Das Auto, die Bahn, die Busse und ich

Seit einem guten halben Jahr nutze ich wieder regelmäßig die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach vielen Jahren, in denen ich jährlich zigtausende Kilometer mit dem Auto abgerissen habe, ist das ein ziemlicher Umstieg. Dass ich nebenbei noch Motoroller fahre, macht mich immerhin flexibler. Ganz und gar auf die Busse und Bahnen angewiesen sein mag ich nicht. Die letzten 6 Monate haben wieder mal gezeigt, wieso. Zeit für einen Rückblick.

Grundsätzlich fahre ich ganz gerne mit dem Zug. Habe ich auch früher schon viel gemacht, bevor ich eines Tages wutentbrannt, verbal Schimpf und Schande über 2 Schaffner regnen lassend, einem solchen entstieg und mir beim nächsten KFZ-Händler ein Auto kaufte. (Was auch eine Geschichte für sich war.) Es folgten 16 Jahre auf 4 Rädern. Die habe ich sehr genossen, aber auch zu Genüge die Schattenseiten kennengelernt.

Täglich verstopfte Strassen, zähfliessender Verkehr und Stau, die A40-Party durchs Ruhrgebiet, hohe Kosten, schäbige Händler und Werkstätten bis hin zum Rechtsstreit. Das alles wars mir allerdings wert. Dem gegenüber stehen die jederzeit sofortige Verfügbarkeit, keine Fahrpläne, moderate Kosten bei Teilung durch mehrere Mitfahrer, Transportmöglichkeiten im Kofferraum, wunderbare Reisen im eigenen Vehikel und einen einfachen Grund für meinen Nichtalkoholkonsum, den jeder versteht. (Unglaublich, wieviele Menschen noch immer wirklich nur diesen Grund für den Verzicht auf Alkohol nachvollziehbar und akzeptabel finden.)

Und natürlich das für mich entscheidende Kriterium: Die Hunde. Mit meiner Hündin Hexe bin ich damals noch lange Bahn gefahren, das war okay. Die war da sehr entspannt. Mit zwei Hunden sieht das schon ganz anders aus. Vor allem, wenn einer davon ein Zappelphilip ist.^^ Es macht auch einen Riesenunterschied, hauptsächlich Bahn zu fahren und zuhause dennoch den Wagen des Partners zur Verfügung zu haben… oder eben ausschließlich auf die Bahn angewiesen zu sein. Täglich Abwechslung beim Gassi gehen im Wald fällt dann aus. Wenn man schnell zum Tierarzt muss, ist das ein Problem. Lösbar, sicher, aber eine Hürde. Als Hexe alt wurde, immer häufiger erkrankte, Gicht bekam und zum Schluss erblindete, wäre das alles ohne Auto kaum mehr gegangen. Jetzt arrangieren wir uns, haben die Hunde im Wechsel und ich als der Part ohne Auto gehe halt nur noch fußläufig erreichbare Strecken mit ihnen. Das ist nicht schön, aber es geht.

Nun also wieder mit den Öffis, wie man inzwischen sagt. Ein neuer Versuch. Weil ich fair und positiv bin, zähle ich zunächst die Vorteile auf^^ Es ist schon komfortabel, sich einfach nur hinsetzen zu brauchen und sich kutschieren zu lassen. Keine Konzentration aufs fahren. Ich kann was lesen, aus dem Fenster blicken, auf dem Smartphone was schauen oder spielen, in meinem Notizbuch kritzeln oder dösen. Manchmal entsteht eine Unterhaltung mit anderen Passagieren, oder ich höre/sehe ihnen zu. Es gibt immer wieder interessante Situationen.

Da ich nicht so wahnsinnig viel fahre, halten sich die Gesamtkosten im überschaubaren Rahmen. Dass die Bahn das deutlich umweltfreundlichere Fortbewegungsmittel ist: klarer Pluspunkt. Mit dem Auto im dichten Verkehr oder Stau ist es oft stressig, die Stimmung wird gereizter, was sich in Fahrstilen widerspiegelt, die riskanter und aggressiver werden. Wenn eine Bahn sich verspätet, ist das doof, aber man kann seinen Unmut mit anderen Leuten teilen, manchmal entstehen dabei witzige Gesprächssituationen. Oder man trinkt noch nen Kaffee, holt sich nen Snack, liest was, stöbert durch die Bahnhofsbuchhandlung… wie auch immer. Das ist oft entspannter als die vergleichbare Autosituation. Im Grunde alles fein…

…aber! ABER! Aber es gibt auch den ein oder anderen klitzekleinen Wermutstropfen. Im Grunde sind die Ticketpreise schon recht gesalzen. Auch Monatstickets hauen ein Loch in die Haushaltskasse. Egal ob U-Bahn, S-Bahn oder Regionalbahn, zu Stoßzeiten sind sie alle ordentlich überfüllt. Es mutet ein wenig lachhaft an, dass es Diskussionen über Anschnallgurte in Züge gibt, wenn man im dichten Gedränge auf dem Mittelgang steht und es gerade noch so schafft, sich mit zwei Fingern an einer Schlaufe oder Stange etwas festzuhalten.

Für mich ist Überfüllung und Menschenmenge obendrauf durch meine Agoraphobie ein besonderes Thema. Da ich schon eine Weile an dieser arbeite und wöchentlich mehrmals gezielt Plätze, Menschenmengen und Gedränge aufsuche, bin ich dem meist gewachsen und sehe das Bahnfahren als weiteres Übungsfeld. Insbesondere die U-Bahnen. Aber das ist natürlich ein individuelles Problem und nicht dem Bahnfahren im allgemeinen anzulasten.

Die Fahrtdauer für sich genommen, von Bahnhof zu Bahnhof ist im Grunde sehr zügig, da kommt man mit dem Auto nicht mit. Die Gesamtzeit allerdings, gerade wenn man nicht so zentral gelegene Orte ansteuert, addiert sich schnell stark auf. Fußweg, Bus, U-Bahn, Regionalbahn, U-Bahn, Bus, Fußweg… da wird aus 20 Minuten Fahrtzeit mit dem Auto schnell mal 50-80 Minuten Reisezeit mit den öffentlichen.

Das Servicepersonal habe ich bisher durchweg als wenig hilfsbereit oder gar freundlich erlebt. Am Informationsschalter der Kundenberatung musste ich jede einzelne Info aus der Nase ziehen. Hätte ich mir nicht schon vorher selbst im Internet den Großteil dessen was ich wissen wollte zusammengesucht, wäre ich aufgeschmissen gewesen und hätte nichtmal gewusst, wonach ich fragen muss. Man wollte mich nur schnellmöglichst abfertigen und loswerden. Dabei gab es nichtmal ne lange Schlange hinter mir. Der Nutzwert der „Beratung“ tendierte gen Null. Ein zweiter Versuch im Kundencenter der Nachbarstadt brachte dasselbe Ergebnis.

Die Abhängigkeit von den Fahrplänen ist der nächste Punkt… wegen dem ich auf den Roller nicht verzichten werde. Um abends noch nach Hause zu kommen, müsste ich jedes Treffen sehr frühzeitig verlassen. Dabei wohne ich zentrumsnah in einer Großstadt. Ja gut, ich könnte spätnachts ewig lang mit dem Nachtbus von Gullideckel zu Gullideckel gondeln.^^

Darüberhinaus ist der  „Fahrplan“ nurmehr eine grobe Richtlinie. Ich gehe mittlerweile einfach zeitig aus dem Haus und schaue dann vor Ort, wann welche Bahn tatsächlich dahinfährt wo ich hin will. Die digitalen Anzeigetafeln quellen dabei mit Verspätungsinfos über. Manche Züge fallen auch aus. Andere fahren auf einem anderen Gleis ab, mit Glück wird das über Anzeigen und kaum verstehbare Lautsprecheransagen kommuniziert. Aber längst nicht immer. Dann fährt der halt woanders ab, man steht weiterhin am vermeintlich richtigen Gleis, wo auf dem Board auch die Einfahrt planmäßig angezeigt wird. Irgendwann verschwindet diese dann, um der für den nächsten einfahrenden Zug Platz zu machen und man steht immer noch am Gleis und wunderts sich. Zumindest die ersten Male. Ich wundere mich schon nicht mehr. Ich rechne damit.

Manchmal verschwindet die Anzeige auch einfach. Ich wartete frierend auf dem Bahnsteig und fragte mich irgendwann ob ich zu vertieft in meinen Gedanken versunken das Abfahren des Zuges nicht mitbekommen hätte (das könnte mir tatsächlich passieren). Als ich andere Wartende ansprach, teilten die mir gleichmütig mit, dass das normal sei. Der Zug würde manchmal einfach ausfallen, wenn er mehr als eine Viertelstunde zu spät sei. Der nächste in die diesselbe Richtung käme dann ja eh schon bald. Wäre seit bald zwei Jahren morgens und abends so.

Kopfschüttelnd ging ich runter in die Bahnhofshalle, besorgte mir was zu trinken, wärmte mich ein wenig auf und kehrte dann zurück zum Bahnsteig. Dort war inzwischen ein Zug eingefahren. Anscheinend meiner. Ich hetzte hin, konnte gerade noch mit aufspringen, da fuhr er schon los. Drinnen Aufruhr, ein paar Jugendliche waren auch gerade noch zugestiegen und wollte wieder raus, als die Lok anfuhr. Von drinnen hatten sie gesehen, dass die Anzeige auf dem digitalen Board umgesprungen war, während sie einstiegen. Dadurch waren sie im falschen Zug in die falsche Richtung. Zwei der kleinen Mädels heulten fast. Sie waren unerfahren mit dem Zugfahren und es war bereits nach 22 Uhr. Die sahen sich bereits irgendwo in einer fremden Stadt in der Gosse frierend die Nacht verbringen. Zum Glück konnte ihnen durch andere Passagiere geholfen werden. Diese wussten, wie die Mädchen, laut Fahrplan!, wieder zurück in die gewünschte Richtung kämen.

Tja, ich könnte noch mehr solche Geschichten erzählen, wie vermutlich jeder Bahnreisende, aber ich lasse es jetzt mal gut sein. Was bleibt ist, dass ich das Bahnfahren derzeit als Erlebnisreisen sehe. Durch meine derzeitige Lebenssituation habe ich meist Zeit und kann das alles recht entspannt sehen. Aber ganz ehrlich, in einem termingefüllten Arbeitsalltag ist das alles so nicht praxistauglich. Vielleicht gibt es dazu ja andere Berichte und Erfahrungen. Eventuell aus anderen Verkehrsverbünden. Mag ja auch ein regional sehr differierendes Problem sein.

Die Überlegung, doch wieder eine Auto anzuschaffen, steht bei mir zwar im Raum, aber ich bleibe dennoch erstmal bei den öffentlichen Verkehrmitteln. Und wenn es nur ist, um darüber zu schreiben. Oder sich inspirieren zu lassen von den dort erlebten Szenen. Das Leben macht die besten Geschichten, auch auf Gleisen. ;-D

 

 

 

5 Kommentare zu „Das Auto, die Bahn, die Busse und ich

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  1. Ach Mensch, hab ich dich animiert? 😀 ja die Vernetzung ist echt für den … Mit den Öffentlichen brauchte ich 2 Stunden, mit dem Auto 40 Minuten zur FH. Dass der Service freundlich ist, habe ich auch noch nie erlebt. Schon zweimal hatte ich ein falsches Ticket, weil es online falsch beschrieben war, sodass sogar der Service selbst es falsch bestellen wollte, als ich sie mal darum bat. Das erste Mal wusste ich nicht, dass ich ein falsches Ticket hatte und sofort wurde der Lautstärkepegel der Schaffnerin lauter und unfreundlicher, damit auch ja alles wussten, dass ich eine „Kriminelle“ war. Das zweite Mal hatte ich den selben Fehler begangen bzw. mein Opa hatte die Tickets für mich gebucht und ich sagte der Schaffnerin schon beim Einstieg, dass ich leider falsche Tickets habe und jetzt nicht ändern könnte. Als sie dann kontrollierte, wurde auch sie unnötig laut und rief: „Ach Sie fahren ja SCHWARZ!“. Bei dieser Gelegenheit hatte natürlich jeder im Wagen mitbekommen, dass ich ein falsches Ticket hatte, was mir wahnsinnig unangenhem war. Dabei konnte ich das neue Ticket inkl. Bußgeld gleich nachzahlen und hatte gar keine Probleme bereitet. Hach ja… ich reise auch echt gerne, aber die Deutsche Bahn macht es einem nicht leicht…

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    1. oh mann xD … ja, den servicegedanken hat da kaum jemand verinnerlicht. dabei wäre das gerade nötig, so komplex wie das ganze fahrkartensystem ist. als unerfahrene person ist es ein graus, sich am automaten das passende ticket zu suchen. da wäre er hilfe nötig als solche peinlichen lautstärkeattitüden. die erfahrung, dass die oft selbenr nicht durchblicken, was sie einem verkaufen, habe ich auch. und dann noch die verrückten preisunterschiede … wenn ich von meinen eltern kommend ein bahnticket bis einige stationen weiter als bis nach dortmund kaufe, ist das billiger, als wenn ich nur bis dortmund buche xD

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