Jo treibt Unfug – In Amt und Würden

Würden Sie gedacht haben, dass ich ausgerechnet im Amt für Agrarordnung meine Berufung und Leidenschaft fände? – Ja genau, ich auch nicht.

Das Gymnasium hatte sich als nicht leistungsstark genug für mich erwiesen, weswegen sie mich an die örtliche Realschule verloren. Bei meinem Abschied hatte ich dem Lehrpersonal noch einige Gedankenanstösse mit auf den Weg gegeben, wie sie es künftig besser machen können. Ihrem  Gesichtsausdruck zufolge haben sie all den wohlmeinenden Rat wohl in den Wind geschrieben. Sehr bedauerlich, den rapiden Absturz einer solch altehrwürdigen Traditionsschule miterleben zu müssen.

In der Realschule wechselte ich in die neunte Klasse, wo kurz nach Schuljahresbeginn ein dreiwöchiges Berufsorientierungspraktikum anstand. In der Kürze der Zeit, die mir verblieb, einen geeigneten Einsatzort zu finden, sprang mir meine große Schwester helfend zur Seite, indem sie mir eine Praktikantenstelle bei ihrem Arbeitgeber vermittelte. Ich jauchzte vor Glück, drei Wochen im Amt für Agrarordnung, das war der Traum meiner schlaflosen Nächte.

Die erste Praktikumswoche bei den technischen Zeichnern stellte sich als noch langweiliger heraus als erwartet. Ich durfte täglich mehrere Stunden vollkommen sinnfrei irgendwelche Informationsprospekte abtippen. Die Amtsarbeiter hielten das für eine gute Übung, wo ich doch im Herbst einen Schreibmaschinenkurs bei der Volkshochschule machen würde. Warum zur Hölle hatte ich das bloß erwähnt?

Das wichtigste, was ich in dieser Zeit lernte: Zwischen 10 und 15 Uhr lautet der korrekte Gruß immer und überall im Amt: „Mahlzeit!“ Nicht nur in der Kantine, wie ich zuvor vermutet hatte. Nein nein, wirklich überall, in den Büros, auf den Fluren, dem Parkplatz und selbst auf den Toiletten. Na dann Prost Mahlzeit auf dem Urinal. Widerlich. Dennoch hielt ich mich an die gängige Grußformel und gewann sogar Spaß daran. Unglaublich, welche Varianz so ein Gruß bekam, wenn man ihn nur auf die verschiedensten Arten betonte. Noch heutzutage krame ich gerne mal ein frisches „Maaahhhlllzeit!“ hervor, zum Beispiel auf den Toiletten der Autobahnraststätte.

Die zweite Woche durfte ich zwei grenzdebilen Hanseln in der internen Poststelle beim Anlecken der Briefmarken helfen. Ich schwöre, am Nachmittag des zweiten Tages war ich mir sicher, die wollten mich hier für die Zukunft des Amtes zum dritten Hansel ausbilden. Fast hätten sie es geschafft. Meine geistigen Kräfte schwanden und ich mutierte zusehends zu einer Art denkbefreiter Leckmaschine. Zeit, Alarm zu schlagen.

Dank der Intervention meiner lieben, guten, besten aller großen Schwestern durfte ich schon am nächsten Tag in die Telefonzentrale wechseln. Der Telefonist war schwer sehbehindert und im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dort eingestellt. Telefone und Schreibmaschine bediente er mit Hilfe einer gigantischen Lupe, deren Glas mehrere Zentimeter dick war. Das entsprach auch in ungefähr der Stärke seiner Brillengläser. Für die nächsten Tage durfte ich seine Augen sein. Da er total sympathisch war, übernahm ich das sehr gerne. Allerdings wollte ich im Grunde viel lieber seine Stimme sein und selbst Tasten drücken, Gespräche annehmen, durchstellen, und ablehnen. Das hier war die eigentliche Schaltzentrale der Amtsmacht, da war ich mir sicher. Ein Einsatzort, der für mich geschaffen war.

Zudem konnte er das „g“ inmitten eines Wortes nicht richtig sprechen. Diesen Buchstaben wie „ch“ zu sprechen, zumindest am Wortende, ist im Grunde charakteristisch für das Münsterland, wo ich herkomme. Dort fliegt einem das Blech nicht weg, sondern wech. Lupo, so sein Name, allerdings, sprach das „ch“ statt „g“ so übertrieben aus, das aus der Behörde ein Amt für Arcchhkrarordnung wurde. Nach zwei Stunden fand ich das bereits großartig. Ich wollte die Stimme am Telefon sein, die das in den Hörer knarzt.

Nach zwei Tagen war es soweit, er ließ mich in seinem Beisein Gespräche annehmen. Es lief schon bald wie am Schnürchen. Freundlich grüßen, durchstellen, mit Bedauern die Nichtanwesenheit von Beamten verkünden, um nochmaligen Anruf zu einem späteren Zeitpunkt bitten, leuchtende Tasten betätigen, Schalter umlegen, unfreundliche Zeitgenossen erstmal ein Weilchen in die Warteschleife hängen, wichtig klingen, wenn es etwas „im Auftrag von“ mitzuteilen gab, lässig Gesprächswünsche bei vertrauten Kollegen anfragen, die man fünfmal pro Stunde am Hörer hatte… endlich mal eine weniger stupide Tätigkeit. Lupos „Arcchhkrarordnung“ in seinem Beisein nachzuahmen, erschien mir dann aber doch ein wenig zu frech. Also warten und hoffen.

Und dann kam mein großer Moment. Der Lupenmann musste in eine Besprechung und traute mir zu, den Laden für ein Weilchen allein zu schmeissen. Mit verantwortungsstrotzender Mine gelobte ich ihn treu und ergeben, nach bestem Wissen und Gewissen, redlich und ehrbar zu verteten. Den innerlichen Jubel gab ich lieber nicht nach außen zu erkennen. Meine große Stunde war gekommen. Zeit für freestyle a la Jojo. Den Amtsmuff aus den angestaubten Leitungen vertreiben. Eine neue, glanzvolle Ära der Telefonie einleiten. Und so entstand der folgende Ablauf der Ereignisse, aus meinem damaligen Erleben beschrieben:

***

klingeln, rotes Lämpchen

„Amt für Archkrahrordnung. Wer spricht, bitte?“

„Müller, ist Piepenbrock im Haus?“

„Wen wünschen sie zu sprechen, Herr oder Frau Piepenbrock?“

„Es gibt doch garkeine Frau Piepenbrock bei euch…“

„Wir arbeiten daran, besonders Herr Piepenbrock selbst. Einen Moment bitte.“

tuuuut tuuuuuut

„Der feine Herr ist zu Tisch. Darf ich eine Nachricht übermitteln?

„Wer spricht da überhaupt? Wo ist Lupo?“

„Wichtige Besprechung. Ich vertrete ihn.“

„Ahja… na ist gut, sag ihm einfach, dass ich um Rückruf bitte, ja?.“

„Jo is gut, ich gebe weiter, dass Müller angerufen hat, er wird dann ja Bescheid wissen.“

auflegen, klingeln, rotes Lämpchen

„Amt für Arkchraahordnung, was kann ich für sie tun?“

„Borgert, ich muss sofort Rabe sprechen!“, ein sehr herrischer, dominanter Tonfall, dem ich mich lieber ohne anzuecken beuge.

„Selbstverständlich, wie ihr wünscht, einen Moment bitte.“

Entsetzt muss ich noch während dem betätigen des Schalters feststellen, aus Versehen danebengedrückt und Euer Durchlaucht, Herrn Borgert aus der Leitung geworfen zu haben.

klingeln, rotes Lämpchen

„Amt für Arkchraarhordnung, wen kann ich für sie erledigen?“

„Was? Müller hier. … Was hast du da gerade gesagt?“

„Was ich für sie tun kann, sollte das heißen. Bitte um Entschuldigung, das passiert schonmal in all dem Stress, hier glühen die Drähte heiß, ein Wahnsinn ist das.“

Gluckerndes Lachen als Antwort

„Jaaa, genau, Stress im Amt für Agrarordnung“, er verschluckt sich.

„Worauf spielen sie an?“ mein Tonfall wird streng.

„Schon gut, ist Piepenbrock jetzt sprechbar?“

„Das ist mir nicht bekannt. Wünschen Sie eine Durchstellung?

„Ja, na klar, stell mal durch!“

tuuut tuuut

„Herr Piepenbrock beliebt ausgiebig zu speisen, wie es scheint. Ich informiere ihn, das Müller um Rückruf bittet.“

„Ja, bitte, aber Moment….“

auflegen, klingeln, rotes Lämpchen

„Borgert hier, was war denn das gerade, ich bin aus der Leitung geworfen worden!“

„Eine technische Störung nehme ich an.“

„Ich muss jetzt sofort Rabe sprechen!“

„Ich sehe, was ich für euch tun kann.“

tuuut tuuuut

„Der Rabe scheint ausgeflogen zu sein.“

„Wiieee bitte?“

„Kann ich etwas für euch…“

tuuuuut Verdammt was ist denn das, irgendwie bin ich schon wieder an die Auflegentaste gekommen. So ein Malheur.

auflegen, klingeln, rotes Lämpchen

„Amt für Arkchraarhordnung, Mahlzeit!“

Endlich mal eine weibliche Stimme, leider sehr unfreundlich klingend „Lupo?“

Mir schießen die alten Fix & Foxi Comics mit den Hunden Lupo und Lupinchen durch den Kopf und ich kann mir gerade noch verkneifen zu antworten: „Lupinchen?“

Stille

„Lupo, bist Du das?“

Schnell reisse ich mich aus der Schwärmerei für Bildgeschichten.

„Nein, Jojo hier, ich vertrete ihn. Er ist in einer Besprechung. Kann ich was ausrichten?“

„Ich bin seine Schwester, er soll bitte heute heute abend bei mir vorbeikommen und das Gesangsbuch zurückbringen. Ich habe Liederabend.“ Immer noch ganz schön grantig und vorwurfsvoll, ihr Tonfall. Aber weil ich Lupo mag, schreibe ich es sofort auf einen Zettel.

„Ich sags ihm, er freut sich bestimmt über deinen Anruf, er spricht immer so liebevoll von seiner Schwester.“ Das war glatt gelogen.

„Wie bitte? Er redet auf der Arbeit über mich? Doch hoffentlich nichts privates, das geht keinen was an!“

„Nein, nein, er erwähnte nur ein paarmal, dass er sehr froh ist, ebenfalls so eine tolle große Schwester zu haben, weil meine Schwester auch hier im Amt arbeitet und immer so nett zu mir ist. Meine Schwester hat mir auch das Praktikum hier vermittelt. Da bin ich echt froh drüber.“

kurzes Schweigen

„oh, ja dann, hm, grüß ihn mal schön von mir, aber er soll bitte an das Gesangsbuch denken“ na geht doch, ihre Stimme klingt gleich viel weicher.

„Jo, mache ich gerne. Wünsche Dir einen schönen Tag und einen noch schöneren Gesangsabend!“

„Äh, ja, danke sehr, wünsche ich ebenfalls.“

So langsam artet das hier wirklich in Arbeit aus. Wofür man als Telefonist alles zuständig ist. Hätte ich nicht gedacht.

auflegen, klingeln, rotes Lämpchen

„Amt für Arkchraarhordnung, von Wolf am Apparat, wen darf ich melden?“

„Borgert hier, ich was ist denn da bei euch los, ständig werde ich aus der Leitung geschmissen, wo ist überhaupt Lupo und wer bist Du!?“

„Ich bin Jo, ich vertrete ihn, er ist in einer Besprechung. und wer seid ihr?“

„Das ist doch unerhört, ich bin der stellvertretende Amtsleiter.“

erschrockene Stille

„Von welchem Amt?“

„Von DIESEM! Ich kenne keinen Jo, wieso lässt der dich denn an die Telefonanlage?“

„Ich bin Praktikant… Es tut mir leid wegen der Verbindungsunterbrechungen, irgendwas scheint mit der Anlage nicht zu stimmen. Das passiert ständig. “

„Immernoch? Die ist doch jetzt schon zweimal gewartet worden. Also doch eine neue, so ein Mist. Aber mal zu Dir… wie redest Du überhaupt mit  mir. Hast Du immer so ein loses Mundwerk? Sprichst Du mit allen Anrufern so? Ich muss schon sagen…“

***

Den Rest der Tirade, die euer Gnaden über mich ergehen ließ, erspare ich euch lieber. Glücklicherweise hat die veraltete, defekte Telefonanlage ohnehin das meiste davon verschluckt, als aus unerfindlichen Gründen plötzlich wieder das Gespräch abbrach.

Kurz später kam auch schon Lupo wieder zurück. Ich erstattete ihm kurz und präzise, wie es meine Art ist, Bericht. Dein Schwester hat angerufen, sie lässt dich lieb grüßen und sie würde es dir wirklich danken, wenn du es schaffen, ihr Gesangbuch nach der Arbeit wiederzubringen, da sie es heute abend für ihren Liederabend braucht.“

Mit großen Augen glotzte Lupo mich an „Mich LIEB grüßen… mir DANKEN…? Okay… und was war noch?“

„Nichts besonderes, hat alles gut geklappt. Achja, Herr Borgert hat angerufen, Du bekommst eine neue Telefonanlage.“

„Im Ernst? Hätte ich nicht gedacht, wo diese doch gerade erst wieder richtig funktioniert.“

„DAS solltest Du ihm wohl besser nicht so sagen. Im Gegenteil.“

„Da hast Du recht.“

„Ansonsten hat noch ein Herr Müller mit Identitätskrise angerufen und nach Piepenbrock gefragt. Ich wollte ihn gerade anrufen, um zu hören, ob er aus der Mittagspause zurück ist.“

„Mit … was? Identitätskrise? Was soll das denn heißen?“

„Ach nichts, nur ein Witz, ich musste gerade an einen Film denken. Er war sehr freundlich und ruft sicher auch selber nochmal an.“

„Ich sehe, Du hast das voll im Griff hier.“

„Herr Borgert war nur etwas empört, dass ein Praktikant hier alleine sitzt…“

„Achja, kein Problem, der ist immerzu etwas empört über alles und jeden, der aufgeblasene Sack! Aber gut , dass Du es sagst, dass ich nicht ins offene Messer laufe, wenn er wieder rummosert.“

Der stellvertretende Amtsleiter schien tatsächlich ein wenig empört zu sein, denn am nächsten Morgen überraschte mich die Nachricht, dass ich für den Rest der Praktikumszeit in die Materialausgabe verbannt werde. So kanns gehen. Gute Arbeit wird selten geschätzt und meine glänzende Karriere als strahlender Ritter auf dem stolzen Amtsschimmel nahm ein jähes und sehr vorzeitiges Ende. Selber Schuld, sie wissen nicht, was ihnen entgangen ist.

Mahlzeit! Ich bin dann mal wech!

 

 

4 Kommentare zu „Jo treibt Unfug – In Amt und Würden

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  1. Das ist wieder typisch…selbstständige kreative Arbeit wird einfach nicht geschätzt und mit Strafarbeit beantwortet…dabei hättest du eindeutig das Zeug zu höherem…(Bundeskanzler z.B 🙂 Also, nicht lockerlassen…LG , Jürgen

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    1. Vielen Dank, dass Du das bemerkst! Tatsächlich habe ich mich danach aus der Materialausgabe innerhalb weniger Tage ganz nach oben hochgearbeitet. Die Geschichte erzähle ich allerdings ein anderes mal 😀 😉

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