Mein erstes Mal

Okay, die Überschrift ist irreführend, ich lasse sie dennoch stehen. Es geht um das erste mal, dass ich mir mein Mahl ganz alleine selbst zubereitet habe. Irgendwie war es auch ein Mal, vielleicht sogar ein Malheur? Aber lest selbst:

Im Alter von 9 Jahren stand ich auf die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill. Sie reihten sich auf gleicher Ebene zuoberst des Podestes mit Winnetou, Robin Hood, Ivanhoe, König Artus, Lanzelot, Zorro und den 3 Musketieren ein. Auf dem Schulhof haben wir Szenen aus diesen Filmen nachgespielt. Und uns natürlich darum geprügelt, wer Captain Future, Greg oder Otto sein darf.

Wenn einer der Filme im TV lief und ich ihn sehen durfte, war das ein Festtag, mit viel Glück gab es sogar Chips zu knabbern. Das war allerdings eher selten der Fall. Wenn, dann vielleicht am Wochenende. Um ein solches geht es auch in dieser Geschichte. Allerdings ohne Chips… und ohne Eltern.

Es begab sich, dass zwei Ereignisse aufeinander trafen. Zum ersten lief ein Film mit Terence und Bud im Abendprogramm: „Die rechte und die linke Hand des Teufels“. Zum zweiten waren meine Eltern an dem Abend ausser Haus. Sie ein paar Wochen fuhren sie einen Abend in der Woche wieder gemeinsam zum Sport und es war beschlossen worden, dass ich inzwischen alt genug sei, für die paar Stunden alleine zu bleiben. Im Zweifelsfall wohnte ja auch meine große Schwester mit Familie im Haus.

Ich machte Freudensprünge, als ich in der TV-Zeitschreift die frohe Botschaft las. Der beste Film aller Zeiten und ich würde allein sein an dem Abend! Wie oft schon hatte ich schmachtend und sabbernd dabei zugesehen, wie die beiden Haudegen im Fernsehen ihre Bohnen feist direkt aus der Pfanne fraßen (Ja, fraßen! anders kann man das nicht nennen.) Das wollte ich auch, während der Film lief.

Meiner Mutter hatte ich schon oft in der Küche geholfen, beim schnippeln, rühren oder schälen. Die Zuarbeiten bekam ich gut hin. Kuchenteigreste aus Schüsseln lecken konnte ich sogar noch besser. Seit ich aus meinem Kinderkochbuch gelernt hatte, wie man Pfannkuchen und Waffeln zubereitet, war ich sogar der alleinverantwortliche Waffelbeauftragte an Sonntagnachmittagen. Ich sah mich also als erfahren und kompetent genug, dem Bohnenschmaus stand nichts im Wege.

Die Frage war nur… was kommt da eigentlich rein in die Pfanne, die sich die beiden Helden immer reinziehen? Bohnen, soweit klar, aber was für welche? Ein Blick in die Kochbuchsammlung meiner Mutter gab keinen Aufschluss. Im Internet recherchieren… naja, wir hatten trotz meiner Interventionen immernoch keinen Computer und keinen Selbstbausatz für einen Akkustikkoppler, mit dem man via Analogtelefon … ach lassen wir das. Kurz und bündig: Kein Internetzugang für Jojo in den Achtzigern!

Mein Weg führte mich also am Fernsehfestvorabend in den Vorratskeller. Regalbrett für Regalbrett suchte ich ab, bis ich was passendes gefunden hatte. Ein Glas grüne Bohnen und eine Dose Kidneybohnen. Die grünen Bohnen mochte ich nicht gerne und sie erschienen mir wenig texanisch. Kein Fraß für echte Cowboys!

Kidneybohnen hatte ich noch nie gegessen. Einladend sahen die irgendwie auch nicht aus, aber das dunkle Rot vermittelte schon einen Hauch von Andersartigkeit. Die würden es also werden. Einen Moment überlegte ich, die Dose hinter den vollen Einmachgläsern zu verstecken, aber wenn das vor dem Wochenende auffiel, wäre mein Plan sicher durchkreuzt. Also hoffen, dass meine Mutter nicht auf die Idee käme, sie bis zum Abend aller Abende zu verbrauchen.

Endlich war es soweit. Die Eltern hatten sich eine Minute zuvor mit den Fahrrädern auf den Weg zur Turnhalle gemacht. Mein Mutter war allerdings ein wenig irritiert gewesen, dass ich so interessiert daran war, dass sie auch wirklich pünktlich loskamen. Glücklicherweise war sie dem nicht weiter nachgegangen. Mütter können wirklich penetrant nachfragen, wenn sie erstmal ein Ungemach gewittert haben.

Ich sprang also hinab in die Kellergefilde, immer drei Stufen auf einmal nehmend, griff die Dose und stürmte damit hoch in die  Küche. Keine Zeit, um lange zu fackeln, der Film fing ja bald an.

Im Eilverfahren stellte ich den Herd an und die schwere, gußeiserne Pfanne auf die Platte. Die Dose war im Nullkommanichts geöffnet, Erfahrungen mit dem alten Einhanddosenöffner hatte ich ja schon sammeln dürfen. In einer fließenden Handbewegung kippte ich den kompletten Doseninhalt samt Flüssigkeit in die Pfanne und wartete, bis es an zu kochen fing. Ein bisschen fragwürdig erschien mir schon, dass das bereits alles gewesen sein sollte. Mir fehlten jedoch Ideen, was da sonst noch hineingehören könnte. In den Filmen war doch immer nur die Rede von Bohnen gewesen…

Unerschrocken fegte ich das Misstrauen beiseite, griff nach der schweren Pfanne und balancierte sie beidhändig ins Wohnzimmer, wo ich mich vorsichtig rückwärts auf den Fernsehsessel meines Vaters schob. Was für ein Sakrileg! Essen im Wohnzimmer, sowas gab es bei uns nicht, niemals, nichtmal an den höchsten Feiertagen. Gerade an denen nicht. Und sich dann dabei auch noch in seinen extragroßen, superweichen Luxussitz flezen. (In Wirklichkeit war der genauso wie die anderen Sessel auch, aber allein die tatsache, dass es ein Privileg war, darin sitzen zu dürfen, ließ ihn großartiger als alle anderen erscheinen.) Einzig meiner Großmutter wurden bei ihren Sonntagsbesuchen die Ehre zuteil, sich dort niederlassen zu dürfen. Aber jetzt war meine große Stunde gekommen. Ich war jetzt ein Mann, ich war verwegen, ich war ein Cowboy. Ich ritt die heilige Kuh!

Genau passend fing einige Sekunden später der Film an. Erste Szene: Terence Hill auf einer Pritsche faulenzend, gezogen von seinem Pferd, dazu die Titelmelodie. Einfach großartig. Bis zu dem Punkt in meinem jungen Leben hatte ich als Berufswunsch immer „Bibliothekar“ angegeben. Zumindest seit ich in der 1. Klasse der Büchersucht verfallen war. Seit ich dieser Filmszene änderte sich dies schlagartig. Ich wollte das Pferd und die Pritsche. Wie auch immer der dazu gehörende Beruf hieß.

Den Bohnengeruch in der Nase, wendete ich den Blick herab zur Pfanne. Appetitlich roch das nicht gerade. Aber ein Cowboy kennt keine Furcht. Mit dem großen Holzlöffel fuhr ich durch die Bohnensuppe und schaufelte mir einen gewaltigen Haufen davon in den Mund. Anfangs noch beherzt kauend, verzog ich mit jedem Bissen mehr das Gesicht. Das war wirklich nciht, was ich erwartet hatte. Alles andere als lecker. 2 oder 3 Löffel davon würgte ich mir dennoch runter.

DAS sollte der tolle Fraß sein, den meine Helden sich immerzu mit Hochgenuss reinschaufelten? Ich konnte es kaum glauben. Sie drohten in meiner Anerkennung weit nach unten zu sacken. Außerdem wurde die Pfanne inzwischen ganz schön schwer und zog meinen Arm nach unten. Das war alles ganz und garnicht heroisch. Die Filme hatten mir anderes versprochen. Aber die rettende Eingebung folgte rasch.

Schon in der zweiten Szene betrat Terence eine Art Bar und aß dort eine Pfanne Bohnen mit Speck und einem riesigen Kanten Brot. Die Erleuchtung trieb mich sogleich samt Pfanne zurück in die Küche. Rasend schnell, um möglich wenig vom Film zu verpassen, stellte ich die Pfanne wieder auf den Herd und griff ein Stück fetten Speck aus dem Kühlschrank.

Mit dem großen scharfen Fleischmesser ließen sich leicht ein paar dicke Streifen abschneiden. Die schmiss ich einfach in den köchelnden Bohnensud. Aus dem Brotschrank nahm ich mir das frische Weißbrot und tat es dem Wirt aus dem Film gleich. Einfach halbieren und die eine Hälfte auf einen Teller. Cowboys essen keine dünnen Scheiben.

Zurück im Wohnzimmer kaute ich zögerlich auf dem verbesserten Bohnengericht herum, aber als sich der Geschmack im Mund entfaltete, überkam mich ein heftiger Drang, das eklige Zeug wieder auszuspucken. Lauwarmer fetter Speck war absolut keine Aufwertung. Verzweifelt versuchte ich einen Happen von dem riesigen Stück Brot abzubeissen, um den Geschmack wieder aus dem Mund zu bekommen, was nicht einfach ist, wenn man in der anderen Hand auch noch eine gußeiserne Pfanne hält.

Wieder in der Küche angekommen war guter Rat teuer. Was machen mit dem widerlichen Fraß? Der erneute Blick in den Kühlschrank brachte auch keine Erleuchtung. Also bediente ich erstmal der elektrischen Brotschneidemaschine, um den überdimensionierten Kanten doch auf beißtaugliche Größe zu reduzieren. Das alleinige Bedienen dieser Todesmaschine war mir zwar unter Ankündigung fürchterlicher Strafen wie z.B. Zimmerarrest verboten, aber was scherte das schon einen ganzen Kerl. Die Brotkrümel beseitigte ich dennoch penibel, um nicht aufzufliegen. Sicher ist sicher.

Was nun mit dem missratenen Pfannendebakel anstellen? So bekam ich das nicht den Hals runter. Ein weiteres Absuchen des Kühlschrankes brachte die Lösung. Der Currygewürzketchup, der tötet jeden anderen Geschmack ab! Eine halbe Flaschenfüllung sollte ausreichen, um die vor sich hinköchelnde Abscheulichkeit genießbar zu machen.

Ich beeilte mich, schliesslich lief der Fim ja weiter und ich würde noch alles verpassen. Hektisch schüttelte ich die Pulle damit endlich die ersehnte Soße rausfloß. Wohl ein wenig zu wild, sie begann zu rutschen, ich versuchte sie noch mit der anderen Hand zu halten, aber es war schon zu spät, mit einem Klatschen fiel sie in die Pfanne und einige Spritzer des siedenen Bohnenwassers schoßen im hohen Bogen auf meinen Arm.

Fluchend und den Schmerzschrei unterdrückend, damit meine Schwester im 1. Stock nichts hörte, schüttelte ich diesen und rieb mir die schmerzende Haut, was es noch schlimmer machte. Kaltes Wasser aus dem Hahn schaffte aber schnell Linderung. Schöne Bescherung, ich starrte zornig auf den eingesauten Herd, während mein Unterarm noch einige Minuten brauchte, um im Spülbecken genügend heruntergekühlt zu werden. Das entwickelte sich alles überhaupt nicht so, wie es mir ausgemalt hatte. Schlimmer noch, ein aufkommendes Bruzzelgeräusch und damit einhergehend, verbrannter Gestank verriet, dass der Bohnenmittlerweile anbrannte. Die Pfanne von der Platte zu ziehen verhinderte nur noch das schlimmste.

Weitere 10 Minuten später hatte ich den Herd wieder sauber geputzt und stiefelte ins Wohnzimmer. Diesmal mit einem Teller, knapp halb gefüllt mir Bohnenwasauchimmer und einer Scheibe Brot. Den großen hölzernen Kochlöffel hatte ich gegen einen einfachen Suppenlöffel eingetauscht.

So richtig viel besser schmeckte die Bohnenmatsche noch immer nicht. Mit einigen Scheiben Brot und noch mehr Gläsern Wasser zum runterspülen, schaffte ich es aber den teller leer zu essen. Bud Spencer verprügelte währenddessen einige idiotische Ganoven. Das versüßte das mißratene Abendmahl und ich rutschte für eine Weile tiefer in den gemütlichen Fernsehthron, um den Film endlich angemessen zu genießen.

Aber was nun mit dem restlichen Gematsche in der Pfanne anstellen? Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es nicht mehr so ganz lange dauern konnte, bis die Eltern heimkehrten. Die durften auf keinen Fall herausfinden, was hier gelaufen war. Entschlossen griff ich die Pfanne und kippte den Beweis meiner abendlichen Kochaktivitäten unter ständigem Rühren in den Mülleimer, entsorgte die Mülltüte nach draussen in die graue Tonne, füllte dort wieder ein wenig Restmüll in eine frische Mülltüte, damit es nicht auffiel, dass der Abfall herausgebracht worden war.

Mit viel Schrubben bekam ich die schmiedeeiserne Pfanne auch gerade eben noch gesäubert. Als ich sie nach dem Abtrocknen in den Schrank zurückstellte, hörte ich draussen das Gartentor aufgehen und flitzte zurück zum Fernseher und in den mir zustehenden Schmalspurfernsehsessel.

„Na, Jojo, ist der Film gut? War irgendwas?“

„Nein, Papa, nichts besonderes.“

„Wieso ist denn mein Sessel umgedreht? Hast Du darauf gesessen?“

„Deeen… hab ich Dir schonmal zurechtgerückt, damit Du das Ende vom Film mitguckst.“

„Sei ehrlich, Jojo, hast Du Dich da breitgemacht?!“ seinem entwaffnenden Grinsen konnte ich nie was entgegensetzen.

„Nur so ein bisschen, ganz kurz, um ihn Dir vorzuwärmen!“

Mit gespieltem Empören hob er den tadelnden Zeigefinger. „Du Lump! Darfst Du das denn? Ich hab sofort gemerkt, das was los ist. Ich merke Dir das immer an.“

Mit großen Augen schaute ich ihn verlegen an. „Ja, ich weiß. Tschuldigung“

Bevor er weitere Informationen aus mir herauspressen konnte, kam zum Glück meine Mutter zu Hilfe.

„Du immer mit Deinem blöden Sessel, der reinste Tick ist das, geh mal lieber die Sporttasche auspacken und lass Jojo den Film zu Ende sehen.“

Zustimmend mit dem Kopf nickend entkam ich der Situation. Die kleinen roten Male am Unterarm habe ich lieber unter der Decke getarnt. In der folgenden Woche wurde nämlich die Fortsetzung „Vier Fäuste für ein Hallelujah“ gezeigt. Das durfte auf keinen Fall gefährdet werden, weil mich doch lieber nicht mehr allein ließ, oder mir einen gar einen Aufpasser an den Hals schickte.

Echte Männer brauchen keine Babysitter. Auf ein neues!

 

21 Kommentare zu „Mein erstes Mal

Gib deinen ab

      1. Gerne. Du schreibst – und ich hatte das Gefühl alles hautnah mit zu erleben. Ich schmeckte förmlich die Bohnen und war angespannt, ob du das Chaos noch beseitigt bekommst, bevor die Eltern heim kommen. Teilweise lachte ich Tränen.
        Danke für die herrliche und herzliche Erinnerung!
        Ich fühlte mich in meine Kindheit versetzt. Fern sehen war Luxus pur. Zum Anfang noch auf kleinem Bildschirm und schwarz-weiß. Jeder hatte seinen festen Platz und „vor dem Fernseher“ essen, oh nein, das durften wir auf keinen Fall…..

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      2. Danke, smilane,, das freut mich ungemein, um genau das auszulösen, erzähle ich Geschichten. 🙂
        Ich weiß noch, als unser S/W Fernseher kaputt ging, hoffe ich, dass wir jetzt einen mit Farbe bekommen. Das passierte nicht, allerdings hatte der neue eine kabelgebundene Fernbedienung. Wenn man die weiterreichen wollte, musste man das Kabel wie ein Springseil durch den Raum schnappen lassen, da hätten in der Mitte zwei Kinder Seilchen springen können xD

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      3. Ach ja, unsere Kindheit hatte was ….😊 Erinnerungen, auch wenn sie unspektakulär erscheinen, sind schön. ( ja, es gibt auch die andere Seite, die „nicht schöne“….). Doch die Geschichten, einfach so aus dem Alltag gegriffen, die faszinierten mich schon immer. Ich hörte sooo gerne meiner Oma oder meinen Onkeln zu, wenn sie von „Früher“ erzählten. Das war so eine ganz andere Welt. So weit weg und doch so nah. Heute sind wir „aus dem mittleren Alter“ die „FrüherGeschichtenErzähler“ …..

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  1. Der verbergen Einfallsreichtum, alles noch schnell sauber putzen, damit niemand was merkt, den halben Mühl raus bringen 😀wer kennt das nicht 😊 nur doof wenn die Muttis dann merken wenn es sauberer ist als vorher 😮
    …. herrlich erzählt
    …mit blauen 🐘 Grüßen

    Gefällt 1 Person

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