It’s magic!

Schweißgebadet wälze ich mich in den Bettlaken hin und her. „Bitte nicht, keine Magie mehr, Billy, Robin, bitte nicht mehr!“

Doch wohin auch immer ich mich wende, einen Ausweg suchend aus dieser Hölle, hinter irgendeinem Eck springt Robin Williams hervor, reckt mit ausladender Geste die Arme gespreizt vor, einen absurd riesigen Gehstock in der Hand und ruft theatralisch „Lass es zu, sich dich um, atme es ein, es ist Magie! Sie umgibt uns, jeden von uns, immer und überall.“. Funkelnde Sterne in allen Farben des Rebenbogens leuchtend formieren sich zu einem gigantischen Bogen über ihm.

Panisch mache ich kehrt, renne so schnell meine Beine es zulassen auf eine Tür zu, doch kurz bevor ich sie erreiche, schlägt sie auf und Billy Crystal tritt mit süffisantem Blick hindurch. „Sieh die Weisheit in den kleinen Dingen, es kommt nur darauf an, was Du daraus machst. Es ist alles Fantasie. Sie macht alles möglich. Es ist… Magie!“ Mit vor Pathos triefender Stimme betont er dieses letzte Wort und sein Gesichtsausdruck verklärt sich bis hin zur grenzdebilen Maske der nostalgischen Weltentrückung.

„Ist es nicht, es ist keine Magie, bloß plumpe Effekthascherei, ihr tumben Popcornkinomarionetten, hinfort mit euch, kusch kusch!“, spucke ich ihm entgegen, mit den Händen unterstrichen durch eine Bewegung, als ob ich Fliegen verscheuchen würde.

Mit spöttischem Tonfall umkreisen sie mich.

„Wie verhärmt er ist, so angespannt. Sieh nur Robin, er braucht ein wenig Auflockerung.“

„Tanzen und singen, das wird helfen, das hilft immer, Billy.“

„Bitte nicht, nein, nein, lasst mich!“, mein Protest geht in aufdröhnender Musik unter, während sie mich in die Mitte nehmen und wir uns in riesige zweidimensionale Pappmarionetten an langen Seilen verwandeln, um tanzend „Go Tell it on the Mountain“ zu singen, mit verändertem Text. Statt „Lord“ heisst es jetzt „Clown“ und anstelle von „Jesus Christ“ singen wir „Fantasy“. Krampfhaft versuche ich das Singen zu stoppen, aber meine Stimme gehorcht mir nicht.

Nach der Stelle „And if I am a jester, I am the least of all“ geht es wieder in den Refrain über, nachdem wir eine endlos lange Steppeinlage mit in die Gesichter gemeißeltem Lächeln abliefern. Zur Krönung taucht Gene Wilder aus dem Dunkel ins Rampenlicht und legt eine Metallsohle aufs Parkett, die uns anderen alt aussehen lässt, obwohl wir inzwischen wieder zur Dreidimensionalität angeschwollen sind. Adam Sandler und Ben Stiller geben den Hintergrundchor, allerdings bleiben sie zweidimensionale Flachpfeifen an Strippen.

„So lasst mich doch gehen, ich will nur raus aus diesem Alptraum!“, ich würde so gerne fliehen, doch mein Körper gehorcht mir nicht. Mittlerweile sind wir beim nächsten Lied angekommen, ein alter Swingsong, zu dem Jim Carey grimassenschneidend physisch unmögliche Verrenkungen tanzt, während ich ihn mit einer im Comicstil gezeichneten Maschinenpistole erschieße. Es nutzt nichts, er spuckt alle Kugeln mit gespitzten Lippen, einem Springbrunnen gleich, wieder aus und schenkt mir sein spöttischtes Lachen.

„Er versteht es einfach nicht!“ ruft Robin Williams und öffnet mit ausladender Geste eine imaginäre Tür. „Mary komm, es handelt sich um einen besonders hartnäckigen Fall, erklär Du es ihm!“ In meiner Hand verwandelt sich die Maschinenpistole zeichnerisch zu einem Regenschirm und Robins Tür kommend nimmt mich Mary Poppins mit einem gejauchzten „Verstehe den Spaß!“ an die Hand, und gemeinsam singen wir schunkelnd „Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt“.

Mit übermenschlicher Anstrenung schaffe ich es, mich loszureissen und ihr den Regenschirm über den Schädel zu ziehen. Sie kratzt sich bloß den Kopf vor ihrem abartigen Dutt und verkündet „Dieser Flegel ist ein hoffnungsloser Fall! In die Hölle mit ihm!“ Alle anwesenden stimmen zu einem rituellen, düsteren Murmeln mit ein, während sie mich einkreisen. „in die Hölle mit ihm, in die Hölle!“ Allen voran schubst Billy mich rückwärts und ich stürze in ein von Jim Carey in den Boden gezeichnetes Loch.

Lang herab, im Kreise drehend, geht es hinunter, wie in einer gigantischen, tiefschwarzen Wasserrutsche, bis sie mich im hohen Bogen in ein endlose Parklandschaft ausspuckt. Als Soundtrack läuft in Endlosschleife das Titelthema von Benny Hill und innerhalb von Sekunden werde ich genötigt wie eine überdrehte Slapstickcartoonfigur, nur eben ohne den Cartoon, aufgeregt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und für die Ewigkeit Verfolgungsjagden und alberne, gestellte Prügeleien mit schäbigen alten Komikern auszutragen.

Bitte holt mich zurück, Billy, Robin, Mary… ich will ja alles tun, ich bin auch brav!“ rufe ich schierer Panik, aber es gibt kein Zurück. „Seeliger Terry Pratchett, bitte schicke mir den TOD“ bettle ich, während ich einer Gruppe halbnackter Frauen mit Sombrero von hinten an den Allerwertesten grapschen muss, damit sie mich zur endlos laut dröhnenden Benny Hill Musik durch den Park jagen.

Terry Pratchett erbarmt sich meiner nicht, aber zumindest John Cleese spielt das Spiel mit und erschafft gehässig lachend einen Abgrund direkt vor mir, von dem aus ich in langem Bogen zum Strand hinab in meinen bereitstehenden Sarg stürze.

Mit einem Krachen schlage ich schweißgebadet auf dem Boden neben meinem Bett auf.

Was für eine Hölle. Dahin will ich niemals wieder zurück. Ich werde auch alles dafür tun, versprochen, Mary!“

Nach einem Moment des Wachwerdens stürme ich in die Küche, reiße den Vorratsschrank auf und schütte mir den Zucker direkt aus der Packung in den Mund. Ohne Löffelchen. Dafür lasse ich ihn mithilfe von Kaubonbons und Cola zu gigantischen Schaumwolken wieder herausquellen.

It’s magic!

 

© Jo Wolf

 

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