist einen Schal um, der sich da wunderbar für eignet. xD

      Dir auch alles Liebe und Gute! 🙂

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      1. Hey, schön, dass es auch wieder neues von dir gibt! 😉
        Da ich Skills in diesem Zusammenhang schon sehr lange kenne, musste ich ein bisschen lachen 😉 Herrlich, dass du da eher an Soft- und Hardskills denkst 😉

        Parfums helfen mir übrigens auch sehr gut und bieten sich beim Schalwetter auch wunderbar an 😉

        Liebe Grüße und einen wunderschönen Sonntag dir! 😉

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      2. Danke… den wünsche ich Dir auch, bzw. eine schöne Woche. Bin gerade grippig, also bei mir eher wenig schön. Wenn Du mein nachdenkliches Gesicht gesehen hättest, beim überlegen, wieso die sich gerade über ihre Hard- und Softskills Gedanken machen, hättest Du vermutlich mehr als ein bisschen gelacht ;-D

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  4. Irre klug, das kupfere ich mir ab. Die Ideen sind hoffentlich genug passiv, dass frau in der tiefen Depression nicht überfordert ist. Fotos, Bilder, vergangene Vergnüglichkeiten…….die Bücher vom schwarzen Hund kenne ich auch. Leider bleibt mein Hund störrisch, riesig und unzähmbar. Irgendwann haben die klügeren Fachleute aufgehört, mir ein schlechtes Gewissen einzujagen, wenn ich mir selbst nicht helfen kann. Sogar fürs Spazieren brauche ich Begleitung. 😦

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    1. Von welchem klugen Köpfchen die Idee stammt, weiß ich garnicht. Ob sie passiv genug sind… hm, ich denke das liegt vor allem daran, wie du es selbst angehst. Dein Gestaltungsfreiraum… was reinkommt, aber auch wie und wo du sie platzierst. Und ob du sie gedanklich präsent hast. Wenn du sie bloß einmal befüllst und dann vergammelt sie irgendwo in der letzten Ecke… wirst du im Tief vielleicht auch nicht drauf kommen, dass du überhaupt so etwas zur verfügung hast. Ein Allheilmittel ist es sicherlich auch nicht. In der falschen Stimmung hab ich das Teil trotzdem schon links liegen lassen. In anderen Situationen wars ein Rettungsanker. Klingt sehr stark ausgeprägt, deine Erkrankung, ich hoffe du findest Wege daraus =)

      Liken

  5. Danke für den schönen Beitrag und die Tips, da ist viel hilfreiches dabei! Vor allem, weil ich bisher alles auf einem Zettel stehen habe – eine echte Kiste zu haben, die ich auch sehe, wenn es mir gut geht, klingt wirklich sehr gut, das werde ich mir auch einrichten. Ich möchte dir ein paar Gedanken mitteilen, die mir während des Lesens für den Bereich „sinnliche Wahrnehmung“ gekommen sind.

    Da ist für mich etwas für den Geschmack hilfreich: scharfe Chili (eine Flocke auf die Zungenspitze) oder schwarze Pfefferkörner (weil ich sowieso gerne scharf esse), Nelken (zum Kauen ganz hervorragend, auch bei Erkältungen – Bedarf einer gewissen Gewöhnung, ist aber aus meinem Alltag mittlerweile kaum mehr wegzudenken – ist für mich sogar prophylaktisch) und Fisherman’s Friends.

    Für den Tastsinn finde ich, dass Massageöl auch alleine gut wirken kann, etwa in Form einer ayurvedischen Selbstmassage. Für die kannst du dir auch nach eigenen Vorstellungen ein Öl selber machen, aus Sesam-, Oliven-, oder Sonnenblumenöl mit ein paar Tropfen ätherischer Öle deiner Wahl (besonders gut gegen Stimmungstiefs sind da Lavendel-, Melissen- und Zitrusöle, va. Grapfruit und Bergamotte. Von den Zitrusölen kannst du auch ein oder zwei Tropfen (nicht mehr, schmeckt bitter, ist also auch geschmacklich ein „Wachrüttler“) in ein großes Glas warmes Wasser gegeben und wie einen Tee trinken; dabei hast du noch einen ganz wundervollen Duftlampeneffekt). Die Selbstmassage vermittelt nicht nur über das Öl ein gutes Gefühl, sondern kann auch Selbstliebe vermitteln, indem du dir selbst etwas Gutes tust.

    Zuletzt helfen mir noch die Worte „kalte Dusche!“ – die hilft mir oft, mich aus der Starre wachrzurütteln. Wenn es danach zu kalt ist, ist das der perfekte Moment für die Selbstmassage. 🙂

    Alles Gute

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    1. Hallo David, vielen Dank für Deine vielen Tipps! Gerade haptisches und alles was die Geruchs- und Geschmackssinne anspricht, ist auch ganz effektvoll, da hast Du recht. Ist natürlich bei jedem etwas anders gewichtet, was in welchen welchen Situationen hilfreich ist. Un die kalte, bzw. wechselnd warme und kalte Dusche haben bei mir auch shcon Wunder gewirkt. 😀 Liebe Grüße, Jo =)

      Gefällt 1 Person

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