Impressions – Ruhr Valley (6)

Dortmund City Evening Mood
Picture by Lyrix, 2022, Ruhr Valley, Germany

Ich hatte einen schönen Samstag mit perfekten Wetter, war in der Innenstadt, flanieren, einkaufen, essen, dem lebhaften Treiben der Leute zusehen, Fotos schießen. Und mir dabei Zeit lassen.

City Life

Zum Abschluss habe ich noch eine Weile so da gesessen, die Kamera neben mir abgelegt, meine Dampfe Wölkchen produzieren lassen und bin dann irgendwann Richtung Bahnhof spaziert, um nach Hause zu fahren. Nach ein paar Minuten ging mir durch den Kopf, dass ich mich nicht erinnern konnte, meine Kamera wieder in den Rucksack geräumt zu haben. Also nachsehen… und tatsächlich, sie war nicht da. Da ging mir die Düse. Ich hatte sie liegen gelassen, wo ich pausiert hatte. 17 Jahre habe ich die gute alte Canon 350D. Eine neue zu kaufen sitzt gerade nicht drin. Mir ging die Düse und ich bin echt schnell geworden. Den Weg zurück hasten, aber ich war mir sicher, dass sie in den 10 Minuten garantiert jemand gesehen und mitgenommen hat.

Schwer atmend kam ich an die Stelle zurück und sah schon aus der Ferne drei junge Männer, die sich mit irgendwas beschäftigten, das einer von ihnen in der Hand hielt. Und wirklich, es war meine Kamera. Ich ging freudig „Man habe ich ein Glück heute!“ rufend auf die drei zu, nahm ihm meine Kamera mit einigen Dankesworten aus der Hand. Die drei waren völlig perplex, versuchten noch in Frage zu stellen, ob das überhaupt wirklich meine Kamera war. Darüber bin ich einfach hinweg gegangen. Der eine wollte zum Beweis, dass ich der Besitzer sei, dass ich ihm auf der Kamera ein Foto von mir zeige. Lachend erklärte ich ihm, dass ich mit meiner Spiegelreflexkamera in der Regel keine Selfies mache.

Kurzerhand schoß ich ein paar Fotos von den dreien (das sind übrigens nicht die auf dem S/W Foto oben, das sind random people), bot ihnen an, auch noch einige Portaitaufnahmen zu machen. Der eine hatte danach gefragt, ich glaube, er wollte sehen, ob ich mit der Canon umgehen kann, um mich womöglich doch noch zu überführen, dass ich mir das Ding unrechtmäßig aneigen wollte. Naja, sie waren schnell überzeugt, dass ich damit umgehen kann und hatten Spaß bei den Aufnahmen. Wir nahmen messengerkontakt auf und ich schicke ihnen die entwickelten Fotos zu.

Die drei kommen aus Syrien, arbeiten in der Baubranche, einer ist Unternehmer und möchte bald heiraten. Deswegen fragte er noch nach weiteren sehr nahen Portaitaufnahmen seiner beiden Brüder (anscheinend waren die drei Brüder, sahen sich kein bisschen ähnlich), auf denen sie lächelten. Habe ich auch noch gemacht, als dann noch eine Gruppe junger Damen vorbei kamen, versuchten sie die zu animieren, sich auch noch mit ihnen ablichten zu lassen. Das war denen aber sichtlich unangenehm und ich löste die Situation mit einem lachenden „Das sind jetzt aber nicht auch noch eure Schwestern, oder Jungs?“.

Als dann noch eine Großgruppe junger Kerls vorbeilief, kam es zum Wortgefecht, diese wollten auch fotografiert werden. Die drei protestierten, dass ich „ihr“ Fotograf sei. Ich fragte, ob sie die Neuankömmlinge kennen würden, was sie verneinten. Ich habe trotzdem alle zu einem Gruppenfoto animiert. Sie stellten sich brav auf, blieben aber etwas steif und weit auseinander stehend, also dirigierte ich sie zusammen und kommandierte kurzerhand „Na kommt schon, dichter zusammen alle, schön kuscheln, sonst wird das nichts!“. Haben sie gemacht, ausgezeichnet. 😁

Nach meiner Meinung zum Thema Ehe wurde ich auch noch befragt, also gab ich kurzerhand ein paar Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz zum besten. Einer der drei versuchte dann sehr platt ein paar vorbeigehende junge Mädels anzugraben. Er hob die Hände und rief mit schmierigem Tonfall „Oh! Ah! So Schönheiten!“ aus. Die gingen einfach weiter und er bekam ein kurzes „Oh! Sooo nervig!“ an den Kopf geknallt.

Wo ich eh schon als Berater zum Thema Ehe von ihnen angefragt worden war, machte ich gleich weiter und riet ihm, Frauen eher respektvoll zu behandeln und nicht so blöd anzugraben, dass würde sicherlich eher zum Erfolg führen. Er könne sicherlich auch so eine abkriegen, aber dann vielleicht nicht unbedingt eine, die er will. Hat er dann auch eingesehen, verwies aber darauf, dass er bereits verheiratet sei und keine weitere wolle, obwohl ihm dass religiöserseits erlaubt wäre. Würde er dennoch nicht machen. Interessant fand ich, dass bei einer solchen Ehe mit mehreren Frauen, jede genau gleich behandelt werden muss. Geschenke, Aufmerksamkeiten, alles muss gleichwertig sein und wenn es nur um ein paar geschenkte Socken geht. Wieder was gelernt. Klingt für mich nach viel Konfliktpotential, offen gestanden.

Da ich eine offene Beziehung führe und dadurch mit meiner aktuellen durchschnittlichen Beziehungsstatistik oberhalb von 1,0 liege, gab ich auch hier die Rückmeldung, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Man muss ja auch Zeit füreinander haben, neben Job, Hobbys, Freunde, Familie, anderen Verpflichtungen und Interessen mündet sowas in ständiger Terminplanerei und zu kurz kommen will ja auch niemand. Die Info, dass ich mit nicht nur eine „Beziehung“ führe, war dann doch ein bisschen viel (und ist ja so auch nicht gaaanz richtig^^) und sorgte viel albernes Gekicher, bis wir uns trennten. Sie gingen was trinken und ich nach Hause.

Das war ein sehr unterhaltsamer Abend, ich habe interessante Menschen kennengelernt und meine Kamera habe ich auch wieder. Läuft! 😅

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24 Kommentare zu „Impressions – Ruhr Valley (6)

Gib deinen ab

  1. Da hat einer aufgepasst und dir die richtige Gesellschaft geschickt. Kamera 📷 noch da und nette große Kinder. Hätte sich irgend ein Arschloch im vorübergehen wortlos einstecken können. Hat es aber nicht – meinen Glückwunsch 👍💐🍀
    Und Grüße 👋

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      1. Naja, jeder kann auch alles anzweifeln, nur zum Selbstzweck, selbst ohne dabei gewesen zu sein 😂
        Das ist dann im Bereich von „hätte, wäre, könnte“ … Da erkenne ich keinen Sinn drin.
        Fakt ist, sie haben sie gefunden, ich habe sie wiederbekommen und es war ein nettes und auch lustiges Erlebnis. 😃

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      2. Eben, alles andere ist sinnloses naträgliches lamentieren über möglicherweise vorhanden gewesene Absichten, die ja schliesslich auch weniger ehrenwert hätten gewesen sein können, als es wünschenswert gewesen wäre, wenn es denn so gewesen wäre. Da sehe ich jetzt keinen Verstand hinter, schon garkeinen gesunden… 😋

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      3. Puh, aha…
        Nach manchen Erfahrungen dieser Art, glaube ich weniger an ehrliche Menschen.
        Wäre für mich dann schon eine Überraschung wenn es so wäre.
        Aber sag niemals nie.
        Du hast da wirklich Glück gehabt, mit allem drum und dran.

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      4. Das ist dann eine Frage von Statistik und Generalisierung. Aber wozu soll es gut sein, Leuten, die mir nichts getan haben, die ich kaum kenne und du garnicht kennst, im Nachhinein irgendwas zu unterstellen, dass sie möglicherweise gemacht hätten oder nicht gemacht hätten?
        Glück hatte ich gestern in jedem Fall! 😊

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    1. Ja, manchmal wundert es mich selber, wie ich in so Situationen gerate.

      Warum sollte in Nordkirchen nichts dergleichen passieren können? Ich hatte schon wundersamste Begegnungen an den verschiedensten Arten von Orten 😄

      Vielleicht finden wir das ja in Nordkirchen noch heraus 😉

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    1. Das is aber auch „meine“ Stadt! 😁

      Naja, ich bin zugezogen und immer nur Teildortmunder geblieben… Aber zum Teil sitzt schon eine Ruhrpottattitüde in meiner Persönlichkeit verankert. Das merke ich immer, wenn ich in die Heimat fahre 😅

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      1. ach, so ernst nehme ich das gar nicht mit meiner/deiner/unserer Stadt 😉😀, sondern freue mich einfach, wenn sie sich ab und an mal von ihrer besten Seite zeigt – das Gegenteil zeigt sie ja leider auch häufig genug. Liebe Grüße, Annette

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      2. Ich habs auch nicht so mit Lokal-, Regional-, oder Nationalpatriotismus. Wie Volker Pispers einst sagte: „Ich hab schon soviel damit zu tun, Mensch zu sein, zum deutsch sein komme ich da nur gaaanz selten.“ 😄

        Dortmund und der Pott als ganzes ist halt vielseitig … ich zeige gerne alle Seiten, die mir auffallen und mir vor die Linse springen 😁

        Liebe Grüße, Frank

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