Anschauliches Erklären

Manchmal erlebe ich skurille Situationen an den unerwartesten Orten. Diese hier gebe ich so gut geht es, nicht sinngemäß, sondern wortwörtlich wieder.

„Die Frau Doktor hat noch ein Medikament für meine Hündin aufgeschrieben.“

„Einen Moment bitte, Herr Wolf, ich gebe es ihnen sofort.“

Die Tierarzthelferin greift ein Päckchen aus dem Schrank hinter sich und öffnet es. Ich kenne sie schon seit Jahren, seit wir mit den Hunden zu dieser Praxis gewechselt sind. Heute scheint sie Halsschmerzen zu haben. Ein dickes Halstuch ist um ihren Hals gewickelt und sie lautscht geräuschvoll ein Kräuterbonbon. Die halbleere Bonbondose steht vor ihr auf dem Tisch.

„Haben sie schon Erfahrung mit dem Medikament, sonst muss ich ihnen das erklären.“

„Nein, das hier kenne ich noch nicht.“

„Da ist eine Spritze dabei, um es ihnen oral zu geben. Es ist etwas knifflig ihnen das zu verabreichen, dass sie auch wirklich alles schlucken. Das mögen die Süßen meistens nicht und wehren sich. Am besten wäre es, das zu zweit zu machen. Einer hält ihr den Kopf fest, während der andere es ihr reinschiebt.“

Ich stutze ein wenig wegen der Wortwahl und erkläre ihr dann, dass ich das Verabreichen des Medikaments wohl alleine durchführen muss.

„Na gut, das geht aber auch. Sie ziehen die Spritze vorher schon bis zu der Markierung mit der Flüssigkeit auf und dann müssen sie ihr irgendwie das Mäulchen aufhalten, das geht mit einer Hand nicht so gut. Am besten spritzen der Süßen von der Seite rein, aber nicht nur so gerade zwischen die Backenzähne schieben! Die lassen alles einfach wieder rauslaufen, wenn es in der Mundhöhle landet. Sie müssen es der Kleinen richtig tief bis hinten rein schieben, bis sie fast in der Kehle sind und dann die ganze Ladung mit einem mal abspritzen, dass das sofort alles in die Kehle schießt und sie es nicht wieder ausspucken kann.“

Sie hantiert gestenreich mit der Spitze in der Hand rum und imitiert mittels der flachen Hand, wie sie druckvoll die Spritze verabreichen würde. Eigentlich sieht es mehr nach reinrammen aus, was sie da vorführt, während sich vor meinem inneren Auge Bilder abspielen und ich mir das Grinsen mit Gewalt verkneife.

„Es kann gut sein, dass sie das ein paarmal üben müssen. Beim ersten mal klappt das oft nicht so gut. Einfach nicht aufgeben, aber das wird  schon, wenn sie das so machen wie ich sage. Also nochmal: Vorher schön aufziehen und das Mäulchen aufhalten und dann einfach schnell machen, richtig tief hinten rein schieben und dann die volle Ladung mit Druck richtig tief hinten in die Kehle mit einem einzigen Schuß abspritzen. Das ist nicht so schön für das Mäuschen, aber da gewöhnt die sich dran und es muss ja sein. Sie glauben garnicht, wie gerissen die Mädels da sind. Die tun sogar so, als ob sie alles geschluckt hätten und hinterher lassen sie heimlich alles wieder rauslaufen. Hab ich alles schon selbst erlebt, Herr Wolf!“

Während sie laut Bonbon lutschend ihr Halstuch zurechtrückt, ringe ich um Fassung und versuche krampfhaft nicht loszuprusten. Mehr als ein mit hoher Stimme nach innen gepresstes „mhmm“ bekomme ich nicht rausgesummt. Stattdessen nicke ich vorsichtig, um zu signalisieren, dass ich verstanden habe. Eine Träne drückt sich unaufhaltsam Richtung meiner Wange.

„Dreimal täglich müssen sie ihr das reinspritzen. Aber glauben sie mir, da gewöhnen sich die Süßen dran, das schmeckt auch garnicht so schlecht, ist leicht süß,  nach einiger Zeit freuen die sich da sogar drauf. Nur das reinschieben ist halt unangenehm, aber da kann ja nicht wirklich was passieren, zu tief dürfen sie natürlich auch nicht rein, aber da kriegen sie schon ein Gefühl für. Je besser und öfter sie es machen, desto einfacher wird es für das süße Mädel. Haben sie noch Fragen?“

Ich habe kein Fragen mehr, ich will einfach nur raus und meinem Lachanfall freien Lauf lassen. Mühsam presse ich raus „Nein, hab verstanden. … Tief in die Kehle rammen,…die volle Ladung abspritzen  und … die süße Maus muss alles … schlucken. … Kriege ich hin.“

Für einen Moment erstarrt die arme, halskranke Arzthelferin und läuft dann puterrot an. Zum Glück muss ich nicht bezahlen, da wir der Praxis eine Lastschriftvollmacht erteilt haben. Sie reicht mir wortlos die Medikamentenschachtel und ich kann gehen. Aber leider bin ich nunmal ich und kann mir zum Abschied ein „Ich wünsche ihnen einen schönen…“ …Atempause… „Tag… und gute Besserung wegen ihrer“ … tief einatmen… „Halsschmerzen!“

Beim Verlassen der Praxis schießen die ersten Tränen des Lachkrampfes hervor.

© Jo Wolf

 

18 Kommentare zu „Anschauliches Erklären

Gib deinen ab

  1. Alter Schwede, ich wäre geplatzt vor lachen .
    Wer doppeldeutig denkt hat definitiv mehr Spass im Leben .
    Und du hast den perfekten Abgang hingelegt.
    Ich ziehe meinen Hut .

    LG Jule

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